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„Ich glaube, man sollte nicht jedes Wort von Satoshi auf die Goldwaage legen“

Klemens Kilic 14.09.2018 Lesezeit 8 Min

Das Lightning Network soll mehr Transaktionen bei Bitcoin möglich machen. Doch die Entwicklung ist nicht einfach und läuft womöglich den Prinzipien des Bitcoin-Schöpfers entgegen. Wir haben mit Entwickler Christian Decker gesprochen, einen der wenigen, die noch mit Satoshi Nakamoto persönlich Kontakt hatten.

Zum dritten Mal haben sich in Berlin Programmierer und Interessenten des Lightning Network getroffen. Diese Technologie soll das Skalierungsproblem von Bitcoin lösen. Denn bei der Ur-Kryptowährung können pro Sekunde nur sieben Transaktion verarbeitet werden. Schuld ist die Bitcoin-Blockchain, die nur alle zehn Minuten einen neuen Block generiert, der neue Überweisungen zusammenfasst und speichert. Das begrenzt die praktische Nutzbarkeit – vor allem, was den Gebrauch im professionellen Bezahl- und Bankwesen angeht. Eigentlich.

Wie das Lightning-Netzwerk hier hilft? Es schafft einen Bypass, einen virtuellen Zahlungskanal, in dem zwei Parteien zunächst quasi unbeobachtet vom Bitcoin-Netzwerk beliebig viele Geld- und Zahlungsbewegungen tätigen können. Dabei wird am Ende jedoch nur die Endbilanz gewertet, die nach den Transaktionen steht und in die Blockchain eingetragen – und nicht womöglich Dutzende, Hunderte oder Tausende Einzeltransaktionen.

Das Lightning Network ist aktuell allerdings noch in der Beta. Mit anderen Worten: Es gilt jetzt, noch viele Kinderkrankheiten zu beseitigen, bevor das Netzwerk auch von der großen Mehrheit der Bitcoin-Jünger genutzt werden kann. Neben Lightning Labs und ACINQ ist Blockstream eine der führenden Firmen, die an der Entwicklung der Technologie arbeitet.

WIRED hat den dritten Lightning Hackday besucht und traf dort Christian Decker, einen Entwickler bei Blockstream. Er war einer der aller ersten, die den Bitcoin kurz nach seiner Gründung im Jahre 2009 entdeckten und sein Konzept ernst nahmen. Er war außerdem der 49. Nutzer des 2010 online gegangenen und mittlerweile äußerst populären Forums bitcointalk.org, wo er sogar gelegentlich Schriftwechsel mit dem Bitcoin-Gründer Satoshi Nakamoto pflegte, bevor dieser im April 2011 das Forum endgültig verließ.

In einem Interview berichtete uns Decker von dem aktuellen Entwicklungsstand und den Herausforderungen bei der Programmierung von Lightning:

WIRED: Wie kam es, dass du so früh auf den Bitcoin gestoßen bist?
Christian Decker:
Ich habe 2009 das Bitcoin-Whitepaper in die Hand bekommen und fand das dort dargestellte Konzept interessant. Dann habe ich - glaube ich - etwa einen Monat gebraucht, um mich durch das ganze Papier zu arbeiten und war dann relativ schnell angefixt. Nachdem ich meine Masterarbeit abgeschlossen hatte, dachte ich darüber nach, mich in einer Doktorarbeit näher mit dem Bitcoin zu befassen. Da das Thema aber zu der Zeit noch so exotisch war, habe ich mich ein bisschen davor geniert. Man weiß ja nicht, irgendwo findet dann jemand einen Fehler im Protokoll und man kann seine ganze Arbeit wegschmeißen. Ja – dann kam es schlussendlich aber doch dazu, dass ich meine Doktorarbeit über die ersten zwei Seiten des Bitcoin Whitepaper schrieb. Tatsächlich war diese Möglichkeit vorher praktisch nicht existent und ich damit der erste, der seinen Doktor dem Bitcoin gewidmet hat.

