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Hat die Technik das Goldene Zeitalter der Fernbeziehungen eingeläutet?

Arielle Pardes 02.09.2018 Lesezeit 6 Min

E-Mails, Messenger-Dienste, Skype und viele andere technischen Entwicklungen haben das Leben und die Liebe für Paare, die räumlich getrennt sind, einfacher gemacht. Manche Beziehungen funktionieren auf die Ferne vielleicht sogar besser, glauben Forscher. Mit Tinder und anderen Dating-Apps kann man sogar Singles am anderen Ende der Welt kennenlernen. Trotzdem fehlt WIRED-Autorin Arielle Pardes etwas.

Als ich meinen jetzigen Freund auf einer Party kennengelernt habe, stellte ich ihm eine Frage, die ich mir ausgedacht hatte, nachdem ich den Film Sophies Entscheidung gesehen hatte: Würdest du lieber den Rest deines Lebens auf einer einsamen Insel verbringen, ganz allein, aber mit modernen Annehmlichkeiten wie Smartphone, Laptop und gutem WLAN? Oder würdest du lieber dein Leben dort verbringen, wo du willst, mit wem du willst, aber ohne die Fähigkeit, über Sprache zu kommunizieren – kein Sprechen, kein Tippen? Wir wählten beide die einsame Insel.

Wir wussten damals nicht, dass wir anfangen würden, uns zu verabreden, oder dass wir uns verlieben würden, oder dass er 5.000 Meilen wegziehen würde. Wir hatten keine Ahnung, dass wir fast ein Jahr getrennt voneinander verbringen würden – in einer Fernbeziehung, getrennt durch den Ozean – und mein Gedankenexperiment schon bald Realität werden würde.

Eine Fernbeziehung ist echt schwierig. Es verblüfft mich, dass sich die Menschen das schon seit Jahrhunderten antun. Odysseus und Penelope; Romeo und Julia; Harry und Meghan. Aber mein Freund und ich haben eine Geheimwaffe: das Internet! (Okay, Harry und Meghan haben das auch, aber müssen ihre Nachrichten bestimmt super kompliziert verschlüsseln.) Leben im 21. Jahrhundert bedeutet, dass man Liebesbriefe sofort per E-Mail versenden und Ferngespräche jederzeit per WLAN führen kann. Es ist möglich, das zu liken, was dein Liebster sagt, auch wenn er außer Hörweite ist. Niemand wartet darauf, dass jemand eine Brieftaube oder einen Raben schickt.

Wenn der Partner im iPhone steckt

Aber es geht um mehr als nur Chatten. Wenn man aus unerklärlichen Gründen dem Standort des geliebten Menschen auf einer Karte folgen will, kann man das per GPS tun. (Man stelle sich vor, Penelope hätte Odysseus so durch den Trojanischen Krieg begleitet.) Man kann auch Geschenke verschicken, die am nächsten Tag via Amazon Prime ankommen. Man kann dieselben Filme gleichzeitig streamen. Mein Freund ist weit weg, aber er ist auch immer in meinem iPhone, so wie Theodore Twombly im Fim Her Samantha immer bei sich hat.

Wir sind wirklich in einem Goldenen Zeitalter für Fernbeziehungen angekommen, in dem geografische Barrieren nicht mehr unüberwindbar scheinen und man keine Angst davor haben muss, den Kontakt zu verlieren. Die Leute suchen auch nicht mehr nur in ihrer Nähe nach der Liebe. Die Tatsache, dass mein eigener Freund und ich uns dank unserer Freunde im echten Leben begegnet sind, scheint fast schon poetisch. Viele Paare in Fernbeziehungen lernen sich heute über das Internet kennen. Wenn du die Singles in deiner eigenen Stadt satt hast, kannst du mit einer Dating-App auch in die Ferne schweifen.

Tinder, das ursprünglich dazu gedacht war, Menschen in der unmittelbaren Umgebung zu finden, kann jetzt auf jeden beliebigen Ort umgeschaltet werden, so dass versierte Reisende die lokale Single-Szene erkunden können, bevor sie jemals einen Fuß in eine neue Stadt setzen. Wir schließen ja auch Freundschaften mit Fremden im Internet; da ist es nur natürlich, dass einige von ihnen mehr als nur Freunde werden.

