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Kommentar: Die Kritik am bayerischen Raumfahrtprogramm Bavaria One ist gruselig!

Wolfgang Kerler 04.10.2018 Lesezeit 5 Min

Das Logo mit Söder-Konterfei ist peinlich. Der Name ist großspurig. Das Timing kurz vor der Landtagswahl ist durchschaubar. Aber davon abgesehen stecken in der bayerischen Raumfahrtstrategie Bavaria One ein paar interessante Vorschläge. Die Kritik daran ist zum Teil erschreckend unfortschrittlich, findet WIRED-Redaktionsleiter Wolfgang Kerler in seinem Kommentar.

Es ist wirklich schade, dass Markus Söder die Präsentation der bayerischen Luft- und Raumfahrtstrategie so vergeigt hat. Der Name Bavaria One soll wohl an die großen Weltraum-Missionen der NASA erinnern. Für ein traditionelles Förderprogramm, mit dem Forschung und Wirtschaft unterstützt werden, ist das ziemlich großspurig.

Noch schlimmer ist das Logo mit Söder-Konterfeit, das offenbar die Junge Union gebastelt hat. Obwohl es nicht offiziell ist, hat sich der CSU-Ministerpräsident bereitwillig davor ablichten lassen und das Foto auch noch per Tweet verbreitet. Angesichts des ohnehin schon durchschaubaren Timings – knapp zwei Wochen vor der Landtagswahl – war es eigentlich klar, dass er dafür Hohn und Spott ernten wird. Die Witze gehen auch völlig in Ordnung. Die zweite Kategorie der Kritik an Bavaria One ist allerdings ziemlich gruselig.

Da wäre die Reaktion von Hubert Aiwanger, dem Chef der Freien Wähler, die in Bayern traditionell recht stark sind. Aiwanger meckerte per Pressestatement: „Bayern soll erst mal die naheliegenden technischen Probleme unseres Wirtschaftsstandortes – wie Mobilfunklöcher und fehlendes flächendeckendes Internet – lösen, bevor wir die Staatskasse ruinieren und in den Weltraum abheben.“

Ganz ähnlich las sich auch der Tweet von Kevin Kühnert, dem Chef der Jusos, mit dem er Markus Söder direkt antwortete: „Worin Sie währenddessen nicht investieren: Bezahlbare öffentliche Wohnungen, gebührenfreie Kitas, unbefristete Jobs für Angestellte Lehrkräfte und vieles mehr. Vielleicht muss man wirklich hinterm Mond leben, um Prioritäten so zu setzen.“

Wir dürfen nicht die nächste Zukunftstechnologie verschlafen!

Natürlich haben Aiwanger und Kühnert einerseits Recht: Wir brauchen ein verlässliches Mobilfunknetz und schnelles Internet, genügend bezahlbare Wohnungen und bessere Bedingungen für Eltern und Lehrer. Die CSU ist alles andere als unschuldig daran, dass es hier so viele ungelöste Probleme gibt. Aber das heißt doch nicht, dass man deswegen nicht in Zukunftstechnologien investieren sollte!

Wir haben schon das Internet, das Smartphone und fast die Elektromobilität verschlafen. Das darf uns mit der Raumfahrt nicht schon wieder passieren, die bis 2040 einen jährlichen Umsatz von einer Billion US-Dollar erwirtschaften soll. Bisher scheinen dafür vor allem amerikanische Unternehmen wie SpaceX oder Blue Origin gerüstet. Das sollte sich ändern.

Ohne Firmen, die Spitzentechnologien beherrschen, werden wir uns angesichts der demografischen Entwicklung irgendwann weder Sozialwohnungen noch Kita-Plätze leisten können. Spätestens seit Dieselgate müsste außerdem jedem klar sein, dass wir uns nicht nur auf der Automobilindustrie alleine ausruhen können.

Es geht nur um 700 Millionen, nicht um Milliarden

Aiwanger und Kühnert klingen fast so, als würde es bei Bavaria One um Unsummen gehen. Tatsächlich will die bayerische Regierung in den kommenden Jahren 700 Millionen Euro investieren. Bei einem Staatshaushalt von über 60 Milliarden Euro im Jahr, kann (oder könnte) der Freistaat zusätzlich auch in Projekte investieren, die den Kritikern besser gefallen.

Wer sich die Bausteine der bayerischen Luft- und Raumfahrtstrategie durchliest, wird schnell feststellen, dass es sich dabei um handelsübliche Förderprojekte handelt. Um nur ein paar Punkte aus dem bunten Strauß an Maßnahmen aufzugreifen: Die Technische Universität München, die ohnehin zu den wichtigsten Adressen in diesem Forschungsbereich gehört, soll die größte Fakultät für Luft- und Raumfahrt in ganz Europa bekommen – mit rund 50 Professuren und 2000 Studienplätzen. Außerdem soll die Unterstützung für Space Start-ups verbessert werden. Bei der Technologie für Kleinsatelliten und Trägerraketen möchte Bayern führend werden. Und: Der Freistaat will seinen eigenen Erdbeobachtungssatelliten ins All schicken und eine eigene Hyperloop-Teststrecke bauen.

Im Detail ist der Plan nicht allzu größenwahnsinnig

Anders als der gigantische Titel Bavaria One vermuten lässt, ist die Strategie also nicht allzu größenwahnsinnig. Denn Bayern ist bereits ein wichtiges Zentrum der Luft- und Raumfahrt. Neben den Standorten von Airbus, der Ariane Group oder dem Deutschen Zentrum für Luft- und Raumfahrt (DLR) haben sich im Raum München auch vielversprechende Start-ups angesiedelt.

So entwickeln die Gründer von Isar Aerospace Raketenmotoren, mit deren Hilfe Kleinsatelliten ins All geschossen werden können. Ein Markt mit viel Potenzial. Auch sollte man die Erfolge von Münchner Studenten nicht vergessen, die den weltweit schnellsten Hyperloop-Pod entwickelt haben. Noch weiß niemand, ob sich das Konzept, Güter oder Personen in Kapseln mit Hochgeschwindigkeit durch Röhren zu schießen, durchsetzt. Aber es deswegen nicht zu versuchen, wäre fahrlässig. Das gilt auch für die vielfach verspotteten Flugtaxis, die ebenfalls im Plan der bayerischen Regierung vorkommen.

Selbst wenn sich in der Branche auch einige Profis über die Söder-Show lustig machen, gehe ich nicht davon aus, dass Bavaria One dem Standort München schadet, wie andernorts befürchtet wird. Jedem dürfte klar sein, dass gerade Wahlkampf herrscht. Wenn der vorbei ist, kommt es darauf an, die Maßnahmen aus der Strategie auch umzusetzen. Eine Raumfahrt-Fakultät oder die Entwicklung eines neuen Satelliten könnte Wissenschaftler, Unternehmen und Start-ups nach Bayern locken. Die schaffen bestenfalls Arbeitsplätze und zahlen Steuern. Das dürfte dann auch Hubert Aiwanger und Kevin Kühnert freuen.