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Illegaler Handel mit Elfenbein: Elefanten-DNA hilft bei der Jagd auf Wilderer

Megan Molteni (WIRED US) 25.09.2018 Lesezeit 7 Min

Ein Wissenschaftler hilft bei Ermittlungen gegen die weltweiten Elfenbein-Syndikate. Über Jahre hat er die DNA von Elefanten aus verschiedenen Regionen Afrikas gesammelt. Jetzt kann diese Datenbank dabei helfen, Wilderer zu finden – bevor die afrikanischen Elefanten ausgerottet werden.

Am 5. Juni 2014 durchsuchte die kenianische Polizei eine Autowerft von Fuji Motors in der Hafenstadt Mombasa, wo sie zwei Tonnen Elfenbein fand. Die Entdeckung führte sie zu einem Kenianer mittleren Alters namens Faisal Mohamed Ali, der zwei Jahre später zu 20 Jahren Gefängnis verurteilt wurde. Naturschützer begrüßten diesen Schlag gegen die internationalen Wilderer-Syndikate, die jedes Jahr 40.000 gefährdete Elefanten in Afrika töten. Bei nur noch 400.000 Tieren auf dem Kontinent drohen diese kriminellen Netzwerke in den nächsten zwanzig Jahren die letzten afrikanischen Elefanten auszulöschen.

In Seattle, fast am anderen Ende der Welt, las Sam Wasser die Nachricht über das Urteil mit großer Freude. Als Naturschutzbiologe an der University of Washington hatte Wasser die DNA von beschlagnahmten Elefantenzähnen analysiert und sie mit der DNA anderer Elefanten verglichen, die er untersucht hatte. Seine Ergebnisse hatte er dann den kenianischen Behörden zur Verfügung gestellt. Dabei konnte er feststellen, dass mehrere Elfenbeinraubzüge von einem einzigen Kartell durchgeführt worden waren, von dem angenommen wurde, dass es von Faisal geleitet wurde. Obwohl Faisal nur wegen des Besitzes von Elfenbein vor Gericht gestellt wurde, sandte die Länge der Gefängnisstrafe eine eindeutige Botschaft aus. „Damals war es das Beste, was in diesem ganzen langen Kampf passieren konnte“, sagt Wasser.

Hinter dem illegalen Elfenbein-Handel stecken wenige Kartelle

Im August dieses Jahres hob ein kenianischer Richter die Verurteilung von Faisal allerdings urplötzlich wieder auf. Er hielt sie wegen Unregelmäßigkeiten für verfassungswidrig. Naturschützer weltweit waren außer sich vor Wut. Aber Wasser sah auch eine Chance darin: Denn jetzt wird Faisal und seinen fünf Komplizen erneut der Prozess gemacht, und diesmal haben die Staatsanwälte Zugang zu noch detaillierteren genetischen Beweisen. Damit werden mehrere Elfenbein-Lieferungen nur wenigen mächtigen kriminellen Netzwerken zugeordnet. In einem Bericht, der in der neuesten Ausgabe von Science Advances veröffentlicht wurde, enthüllt das Team von Wasser seine neueste Analyse, die zeigt, dass drei Kartelle das meiste Elfenbein vom Kontinent durch die Hafenstädte Entebbe in Uganda, Lome in Togo und Mombasa, Kenia geschmuggelt haben.

Die Analyse baut auf einer Arbeit auf, die Sam Wasser vor Jahrzehnten begonnen hat. Er hat einen Großteil seiner Karriere damit verbracht, Elefantenkot aus allen Ecken Afrikas zu sammeln. Daraus erstelle er eine genetische Karte der meisten Tiere des Kontinents. Mit Hilfe seiner DNA-Datenbank kann Wasser den Ursprung eines geborgenen Elfenbeinstücks in einem Umkreis von 186 Meilen lokalisieren, einem Gebiet von etwa der Größe von Colorado.

Im Jahr 2005 erhielt er eine E-Mail seines Freundes Bill Clark, der zur Wildlife Crimes Group von Interpol gehört. Die Behörden in Singapur hatten sechseinhalb Tonnen Elfenbein beschlagnahmt, und Clark dachte, es sei an der Zeit, die DNA-Karte von Wasser zu testen. Die Strafverfolgungsbehörden gingen davon aus, dass eine so große Ladung in ganz Afrika zusammengetragen worden sein muss, doch die DNA-Analyse von Wasser ergab etwas Anderes. Das gesamte Elfenbein stammte von einer einzigen Elefantenpopulation im Süden Sambias. „Bäm! Das hat gerade alles verändert“, glaubte Wasser damals. Er dachte, wenn er seine Methoden einsetzen könnte, um die Schmuggelware an ihren Entstehungsort zurückzuverfolgen, könnte die Strafverfolgung den Handel an der Quelle eindämmen.

Geraubtes Elfenbein stammt vor allem aus zwei Regionen

Seitdem bereist Wasser den Erdball und analysiert die DNA von beschlagnahmtem Elfenbein, um mit den Strafverfolgungsbehörden aufzuklären, woher das Elfenbein stammt. Die teure Arbeit wurde zum Teil von der Familienstiftung des Microsoft-Mitbegründers Paul Allen sowie durch Zuschüsse des US-Außenministeriums, der UN-Behörde für Drogen und Verbrechen und Interpol finanziert. Bis 2015 hatte Wasser 28 große Ladungen analysiert und ein wiederkehrendes Muster identifiziert. Immer wieder konnten Stoßzähne, die überall auf der Welt gefunden wurden, sogar in Hongkong und Malaysia, auf nur zwei Regionen in Afrika zurückgeführt werden: zum einen das Dja-Odzala-Minkebe-Waldgebiet, das auch Tridom-Wald genannt wird und sich über Gebiete in Kamerun, der Republik Kongo und Gabun erstreckt, zum anderen Regionen in Tansania. Seine Ergebnisse veröffentlichte er 2015 in Science.

