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Kick-Scooter: Elektrische Tretroller könnten ab Anfang 2019 in Deutschland legal sein

Tobias Schaffrath Rosario 04.11.2018 Lesezeit 6 Min

Noch sind sie in Deutschland nicht zugelassen: elektrische Tretroller, auch Kick-Scooter, genannt. Sie sind zwischen 20 und 30 Stundenkilometer schnell, fahren elektrisch und nehmen nicht viel Platz weg. In den USA wurden sie daher schnell zum Trend – sorgten aber auch für viel Kritik und Sicherheitsprobleme. Dennoch sollen sie bald auch in Deutschland erlaubt werden. Amerikanische und deutsche Firmen bringen sich dafür in Stellung.

Wie groß der Hype um Kick-Scooter in den Vereinigten Staaten ist, zeigt sich an folgendem Beispiel: Dass Start-Up Bird, das einen Sharing-Dienst für Kick-Scooter anbietet, wurde von Investoren bereits kurz nach seinem Markeintritt mit zwei Milliarden US-Dollar bewertet. Kein Wunder, denn in Städten wie Los Angeles oder San Francisco gehören die elektrischen Fahrzeuge inzwischen bereits zum Stadtbild.

Befürworter von Kick-Scootern sehen in ihnen die perfekte Lösung für verstopfte Straßen und Umweltverschmutzung. Bird selbst nennt sie eine „sichere, kostengünstige und umweltfreundliche Verkehrslösung“. Doch nicht alle teilen diese Begeisterung.

In den USA wächst die Kritik an Kick-Scootern

Der Hype in den USA entstand Anfang des Jahres nämlich auch, weil sich die Roller weitgehend unreguliert verbreiten konnten. Neben Bird drängten zahlreiche andere Start-Ups wie Lime oder Spin in den Markt, die ebenfalls E-Roller-Sharing anbieten. Auch der Fahrdienstleister Uber erprobt gerade das Geschäft mit Kick-Scootern.

Mit der steigenden Zahl von Scootern auf amerikanischen Straßen, stieg aber auch die Zahl an Klagen über die elektrisierten Mini-Fahrzeuge. Alleine zwischen dem 11. April und dem 23. Mai dieses Jahre reichten 1.900 Leute Beschwerde bei der Verkehrsbehörde von San Francisco (SFMTA) ein, wie The Verge berichtete. Dabei ging es vor allem um zwei Probleme: Einerseits beschwerten sich viele Anwohner, dass die Scooter oft nicht sachgerecht abgestellt werden und die Bürgersteige blockieren. Andererseits äußerten viele enorme Sicherheitsbedenken.

Die Meldungen von Unfällen auf den Kick-Scootern häufen sich: Laut einer Recherche der Washington Post kam es im Sommer zu einer richtigen Welle an Verletzungen. In einer großen Klinik in San Francisco, zum Beispiel, wurden demnach zehn Opfer pro Woche behandelt. In Cleveland kam es im August sogar schon zu einem ersten Todesfall auf einem Kick-Scooter. Eine 21-jährige wurde von einem PKW-Fahrer angefahren und erlag ihren Verletzungen.

Deswegen verbat die Stadt San Francisco die Roller im Sommer vorrübergehend, um die Probleme einzudämmen. Das Verbot hielt aber nicht lange, im August erlaubte die Stadt die E-Roller wieder, gewährte dabei aber nur zwei Firmen eine Lizenz: Scoot und Skip. Sie dürfen seit Oktober für sechs Monate je 625 Kick-Scooter auf die Straßen der Stadt schicken. Außerdem hält sich die Stadtverwaltung die Option offen, die Zahl nach der sechsmonatigen Testphase auf 2.500 zu erhöhen. Die Voraussetzung: Die Firmen müssen sich kooperationsbereit zeigen. Dass Anbieter wie Bird keine Erlaubnis mehr bekommen haben, wird damit begründet, dass sie in ihrer Expansionsphase auf den Dialog mit der Stadt verzichtet haben und ihre Roller einfach auf die Straßen stellten.

Alle Anbieter, vor allem Bird, zeigen sich nun lernbereit: Mittlerweile ist man gewillt, in den Dialog mit den Städten zu treten. Außerdem wird betont viel Wert darauf gelegt, dass die Scooter verantwortungsvoll genutzt werden. In den Apps zum Ausleihen der Tretroller gibt es neuerdings Anleitungen zum sicheren Fahren und es sind Mitarbeiter auf den Straßen unterwegs, die Nutzer der Sharing-Dienste über richtiges Verhalten auf den Rollern aufklären.

Kick-Scooter in Deutschland voraussichtlich ab Anfang 2019 erlaubt

In Deutschland sind „Elektrische Kleinstfahrzeuge“, wie die Kick-Scooter im Verwaltungsjargon genannt werden, für den Straßenverkehr bisher nicht zugelassen. Denn unser Rechtssystem funktioniert anders als in den meisten Ländern: Dort wird erst einmal alles erlaubt, was nicht explizit verboten ist. In Deutschland ist alles verboten, was nicht explizit erlaubt wird. Da die Kick-Scooter nicht ins vorhandene Raster der Straßenverkehrsordnung passen, ist ihr Einsatz verboten. Was einen Motor mit mehr als 250 Watt Leistung hat – was bei den meisten Kick-Scootern der Fall ist – und nicht auf Schienen fährt, ist laut Verkehrsordnung ein Kraftfahrzeug. Fahrer brauchen daher eine Fahrerlaubnis, eine Haftpflichtversicherung und vor allem eine Straßenzulassung, die rechtlich bisher gar nicht geregelt ist.