WIRED: Lightning ist nun eine Technologie, die vor allem für die Skalierung des Netzwerks sorgen soll. Wann hast du erkannt, dass die Blockchain alleine nicht ausreichend skaliert?
Decker:
Nachdem ich mich eingehend mit verteilten Systemen beschäftigt hatte, war eigentlich schnell klar, dass so ein Netzwerk total schlecht skaliert. Denn wenn alle Knotenpunkte des Netzwerks jede einzelne Transaktion verifizieren müssen, geht das natürlich auf die Geschwindigkeit und ist damit für den Massenmarkt in der Form nicht wirklich geeignet. 2012 habe ich dann begonnen mir Gedanken über eine Lösung für dieses Problem zu machen. Und tatsächlich haben wir damals einen Vorschlag einbringen wollen, der auch auf eine Art Second Layer hinwirken sollte. Und ausgerechnet als das Papier dann kurz vor der Publikation stand, kam von einem anderen Team die gleiche Idee in anderer Ausprägung – das Lightning Netzwerk. Und seitdem arbeite ich an Lightning. Es hätte ja wenig gebracht, wenn ich ein Konkurrenzprodukt dazu bilde. Da ist es besser, wenn wir mit vereinten Kräften an dem einen Standard arbeiten.

WIRED: Welche Rolle spielt Blockstream in der Entwicklung von Bitcoin und dem Lightning Netzwerk?
Decker:
Beim Bitcoin-Netzwerk sind wir eine der führenden Firmen, die sich mit der Weiterentwicklung von Bitcoin Core, dem bekanntesten Bitcoin-Client beschäftigt und an der fortlaufenden Optimierung des Open-Source-Codes arbeitet. Dazu gehört jetzt auch die Entwicklung von Lightning. Wir sind eine Entwickler-Community und tragen daher sowohl Ideen als auch Codezeilen bei.

WIRED: Wie ist euer Austausch mit artverwandten Firmen wie Lightning Labs, ACINQ und Bitfury?
Decker:
Am Anfang haben wir alle relativ unabhängig voneinander gearbeitet. Wir haben uns dann damals mal in Mailand getroffen, uns zusammengesetzt und darauf geeinigt, dass wir den Aufwand herunterdestillieren, indem wir konsensbasierter arbeiten. Wir haben dann angefangen ein richtiges Netzwerk aufzubauen und arbeiten seitdem komplementär miteinander. Wir haben jetzt das Viele-Augen-Prinzip. Einer schlägt was vor, die anderen kritisieren das und wir bemühen uns gemeinsam darum, die Fehler auszumerzen.

WIRED: Was antwortest du Leuten, die Entwickler-Konglomerate wie Blockstream dafür kritisieren, dass sie von etablierten Großunternehmen gesponsert werden?
Decker:
Ich denke, wenn man das von außen betrachtet, kann man tatsächlich den Eindruck gewinnen, dass Blockstream einen möglichst großen Einfluss auf das Bitcoin-System erlangen möchte. Was Außenstehende aber nicht sehen ist, dass wir alle Bitcoin-Enthusiasten seit der ersten Stunde sind. Wir sind in erster Linie Community-Mitglieder gewesen, die irgendwann zusammengekommen sind, um das Hobby zur Berufung zu machen. Und erst dann kam die Frage auf, wie wir unseren Dienst für das Netzwerk auch monetarisieren können. Ich denke viele Leute sehen das einfach verkehrt herum, dass wir eine zuerst eine Firma waren, deren einziges Ziel es war Einfluss auf den Bitcoin zu üben.

WIRED: Am 1. August 2017 hat sich die Bitcoin Cash-Fraktion vom Bitcoin durch eine Fork abgespalten – allerdings nicht nur technologisch, sondern eben auch ideologisch. Sind bei Blockstream auch Entwickler angestellt, die der Lightning-Technologie kritisch gegenüber stehen?
Decker:
Wir haben bei uns definitiv einen intensiven Dialog darüber, welchen Schritt wir wie gehen sollten. Der zuweilen auftauchende Dissenz wird auch nach außen getragen, wie man in zahlreichen Twitter-Threads beobachten kann.

