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Mit dieser Batterie wollen ein geheimnisvolles Start-up und ein russischer Milliardär unser Energieproblem lösen

Wolfgang Kerler 10.10.2018 Lesezeit 7 Min

Es klingt fast zu gut, um wahr zu sein: Das Start-up Innolith arbeitet an einem Energiespeicher, der nicht nur billiger und langlebiger sein soll als normale Batterien. Er soll außerdem weder brennen noch explodieren können. Die Vorgänger von Innolith versprachen dasselbe – und gingen pleite. Wichtigster Investor des Start-ups ist ein russischer Oligarch, geforscht wird in Deutschland.

Bisher schwieg die vor ein paar Monaten in der Schweiz gegründete Innolith AG. Als eine Zeitung im Juni etwas über die Strategie des Start-ups erfahren wollte, hieß es nur: Die Firma sei noch im Stealth Mode. Doch jetzt hat sie den Tarnmodus verlassen. Innolith präsentiert der Welt seine ambitionierten Pläne: Mit einer neuen Batterie, die bei der zehnfachen Lebensdauer nur ein Drittel der Kosten von herkömmlichen Lithium-Ionen-Batterien verursachen soll, will das Unternehmen die Energieprobleme der Welt lösen. Noch dazu sollen die Batterien nicht brennbar sein.

Wie das funktioniert? Mit einem „unkonventionellen anorganischen Elektrolyt“, heißt es geheimnisvoll in der Pressemitteilung der Firma. Im Gespräch mit WIRED wird Innolith-Präsident Alan Greenshields zumindest ein bisschen präziser. Doch um seine Ausführungen zu verstehen, muss man ungefähr wissen, wie Lithium-Ionen-Batterien funktionieren.

Lithium-Ionen-Akkus sind brennbar – und unverzichtbar

Für Smartphones oder Elektroautos führt derzeit kein Weg an Lithium-Ionen-Batterien vorbei. Sie verfügen über eine höhere Energiedichte als Alkali-Mangan- oder Zink-Kohle-Zellen – und lassen sich häufiger aufladen. Perfekt sind sie deshalb aber noch lange nicht. Damit Ionen, also elektrisch geladene Teilchen, innerhalb der Batterie von der einen Elektrode zur anderen fließen können, braucht es Elektrolyte zwischen den Elektroden.

Bisher setzen Akku-Hersteller dabei vor allem auf flüssige organische Chemikalien, die dummerweise leicht brennbar und explosiv sind. Fast jeder dürfte sich an das Galaxy Note 7 von Samsung erinnern, dessen Akku Feuer fing. Ein beispielloses PR-Debakel. Die Bilder der brennenden Tesla-Fahrzeuge gingen ebenfalls um die Welt.

Ein weiteres Problem der herkömmlichen Lithium-Ionen-Zellen ist laut Alan Greenshields, dass ihre Lebensdauer immer noch zu kurz ist – und es nicht vorhersehbar ist, wann sie ausfallen. „Diese Eigenschaften von Lithium-Ionen-Batterien, die man eigentlich gar nicht haben will, lassen sich auf ihre konventionelle Machart zurückführen, die von Sony im Jahr 1991 definiert wurde“, sagt Greenshields. „Damals entschied man sich für eine organische Lösung als Elektrolyt.“

Innolith dagegen hat für seinen Elektrolyt auf anorganische Substanzen gesetzt. „Wir haben drei Hauptkomponenten“, erklärt Greenshields. „Eines ist Lithiumchlorid, eines ist Aluminiumchlorid und eines ist Schwefeldioxid. Keiner dieser Stoffe kann brennen.“ Genauer möchte er nicht verraten, wie der Elektrolyt hergestellt wird, auf den die überragenden Eigenschaften der Innolith-Batterie zurückzuführen sein sollen. Nur so viel: „Der Teufel steckt im Detail.“

Das Geheimnis der Innolith-Batterien liegt in diesem anorganischen Elektrolyt.

Beide Vorgängerfirmen von Innolith gingen pleite

Innolith ist nicht die erste Firma, die eine Super-Batterie mit anorganischem Elektrolyt ankündigt. Das haben vorher bereits zwei Start-ups getan, bei denen Alan Greenshields involviert war: Fortu und Alevo, die 2014 und 2017 Konkurs anmelden mussten. „Fortu brachte die Technologie zum Laufen, hatte aber keine Zeit mehr, ein Produkt zu entwickeln“, sagt Greenshields heute. „Alevo entwickelte ein Produkt, hatte aber Schwierigkeiten bei der Produktion.“ Beim dritten Versuch mit Innolith soll es klappen.

Innolith hat nicht nur die Patente, sondern auch den wichtigsten Standort aus der Alevo-Konkursmasse übernommen, erzählt Geschäftsführer Sergey Buchin im Gespräch mit WIRED. Im Innolith-Labor und -Testcenter im badischen Bruchsal arbeiten rund 60 Wissenschaftler und Techniker, die größtenteils bereits für Alevo und Fortu entwickelt haben. Die neue Firma kann also auf jahrelanges Know-How zurückgreifen. Und: „Wir haben viel aus dem Scheitern von Alevo gelernt“, sagt Buchin, der ebenfalls bereits für die Vorgängerfirma im Einsatz ist.