Das soll sich aber bald ändern. Im Bundesverkehrsministerium überarbeitet man aktuell die Straßenverkehrsordnung, um die Elektro-Tretroller auch auf deutschen Straßen zuzulassen. Daniela Ludwig, die verkehrspolitische Sprecherin der CDU/CSU-Bundestagsfraktion, begleitet das Vorhaben von der parlamentarischen Seite aus. Sie bestätigte WIRED: „Die neue Elektrokleinstfahrzeuge-Verordnung tritt voraussichtlich im 1. Quartal 2019 in Kraft. Sie bezieht sich auf Fahrzeuge wie z.B. E-Scooter, die bis zu 20 km/h schnell sein können. Ziel ist es, Rechtssicherheit zu schaffen, um Inhabern von Elektrokleinstfahrzeugen die reguläre Teilnahme am Straßenverkehr zu ermöglichen.“

Aus dem Verkehrsministerium selbst hieß es auf WIRED-Anfrage: „Vorgesehen ist, dass Elektrokleinstfahrzeuge zukünftig verkehrsrechtlich wie Fahrräder behandelt werden.“ Um die Sicherheit aller Verkehrsteilnehmer zu gewährleisten, sollen die Roller auf Radwegen fahren. Sie wären nur dann auf der Straße erlaubt, wenn es keinen Radweg gibt. Auf dem Gehweg darf man mit den Scootern allgemein nicht fahren. Eine Helmpflicht wird es trotz der Erfahrungen in den USA nicht geben. Die gibt es für Radfahrer in Deutschland ja auch nicht.

Anstatt die Verbreitung der Kick-Scooter erst einmal unreguliert zuzulassen wie in den USA, wird es in Deutschland nun eine gesteuerte Ausbreitung der Roller geben.

US-Anbieter warten darauf, den deutschen Markt zu erobern

Dennoch kommt vielen die Erlaubnis zu spät. Zahlreiche Anbieter und Fans der Scooter warten schon längere darauf, dass die Roller endlich auch auf deutschen Straßen fahren dürfen. Gerade die Bewohner von deutschen Großstädten wie Berlin gelten als sehr experimentierfreudig, was neue Technologien und „Sharing Economy“-Geschäftsmodelle angeht.

Aus Amerika drängt vor allem Kick-Scooter-Anbieter Lime auf den deutschen Mark. Seit über einem Jahr bietet die Firma in Berlin schon E-Bikes zum Mieten an. Groß wurde sie in Amerika aber durch die Kick-Scooter, die sie nun auch hier anbieten möchte. Bird wird aller Voraussicht nach ebenfalls sehr schnell in Deutschland starten, sobald die Erlaubnis da ist. In Wien, Brüssel, Paris und Zürich ist das Unternehmen schon vertreten.

Deutsche Anbieter bringen sich ebenfalls in Stellung

Doch auch deutsche Firmen wollen den Trend nicht verschlafen. Obwohl Kick-Scooter bisher verboten sind, sieht man die elektrischen Roller bereits ab und zu auf deutschen Straßen. Schließlich kann man sie von zahlreichen Anbietern bereits kaufen. Los geht es dabei mit 250 Euro für einen Roller von Lidl und geht hoch bis zu 1.600 Euro für Roller des Hamburger Unternehmens Egret. Sogar Firmen, die Kick-Scooter zum Mieten anbieten, haben ihren Sitz in Deutschland. Mit ihrem Dienst mussten sie jedoch bisher auf andere Länder ausweichen. So ist das Hamburger Start-Up Floatility in Singapur vertreten. Die Roller vom Berliner Start-Up Tier findet man in Wien.

Die Hamburger Firma Wunder stellte vergangene Woche ihre E-Scooter-Lösung vor. Wunder ist ein Software-Anbieter für Sharing-Modelle. Firmen wie Emmy oder Tier greifen auf ihre Algorithmen zurück. Ab November bietet Wunder aber auch eigene Kick-Scooter an, die zusammen mit der Software ausgeliefert werden. Die Roller können bis zu 25 km/h fahren und haben eine Reichweite von 45 Kilometer. WIRED konnte die Roller testen – und war damit durchaus zufrieden. Wunder bietet allerdings nur die Technologie an. Alles Operative, wie zum Beispiel das Branding, übernehmen Partnerfirmen.

Die Technologie ist also da, jetzt fehlt nur noch die gesetzliche Erlaubnis und Firmen, die die Wunder-Roller auf die deutschen Straßen bringen. Doch Gunnar Froh, der Chef und Mitgründer von Wunder, gab sich im Gespräch mit WIRED optimistisch: „In Deutschland haben wir drei nennenswerte Partnerschaften mit Unternehmen, die den Wunder-Roller auf die Straße bringen wollen. Namentlich sind das Tier, Daimler und MyTaxi.“ Klingt, als würden Kick-Scooter bald auch in deutschen Metropolen zum Stadtbild gehören.