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Inside Venezuela: Die Kryptowährung Petro kann die Inflationskrise nicht stoppen

Laura Nunziante 21.08.2018 Lesezeit 5 Min

Caracas ist die gefährlichste Hauptstadt der Welt. Bandenkriege und Morde bestimmen den Alltag. Es wird sich viel erzählt. Doch von der Kryptowährung Petro hat dort kaum jemand gehört. Dabei wird seit Monaten davon geredet, dass sie Venezuela aus der Hyperinflation führen soll. Ist der Petro nur eine Fantasie der Maduro-Regierung?

Bis zum Ende des Jahres wird die Inflationsrate in Venezuela Schätzungen zufolge auf eine Million Prozent ansteigen. Schon heute stehen die Venezolaner stundenlang für billiges Waschmittel oder Seife an. Für ihr monatliches Paket an Grundnahrungsmitteln, die CLAP-Kiste, zahlen sie immerhin nur einen Spottpreis an den Staat. Um das Paket zu bekommen, müssen sich Venezolaner für eine Karte registrieren, auf der ihre Daten digital gespeichert werden. Nur wer diese hat, kommt in den Genuss diverser Boni der sozialistischen Regierung, der Partido Socialista Unido de Venezuela. Die Daten erzählen über die Lebensumstände der Inhaber. Zum Beispiel darüber, wie viele Tiere oder Kinder sie haben.

Der Bolivar war kaum noch etwas wert. Im Kampf gegen die Inflation wurden am 20. August neue Geldscheine in Umlauf gebracht.

Bargeld sieht man nur selten auf den Straßen Caracas. Wer sich ein Wasser kaufen will, der zahlt etwa 1,5 Millionen Bolivar, umgerechnet sind das fünfzig Cent bei einem Schwarzmarktpreis von 3,6 Millionen Bolivar pro Dollar. Bei der höchsten Banknote von 10.000 Bolivar ist es ein schwieriges Unterfangen diese in Papierform zusammenzubekommen. Also läuft alles in diesem Land übers Online-Banking. Die venezolanischen Bankkarten, mit der Passnummer und einer Pin ausgestattet, sehen stark abgenutzt aus, sind aber selbst beim kleinen Bananenverkäufer am Straßenrand einsetzbar.

Für Besserung sollte eigentlich der Petro sorgen. Die staatliche Kryptowährung ist an die massiven Ölreserven im Land pro Barrel gekoppelt – angeblich zumindest. Dass bis heute kaum ein Venezolaner den Petro genutzt hat, weiß Matias, ein junger Journalist des multinationalen, regierungstreuen Senders teleSUR. „Vielleicht bringt er in Zukunft etwas, aber bis jetzt spüre ich keine Auswirkungen.“ Auch von der nicht staatlichen Kryptowährung zCash, mit der der engagierte Entwickler Zooko Wilcox einen fairen Wechselpreis von Bolivar zu US-Dollars möglich machen wollte, hat kaum ein Venezolaner gehört. „Wir sind froh, wenn wir irgendwie an Geld kommen.“ Als staatlicher Angestellter verdient Matias den Mindestlohn: 6 US-Dollar monatlich.

Alejandra ist 21 und will in die Staaten auswandern.

Onlinebanking statt Bar- und Kryptogeld

Alejandra, eine Handyverkäuferin in einem centro comercial im Bezirk Sabana Grande, ist froh, wenn jemand bei ihr mit US-Dollar bezahlen kann, denn ihr Gehalt läuft zum Großteil über Provision. Auch sie kennt niemanden, der mit dem Petro oder einer anderen Kryptowährung Geld eintauscht oder gar damit bezahlt. US-Dollar kann sie auf dem Schwarzmarkt zum hiesigen Kurs wechseln, aber seit Wochen war niemand mehr im Geschäft, die meiste Zeit des Tages plaudert sie mit Vorbeigehenden. „Der Petro ist ein reines Fantasieprodukt Maduros“, sagt sie. Dabei war er mal als alternative Zahlungsmethode für die Bevölkerung gedacht. Großspurig war das Projekt, das von Kryptoexperten kritisch beäugt wurde, angekündigt worden.

Auf dem Plaza Venezuela betreibt Maria ihren eigenen Copyshop. No hay punto, steht auf einem Schild, bei ihr ist keine Kartenzahlung möglich, denn die Lesemaschine kann sie sich nicht leisten. Also überweisen ihre Kunden selbst die kleinsten Beträge per Online-Banking. Wer bei ihr kauft, muss mit dem Smartphone unter ihrem prüfenden Blick auf das Konto noch vor Ort überweisen. Das geht meist schnell, das Internet ist überall in der Stadt kostenlos, wenn auch nicht immer stabil. Aber den Petro? „Was soll das nochmal sein?“, fragt Maria – wie auch so viele andere.

Quasi überall in der Stadt gibt es kostenloses Internet per WLAN.

Neues Papier mit Kryptostützte

Die neue Währung, der Bolivar Soberano, der diese Woche startete, soll nun die Erlösung bringen. Er ist direkt an die staatliche Kryptowährung gekoppelt, der Petro wird damit zur Rechnungseinheit und Stützte. Mit ihm sollen fünf Nullen der alten Währung gestrichen werden. Viele Venezolaner sind gewillt, diesem neuen Kurs Maduros zu trauen. Sie haben ja auch keine andere Wahl, besonders die Chavistas, so nennt man die Anhänger Hugo Chávez, den ehemaligen Präsidenten Venezuelas. Er hatte Maduro kurz vor seinem Tod einen würdigen Nachfolger genannt. Und Venezuela hat bereits zwei Mal auf ihn gehört.

Der Bolivar Soberano wird an die Kryptowährung Petro gekoppelt sein, die wiederum durch die Ölreserven des Landes gedeckt sei.

„Es wird interessant zu sehen, wie viele verschiedene Scheine im Umlauf sein werden, wenn der Soberano kommt“, erzählt Matias. Er ist eigentlich Argentinier und vor drei Jahren eingewandert. Damals ist er wegen Chávez hergekommen, fasziniert von dieser einem Rockstar-gleichen Persönlichkeit. Noch heute sieht man überall in der Stadt Monumente und Graffitibilder, die ihn in heldenhaften Posen zeigen. Verlassen will sich Matias nicht auf die neue Währung – und doch kann er sich nicht vorstellen, zurück in sein Heimatland zu gehen.

So wie er, werden auch viele andere Venezolaner die Hoffnung auf ein besseres Leben nicht aufgeben. Ob mit der neuen, rein an eine Kryptowährung gekoppelten Währung, am 20. August endlich Aufschwung kommt? In Caracas wird sich eben viel erzählt.