Der größte Fehler von Alevo war aus seiner Sicht, dass die junge Firma alles selbst machen wollte: Forschung, Entwicklung, Produktion. Neben dem Labor in Bruchsal investierte das Start-up viele Millionen in eine 300.000 Quadratmeter große Fabrik im US-Bundesstaat North Carolina, in der vorher Zigaretten hergestellt wurden. „Doch Alevo hat nur zwei oder drei Prozent der Fläche gebraucht“, erinnert sich Buchin. Die Produktion stellte sich als viel zu teuer heraus. Am Ende konnte die Firma vor ihrer Insolvenz nur ein einziges fertiges Exemplar vorweisen – und genau deshalb ist Buchin heute so zuversichtlich.

Einen Energiespeicher mit der neuen Technologie gibt es schon

Im Januar 2017 lieferte Alevo seine erste GridBank nach Maryland aus. Dabei handelt es sich um einen Zwei-Gigawatt-Energiespeicher von der Größe eines Schiffcontainers, der dort ans Stromnetz angeschlossen wurde, um Schwankungen auszugleichen. Bis heute ist er in Betrieb. „Das System hat schon ein paar tausend Ladezyklen hinter sich“, sagt Buchin. Verglichen mit den Riesenbatterien anderer Hersteller, die ebenfalls am Netz in Maryland hängen, habe die GridBank beim Leistungsvergleich am besten abgeschnitten.

Die Idee hinter der GridBank und den Speichern anderer Hersteller ist simpel: Wird, zum Beispiel, durch Windkraft- oder Solaranlagen gerade mehr Strom produziert als benötigt, so lässt sich überschüssige Energie in der GridBank speichern. Wird dann wieder mehr Strom gebraucht, als aktuell von allen Kraftwerken erzeugt wird, entlädt sich der Speicher. Da es in Deutschland noch nicht genügend derartige Anlagen gibt, müssen Windräder häufig abgestellt werden. Denn das Netz kann nur eine bestimmte Menge an Strom aufnehmen.

Der Energiespeicher des insolventen Unternehmens Alevo gehört nun ebenfalls zu Innolith. 

Der weltweite Ausbau der erneuerbaren Energien erhöht auch die Nachfrage nach großen Speichern. Hier sieht Innolith seine Chance. Weil seine Batterie im Gegensatz zu herkömmlichen Lithium-Ionen-Zellen zehntausende Ladezyklen überdauern könne, würde sie nur einen Bruchteil der Kosten verursachen, sagt das Start-up. Deshalb kämen die Energiespeicher anders als jetzige Systeme ohne Subventionen aus, um sich wirtschaftliche zu rechnen. Für Elektroauto-Ladestationen sei die eigene Technologie daher ebenfalls geeignet – oder um die Energieversorgung in abgelegenen Regionen von Entwicklungsländern zu sichern.

Der wichtigste Investor: ein russischer Oligarch

Doch warum sollte es diesmal klappen? Warum sollte Innolith anders als seinen Vorgängerfirmen – und anderen Batterie-Start-ups, die bahnbrechende Produkte versprachen – nicht zu früh das Geld ausgehen?

„Innolith wird eine ganz andere Strategie verfolgen als Alevo“, sagt Buchin – und klingt dabei sehr entschlossen. „Der Fokus von Innolith wird auf dem liegen, was die Firma am besten kann – und das sind Forschung und Entwicklung sowie die Herstellung der Spezialchemikalien.“ Die Batterien selbst sollen dann von anderen Unternehmen produziert werden, die Erfahrung mit Massenfertigung haben. Unter den drei möglichen Partnern, die Innolith für den Bau seiner Energiespeicher im Auge hat, sei auch ein Unternehmen aus Deutschland, sagt Buchin. Schon 2020 sollen große Stückzahlen produziert werden.

Buchins Optimismus hat noch einen anderen Grund. „Die Finanzierung des Unternehmens ist gut“, sagt der CEO. Zu den Investoren gehören einige Manager von Innolith – und ein strategischer Investor. Spekulationen, ob es sich dabei um den russischen Milliardär Dmitri Rybolowlew, will Buchin aber nicht kommentieren. „Wenn sie Details über die Invetitionen der Rybolowlew-Familie wissen wollen, sollten sie sie selbst fragen.“

Das hat WIRED gemacht – und eine Antwort von einem Sprecher der Familie bekommen: „Wir können bestätigen, dass es sich bei der Investment-Struktur, die die Interessen der Familie von Herrn Rybolowlew vertritt, um den strategischen Investor von Innolith handelt.“ Der Oligarch Rybolowlew soll ein Vermögen von über neun Milliarden US-Dollar besitzen und damit zu den 100 reichsten Menschen der Welt gehören. Seinen Reichtum soll er vor allem mit dem russischen Bergbauunternehmen Uralkali gemacht haben.

Dieses Mal soll es klappen

„Die Investition ist ein Beweis dafür, dass wir an das Potenzial der Technologie glauben, die Innolith heute besitzt“, teilt der Familiensprecher mit. Auch in Alevo hatte der Milliardär investiert, konnte die Pleite der Firma aber offensichtlich nicht verhindern. Bei diesem Versuch soll es aber klappen mit der Super-Batterie. In den kommenden Monaten will Innolith mehr Details über seine Pläne verraten.