WIRED: Gibt es intern auch Fundamentalkritik, habt ihr zum Beispiel Bitcoin Cash-Anhänger unter euch?
Decker:
Gerade bei der Blockgröße gehen die Meinungen schon stark außeinander. Einer unserer Mitarbeiter, Luke Dashjr (https://twitter.com/LukeDashjr), hatte zum Beispiel einmal vorgeschlagen, die Blockgröße zu verringern. Er war der Überzeugung, dass die Technologie erstmal besser ausgebaut werden muss, bevor das Netzwerk skalieren sollte. Wir haben intern genauso viele Meinungen, wie wir auch Mitarbeiter haben. Ich glaube aber, dass niemand von uns jetzt direkt ein Freund von einer Anhebung der Blockgröße und damit Bitcoin Cash ist.

WIRED: Warum denkst du, dass sich Lightning besser zur Skalierung des Netzwerks eignet als eine Anhebung der Blockgröße?
Decker:
Ich vertrete durchaus die Meinung, dass auch die Meinung von Bitcoin Cash-Anhängern irgendwo seine Legitimation hat. Ich glaube allerdings, dass größere Blöcke keine dauerhafte Lösung darstellen können. Wenn man das gleiche Maß an Dezentralisierung aufrecht erhalten möchte, muss eine andere Lösung her. Je größer die Blöcke, desto höher muss auch die Bandbreite der Computer sein, die die Transaktionen prozessieren. Und bei einer gewissen Bandbreite beginnt man dann einfach Leute auszuschließen, die sich solche entsprechend dafür notwendigen Geräte nicht leisten können. Man sorgt damit dafür, dass das Netzwerk kleiner wird, wodurch Dezentralisiertheit verloren geht.

WIRED: Eine häufig vorgebrachte Kritik am Lightning ist, dass Satoshi Nakamoto – der Gründer des Bitcoins – dieses in seinem Whitepaper nicht als Skalierungsmethode vorgebracht hat. Wie antwortest du den Unkenrufen, dass Lightning nicht mehr Satoshis Vision entspricht?
Decker:
Ich glaube, man sollte nicht jedes Wort von Satoshi auf die Goldwaage legen. Auch Satoshi wird dazu gelernt haben und es bringt nun einmal nichts, sich akribisch auf die damals niedergeschriebenen Worte zu versteifen. Das ist meiner Meinung nach ein Argument, das sich der logischen Diskussion entzieht. Satoshi war ein sehr eloquenter Schreiber und seine Analysen messerscharf, aber ob jedes Wort heute noch anwendbar ist, würde ich in Zweifel ziehen.

WIRED: Was ist deiner Meinung nach die größte Herausforderung bei der Entwicklung von Lightning?
Decker:
In erster Linie denke ich, dass das Nutzererlebnis beim Gebrauch von Lightning wesentlich besser werden muss. Das ist deshalb die größte Hürde, weil die meisten Leute sich nicht mit der Technik hinter Lighting auseinander setzen wollen. Wir wollen die ganze Steuerung im Backend laufen lassen. Die Nutzung von Lightning soll genauso geschmeidig verlaufen wie der Email-Versand. Jeder kann heutzutage eine Email verschicken ohne SMTP, also das dahinter liegende Protokoll, zu verstehen.

WIRED: Was müsste gemacht werden um hier voran zu kommen?
Decker:
Vor allem ist es technischer Fortschritt, den wir uns nach und nach erarbeiten. Aber auch Veranstaltungen wie der Lightning Hackday sind unglaublich bereichernd für uns um neue Einflüsse und Gedanken einzubringen.

WIRED: Was fasziniert dich am meisten am Bitcoin?
Decker:
Hauptsächlich die Technologie. Obwohl ich mich nun schon seit knapp neun Jahren mit dem Bitcoin befasse, entdeckt man fast täglich neue Dinge und sieht sich neuen Aufgaben gegenüber gestellt. Aber man ist auch umgeben von so unglaublich vielen intelligenten Leuten. Die Bitcoin-Community ist aus so vielen unterschiedlichen Charakteren zusammengesetzt, die sich dann gemeinsam über Zustandsänderungen im Protokoll einigen müssen. Das ist eine Herausforderung, die Freude macht.

WIRED: Christian, vielen Dank für das Gespräch.
Decker:
Gerne – danke ebenfalls.