Wasser hatte gehofft, dass die Entdeckung der beiden größten Gebiete für Wilderer die „Elfenbeinkriege“ zugunsten der Elefanten beeinflussen würde. Aber ganz so einfach wer es nicht. „Zu unserer Überraschung war es immer noch sehr schwer, den Handel zu stoppen“, sagt Wasser. Wilderer sind in großen Gebieten tätig, die sie gut kennen, und sie sind oft besser bewaffnet als Wildhüter. Wie andere Formen der organisierten Kriminalität fungieren Wilderer in der Regel nur als Fußsoldaten; man verhaftet zehn Personen vor Ort und zehn weitere tauchen auf, um ihren Platz einzunehmen. Um echte Fortschritte zu erzielen, müssen die Behörden die Akteure weiter oben in der Lieferkette ins Visier nehmen.

Afrikanische Elefanten sind vom Aussterben bedroht. Um ihr Elfenbein auf dem Schwarzmarkt zu verkaufen, töten Wilderer immer jüngere Tiere.

Kurz nach der Veröffentlichung der Publikation in Science gelang Wassers Team ein weiterer Durchbruch. Im Oktober wurde Wasser nach Singapur gerufen, um einen Fund von 4,6 Tonnen Elfenbein zu testen, das in Langkornreis- und Zuckersäcken versteckt war. Er brachte einen Kollegen mit: Sam Tucker, einen forensischen Wissenschaftler. Gemeinsam begannen sie wie gewohnt mit ihren Analysen. Zuerst wogen sie alle Stoßzähne und maßen den Durchmesser jedes einzelnen an seiner Basis. Dann legten sie sie auf den Boden, vom kleinsten zum größten geordnet, und begannen, sie entsprechend der Entfernung von der Spitze des Stoßzahnes bis zu dem Punkt, an dem er in die Lippe des Tieres eindringt, weiter einzuordnen. Nach vier Tagen hat Wasser in der Regel ein ziemlich gutes Bild davon, welche Stoßzähne ein Paar sind. Damit kann er Stoßzähne aussortieren, um nicht zweimal vom gleichen Tier Proben nehmen zu müssen. Bei 110 US-Dollar pro DNA-Probe geht es genauso sehr um die Kosten wie darum, die genetische Datenbank nicht mit Duplikaten aufzublasen. Hier fand er aber kaum Paare.

Dieses Rätsel nagte an Wasser und Tucker noch nach ihrer Rückkehr nach Seattle. Dann, eines Nachmittags, stürzte Tucker in Wassers Büro. „Sam, hast du in den anderen Beschlagnahmungen nach den fehlenden Stoßzähnen gesucht?“, fragte er.

Stoßzahn-Paare waren auf verschiedene Ladungen aufgeteilt

Das hatte er nicht. Innerhalb weniger Tage entwickelte einer seiner Programmierer einen Algorithmus, um jeden Stoßzahn mit den anderen aus ihrer Datenbank zu vergleichen, um mögliche Paare zu finden. Sam Tucker hatte etwas in der Art schon als Forensiker beim US-Militär in Afghanistan gemacht, um Sprengkörper bestimmten terroristischen Einheiten und Personen zuzuordnen. Als die Analyse zu Ende ging, ergab sich plötzlich ein ganz anderes Gesamtbild, erinnert sich Wasser. Sie hatten die Paare zusammengehörender Stoßzähne längts gefunden – nur waren diese in verschiedenen Ladungen versteckt gewesen.

Mithilfe der DNA fanden nicht nur die Stoßzähne wieder zusammen, man enthüllte auch, woher all diese scheinbar unabhängigen Schlepper ihr Elfenbein hatten. Als Wassers Team die genetischen Profile mit den Informationen aus den Lieferdokumenten verknüpfte, entstand ein komplexes Netzwerk, das die größten Elfenbeinkartelle Afrikas miteinander verbindet. Diese Analyse half den kenianischen Strafverfolgungsbehörden, ihre eigenen Beweise zu untermauern, einschließlich abgehörte Telefonanrufe und vertrauliche Papiere, womit sie die gestohlenen Stoßzähne mit Faisal in Verbindung bringen konnten. Er ist zuversichtlich, dass die Informationen, die er über das Mombasa-Kartell gesammelt hat, den Staatsanwälten bei der Wiederaufnahme des Faisal-Verfahrens helfen werden. Vielleicht können sie sogar noch ein oder zwei weitere Kartellbosse zu Fall bringen.

Für Sam Wasser können die Urteile nicht früh genug kommen. Bei der letzten Beschlagnahmung testete er 1.800 Stoßzähne, die Anfang des Jahres in Singapur gefunden wurden – zwei Drittel waren kürzer als sein Arm und an ihrer Basis nur so dick wie eine Vierteldollar-Münze. Sie stammten von Tieren, die nicht älter als fünf oder sechs Jahre waren. „Jedes Jahr werden die Stoßzähne immer kleiner“, sagt Wasser. Ohne Gegenmaßnahmen könnte die Elefanten-Datenbank bald nur noch das Aussterben dieser Art dokumentieren.

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED.com
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