Digital ist besser / Nervige Social-Media-Kontakte — entfolgen oder ertragen?

Johnny Haeusler 30.11.2015 Lesezeit 3 Min

Menschen, die man eigentlich mag, können im Netz ganz schön nerven. Was tun? Ignorieren oder Online-Freundschaft beenden? Johnny Haeusler über die Social-Media-Zwickmühle.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen.

Ich mag Thomas (Name vom Autor geändert). Thomas ist Drummer in der Band eines Freundes und ein netter Kerl, wenigstens machte er den Eindruck, als ich ihn zweimal in meinem Leben für jeweils zehn Minuten getroffen habe. Außerdem schrieb Thomas früher manchmal prima Texte in sein Blog. Natürlich haben wir uns auf Facebook befreundet, natürlich folge ich Thomas auf Twitter.

In den letzten Wochen gingen mir seine Tweets aber etwas auf den Wecker, weil er sich wirklich nur noch über sein Umfeld aufregte. Entweder waren die Nachbarn zu laut oder sie hörten die falsche Musik. Dann waren im Supermarkt nur nervige, plärrende Kinder. Ein anderes Mal lief eine Frau vor ihm die Treppe zu langsam herunter, obwohl Thomas es sehr eilig hatte. Dann hatte schon wieder jemand ein Apostroph auf einem Ladenschild falsch gesetzt und jemand anderes einen Bindestrich vergessen.

Irgendjemand muss Thomas mal gesagt haben, dass er „so schön bissig“ sein könne. Und manche Leute mögen es ja, wenn sich andere über andere aufregen. Aber mir macht es schlechte Laune, wenn ich zu viel meiner Zeit mit dem Lesen von Genöle verbringe. Ich möchte im Netz lieber informiert und inspiriert werden, manchmal noch etwas diskutieren. Die Musik der Nachbarn von Thomas interessiert mich nicht so sehr. Also entfolgte ich ihm auf Twitter.

Und bereute das bitter, als er plötzlich eine Erklärung dafür wollte. Thomas war echt sauer, fühlte sich persönlich beleidigt. Er nahm die Sache, die ich für einen harmlosen Klick hielt, den er gar nicht mitbekommen würde, sehr ernst. Und ich geriet unter sozialen Druck und in Erklärungsnot. Nur weil ich jemandem nicht mehr ständig beim Sichbeschweren zuhören wollte.

Da ich aber gar keine Lust hatte, Thomas das alles großartig zu erklären (schließlich gibt es ja genügend andere Leute, die seine Tweets prima finden), knickte ich ein. Aus reiner Faulheit. Ich faselte etwas von Versehen und folgte ihm wieder. Er war glücklich, wir waren weiter Freunde, alles war gut.

Nur dass eben nicht alles gut ist. Ich habe Thomas unnötigerweise belogen und tat das auch noch digital, denn ich nutzte fortan die „Mute“-Funktion von Twitter, die die Tweets von Menschen, denen man folgt, aber von denen man nichts lesen will, einfach ausblendet. Ohne dass diese davon etwas mitbekommen. Nicht alle gesellschaftlichen Herausforderungen lassen sich durch Technologie lösen, manche aber schon.

Na gut, manchmal ist eine harmlose Lüge vielleicht besser als die unschöne Wahrheit. So ist es im Leben, auch im Netz. Ich kann nur hoffen, dass Thomas mich nie auf seine Tweets anspricht, die ich nicht mehr kenne. Sonst beschwert er sich als nächstes über mich. Wenn er das nicht ohnehin schon die ganze Zeit tut.

Letzte Woche schrieb Johnny Haeusler über die Tragik der Antwort per E-Mail.