Auf r/LongDistance, einer Reddit-Community mit rund 60.000 geografisch getrennt Liebenden, sieht man immer wieder Berichte von Paaren, die sich durch Minecraft, Twitter oder Instagram getroffen haben. Ich bin kürzlich auf eine Geschichte über ein Paar gestoßen, das sich auf der anonymen Chat-App Omegle getroffen hat. Sie lebte in Detroit; er lebte in Wales. Sie lernten sich über Snapchat kennen, dateten auf Skype weiter, gestanden sich ihre Liebe auf Reddit. Jetzt sind sie verlobt. So was passiert. Sogar in der Virtual Reality haben sich schon Paare gefunden.

Die Forschung bestätigt: Fernbeziehungen sind heute einfacher

Aber sind diese Erfolgsgeschichten über Fernbeziehungen Ausnahmen oder werden sie bald zur Regel? Einige Studien argumentieren, dass letzteres der Fall sein dürfte – dass soziale Medien und andere Formen der Internet-Kommunikation Paaren in Fernbeziehungen eine gemeinsame Basis geben, die sie in der Vergangenheit nicht hatten. Es ist einfacher, ein räumlich getrenntes Leben zu teilen, wenn so viel von unserem Leben online geschieht.

„Es scheint, als ob sich Menschen in Fernbeziehungen noch besser die Idealvorstellung ihres Partners erhalten können und sich selbst besser präsentieren können, was durchaus zu mehr Intimität und Zufriedenheit führen kann als mit einem Partner am selben Ort“, sagt Natalie Bazarova, eine Kommunikationsforscherin an der Cornell Universität, die die Art und Weise untersucht, wie soziale Medien und Technologien unsere Kommunikation verändern. „Die kombinierte Wirkung von Distanz und multimedialem Zugang kann sogar vorteilhaft sein, denn so führt man tiefere und aussagekräftigere Gespräche als wenn man sich ständig im Alltag austauscht.“

Aber es sind nicht nur Gespräche. Als mein Freund von der britischen Reality-TV-Serie Love Island besessen war, fand ich sie auf Hulu und begann sie mit ihm zusammen zu schauen – etwas, was ich ohne den Streaming-Service nicht hätte tun können. Einmal, nach einer Küstenwanderung an einem besonders kalten und windigen Tag, beklagte ich mich über meine Ohren, die vom Wind wehtaten. Zwei Tage später tauchte ein Paar Ohrenschützer vor meiner Haustür auf, die von meinem Freund geschickt und über Amazon Prime geliefert wurden. Ich schicke ihm Playlisten auf Spotify. Er schickt mir Links zu dem, was er liest. Ich bin der Pablo Neruda der E-Mail-Liebesbriefe geworden.

Noch kann Virtual Reality die körperliche Nähe nicht ersetzen

Es ist fühlt sich also ziemlich gut an, die Probleme einer Fernbeziehung als gelöst zu betrachten. Nur leider hat uns das Internet noch nicht geholfen, unsere körperlichen Bedürfnisse zu überwinden. Vielleicht wird das eines Tages möglich sein, wenn wir unsere Erfahrungen mit Virtual-Reality-Gadgets sammeln können. Vielleicht haben wir dann auch das Bedürfnis nach physischer Nähe erfolgreich hinter uns gelassen.

Aber im Moment gibt es noch viel, das durch die räumliche Trennung fehlt. Es gibt keine technologische Lösung für Zeitzonen. Keine Möglichkeit, eine Umarmung aus 5.000 Meilen Entfernung zu senden, obwohl es viele Produkte gibt, die es versuchen. Es gibt einfach keinen Ersatz für die Nähe zu der Person, die man liebt. Bis ich mich in ein Hologramm verwandeln kann – wie bei Doktor Strange – kann ich bei den wichtigen Anlässen nicht dabei sein. Kommunikation ist in jeder Beziehung wertvoll, aber auch das Teilen von Momenten Seite an Seite. Die Technologie füllt die Lücken, hilft uns, stärkere Bindungen aufzubauen, aber sie kann uns nicht dasselbe Gefühl geben, wie wenn man in die Augen von jemandem schaut, der wirklich da ist. Manchmal ist es nicht genug, denjenigen zu lieben, mit dem man zusammen ist. Man muss auch bei dem sein, den man liebt.

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED.com
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