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Implantate für ein ewiges Leben? Aus dem Alltag eines Cyborgs

Elisabeth Neuhaus / Gründerszene 11.11.2018 Lesezeit 6 Min

Seit 15 Jahren ist Neil Harbissons Schädel mit einer „Farb-Antenne“ verbunden, über die er Wellenlängen spürt. Jetzt plant er einen neuen Sinn – für Unsterblichkeit.

Der Saal ist voll, als der Mann mit dem gelbblonden Topfschnitt vor die Zuschauer tritt. Mit seinem roten Hemd, dem schwarzen, ärmellosen Kapuzenpulli und den klobigen Schuhen würde er in Berlin-Mitte nicht weiter auffallen – wäre da nicht dieses seltsame längliche Ding, das aus seinem Kopf herauszuwachsen scheint. Was aussieht wie eine schlanke Leselampe, ist in Wirklichkeit eine Art Antenne, mit der er Farben über seinen Schädel spüren und hören kann. Neil Harbisson ließ sie sich vor rund 15 Jahren in den Kopf pflanzen. Seitdem versteht er sich als Cyborg.

Harbisson, Künstler und Aktivist, erzählt aus seinem Leben. Farbenblind zur Welt gekommen, habe er als Kind zwar gewusst, dass sich hinter Begriffen wie dem rosaroten Panther oder den gelben Seiten bestimmte Konzepte verbargen, die er nicht begreifen konnte. „Ich habe aber versucht, das zu ignorieren,“ erinnert er sich. Die Farbenblindheit habe er durch das Implantat auch nicht kompensieren wollen („Schwarz-weiß Kopien sind schließlich deutlich billiger.“). Stattdessen habe er sich schlicht „ein neues Organ zum Sehen“ gewünscht.

Heute registriert der Sensor auf seinem Kopf die Wellenlängen des Lichts in Harbissons Umgebung – sichtbare wie unsichtbare – und übersetzt sie in Vibrationen, die der 34-Jährige dann in Form von Tönen wahrnimmt. Für jede Tonhöhe hat er sich vor der Implantation eine Farbe eingeprägt. So kann er die Klänge visualisieren. Rot sei ein dunkler Ton, Orange irgendwo dazwischen, dann werde es irgendwann Gelb.

Moby war leiser, weil er keine Haare hat

Neil Harbisson

Etwas martialisch wirken die Bilder, auf denen er die Antenne in seine Schädeldecke eingesetzt bekommt. Das war im Jahr 2004, ein anonymer Arzt führte sie durch. Harbisson zeigt die Fotos auf der Leinwand. Nach der Operation habe es zwei Monate gedauert, bis Knochen und Implantat zusammengewachsen seien. Wegen der vielen neuen Eindrücke habe Harbisson häufig Kopfweh gehabt und sei sehr müde gewesen. Diese Informationsflut sei aber nach ein paar Monaten verflogen, als er sich an den Aufsatz gewöhnt hatte.

Seitdem ist er glücklich mit seinem Wurmfortsatz auf dem Kopf. Zumindest vermittelt er dem Publikum diesen Eindruck. Harbisson bezeichnet das Implantat nicht als Gerät, sondern als „neues Sinnesorgan“ und sagt: „Es hat die Art, wie ich Leute wahrnehme, komplett verändert.“

In der Vergangenheit gab es mehrere Updates für die Hardware auf Harbissons Kopf: Seit 2009 kann er damit auch UV- und Infrarotstrahlung wahrnehmen, seit 2012 ist er mit dem Internet verbunden. Sogar mit der Internationalen Raumstation ISS habe sein Kopf schon in Kontakt gestanden. Er hört Gemälde im Museum und buntes Obst und Gemüse im Supermarkt. Mehrere Prominente hat er schon aus nächster Nähe betrachtet. Über U2-Frontmann Bono sagt er zum Beispiel, dass dessen Brille sehr laut gewesen sei. Ganz anders Musiker und DJ Moby: „Er machte weniger Geräusche, weil er keine Haare hat.“ Und Prinz Albert von Monaco habe sein persönlicher Soundtrack so gut gefallen, dass er ihn sich als Klingelton installiert habe.

Künstliche Organe für den Umweltschutz?

Die körperliche Veränderung bleibt nicht unbemerkt. Leute hätten das Implantat schon für einen Selfie-Stick oder eine GoPro gehalten, sagt Harbisson: „Während des Pokémon-Go-Hypes haben Leute mich fangen wollen.“ Kurz nach der Implantation erlaubte ihm die britische Regierung sogar, sich mit Antenne auf dem Bild für seinen neuen Pass zu zeigen. Daher gilt er als weltweit erster offiziell anerkannter Cyborg. Um mehr Menschen von diesem Lebensstil zu überzeugen, ist Harbisson außerdem Mitgründer und Präsident der Cyborg Foundation, die für Cyborg-Rechte eintritt und mehr Menschen zum Cyborg-Dasein ermutigen will.

Der Brite steht in einer Reihe mit anderen Künstlern, die sich als Cyborgs bezeichnen. Zum Beispiel dem 22-jährigen Manel Muñoz, der eine Wetterstation mit seinem Körper verbunden hat und so spüren kann, wann es regnen wird. Oder der Spanierin Moon Ribas, die seismische Wellen wahrnimmt. Sie alle werben für die Designer-Sinne. Datenschützer dürften bei ihrem Anblick beide Hände über dem Kopf zusammenschlagen, weil sich die Geräte auch hacken lassen. Harbisson aber bringt ein ganz eigenes Argument an: Wer seine Körpertemperatur regulieren könne, müsse nicht mehr so viel heizen oder Klimaanlagen nutzen. Seine Botschaft: „Je mehr wir unsere Sinne verändern, desto weniger müssen wir den Planeten verändern.“

Die Wahrnehmung der Zeit kontrollieren

Ist die Sinneserweiterung nur abgefahrene Kunst oder wirklich ein Modell mit Zukunft? Bislang ist die globale Cyborg-Community noch überschaubar. Aus heutiger Sicht scheint es unwahrscheinlich, dass der Trend über eine Handvoll „Verrückter“ hinaus Schule macht. Auch wenn Harbisson das auf Nachfrage von Gründerszene anders beurteilt. Er sagt: „Leute lassen sich doch schon heute Chips unter die Haut pflanzen!“ Er glaubt, dass der Schritt zum Cyborg da nicht mehr weit ist. Spätestens Ende der 2020er-Jahre werde es Leute wie ihn häufiger geben, prognostiziert er.

Erst einmal hat er aber weitere Pläne mit seinem Körper. Er will sich in den nächsten Monaten ein Sinnesorgan einsetzen lassen, das er gerade gemeinsam mit anderen Mitstreitern entwickelt. Er soll damit die Zeit fühlen. Dabei wandert eine warmes Element unter seiner Haut täglich einmal um seinen Kopf herum. Steht es mittig auf seiner Stirn, ist es zwölf Uhr, auf seinem linken Ohr neun Uhr und so weiter. „So wie wir mit dem Auge optische Illusionen sehen können, wird es mit einem solchen Organ irgendwann auch möglich sein, Zeitillusionen zu schaffen“, glaubt Harbisson, „dann könnten wir zum Beispiel schöne Momente länger wahrnehmen.“ Menschen sollen dabei nicht physisch älter werden, ihre Lebenszeit soll sich aber länger anfühlen. Aus 80 könnten so 150 Jahre werden, meint er. Es klingt, als sei das (gefühlt) ewige Leben für ihn nur eine Operation entfernt.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Gründerszene
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