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Gesichtserkennung ist unheimlich, verkürzt aber die Wartezeit am Flughafen

Jack Stewart 27.11.2018 Lesezeit 6 Min

Wer schon einmal bei der Einreise am Flughafen die lange Warteschlange am Schalter umgehen konnte, weil es eine automatische Passkontrolle mit Kameras und Scannern gab, kennt vielleicht das Bauchgefühl: Die Gesichtserkennung ist irgendwie unheimlich, aber sie spart auch Zeit. Die vereinfachten Passkontrollen könnten nur der Anfang sein.

Viele Leute nennen es zwar Flughäfen. Doch in Wahrheit handelt es sich dabei nur um riesige Warteschlangen. Vom Bordstein bis zum Gate, im Zickzack zwischen den Schranken, schlängelt man sich von einem Kontrollpunkt bis zum nächsten durch das Terminal. Einchecken, Taschen abgeben, Sicherheitskontrolle, kurz ins Café, zum Abflug-Gate. Überall wartet man.

Man stelle sich jetzt eine Zukunft ohne Sicherheitsschleusen vor, in der man einfach vom Bordstein vor dem Airport bis zu seinem Flugzeug geht, ohne sich selbst um die Gefahren des Flugverkehrs im 21. Jahrhundert sorgen zu müssen. So lautet das Versprechen von Flughäfen, die biometrische Daten nutzen und auf Gesichtserkennung und andere KI-basierte Techniken setzen, um einen aus der Ferne zu erkennen und zu überprüfen. Die strikte Trennung zwischen dem gesicherten und überwachten Innenbereich des Flughafens und der Außenwelt verschwindet.

„Wenn man den Airport betritt und die Flughafenbehörde sofort weiß, wer man ist, braucht man keine so strenge Trennung“, sagt Max Hirsh, der an der Hong Kong University Flughäfen und Stadtentwicklung erforscht. Das klingt für die einen wie eine utopischen Vision, für andere wie ein Alptraum für die Privatsphäre. So oder so, es wird bereits daran gearbeitet.

In Atlanta steht das erste „biometrische Terminal“ der USA

Die einzelnen Bestandteile, die ein derartiges Gesichtserkennungssystem braucht, um zu funktionieren, werden bereits in der Praxis erprobt. Delta Airlines nennt sein Terminal am Hartsfield-Jackson Airport in Atlanta das erste „biometrische Terminal“ in den USA. Reisende, die aus Atlanta direkt zu einem internationalen Reiseziel fliegen, geben beim Einchecken ihre Passdaten in die App auf ihrem Handy ein. Dann können sie ihre Taschen abgeben und zum Sicherheitscheck der US-Bundesbehörden gehen, ohne ihren Ausweis und ihre Bordkarte nochmal vorzeigen zu müssen. Die Kontrolle erfolgt nur, indem sie auf eine Kamera schauen und darauf warten, dass ein grünes Häkchen auf dem Bildschirm aufleuchtet. Nur das Security-Screening erfolgt derzeit noch mit konventionellen Röntgen- und Körperscanner.

Und das ist lediglich der der Anfang. In den nächsten drei Jahren planen 77 Prozent der Flughäfen und 71 Prozent der Fluggesellschaften Tests oder die vollständige Einführung biometrischer Scan-Systeme, so SITA, ein IT-Unternehmen, das Technik für Airports entwickelt. (Auch an deutschen Flughäfen kann man die langen Schlangen an den „menschlichen“ Passkontrollen schon hinter sich lassen und von Kameras und Scannern die eigene Identität überprüfen lassen.)

Aber nochmal zurück nach Atalanta, zum Muster-Terminal von Delta. „Es ist das erste Mal, dass wir die Vision, die wir seit zwei Jahren verfolgen, wirklich umsetzen konnten. Bei jedem Schritt durch den Flughafen sehen wir, dass die Technologie funktioniert“, sagt Gareth Joyce, der den Flughafen-Kundendienst von Delta leitet.

Neun Minuten Zeitersparnis am Gate

Es dauert nur zwei Sekunden, bis der Computer die Passagiere am Gate erkennt, sagt er. Das spare insgesamt neun Minuten beim Boarding eines Fluges mit 275 Personen. Das Boarding-System funktioniert so gut, dass Delta damit begonnen hat, es an den Flughäfen New York JFK in New York und Detroit Metropolitan Wayne County einzusetzen.

British Airways nutzt die Gesichtserkennung, um Menschen in Los Angeles, Orlando, Miami und New York in ihre Flugzeuge zu bringen. Sicherheitsabsperrungen aus Glas blockieren den Durchgang, wenn ein Passagier sich dem Kontrollpunkt nähert. Dann gleitet eine Kamera in einer schlanken weißen Säule nach oben oder unten, knipst das Profil und zeigt ein grünes Häkchen an (oder ein rotes Kreuz, wenn es die Person nicht erkennt) und schon öffnet sich das Glastor. Die Fluggesellschaft sagt, dass sie 400 Passagiere in nur 22 Minuten abfertigen kann. Das ist doppelt so schnell wie die Standardmethode.

Behörden sammeln biometrische Daten

Die Fluggesellschaften testen diese Systeme auf internationalen Flügen. Die Datenbank mit all den Gesichtern legen sie aber nicht selbst an, sie stammt vom US-Zoll und der Grenzschutzbehörde. Ähnlich wie die Behörden vieler anderer Länder hat die US-Regierung neben Millionen von Bildern der amerikanischen Bürger auch viele Daten über Ausländer, oft gepaart mit biometrische Daten wie Fingerabdrücken von Pass- und Visumsanträgen oder von früheren Einreisen in die USA. Die Grenzschutzbehörde stellt diese Informationen den Fluggesellschaften für die Kontrollen zur Verfügung. „Sie sagen der Fluggesellschaft, wer der Reisende ist, damit sie den Boarding-Prozess automatisieren können, und es wird ein sehr einfacher, nahtloser Prozess“, sagt Sean Farrell, Leiter der Abteilung für Biometrie und Passagierverarbeitung bei SITA. Gleichzeitig werde die Sicherheit verbessert.

„Wir speichern oder nutzen keine Kundenbilder“, sagt Joyce von Delta. Die Fluggesellschaft überprüft ein verschlüsseltes Foto anhand der CBP-Datenbank und erhält als Antwort ein einfaches Ja oder Nein. Er sagt, dass nur 2 Prozent der Kunden die Gesichtserkennungstechnologie ablehnen, wenn sie die Möglichkeit haben, sie zu nutzen.

Das klingt alles toll. Aber funktioniert es zuverlässig? Die jüngsten IT-Ausfälle der Fluggesellschaften, wie beispielsweise ein Systemausfall, bei dem 2016 650 Delta-Flüge ausfielen, haben gezeigt, wie abhängig der Flugverkehr von gut vernetzten, reibungslos funktionierenden Computersystemen ist. Die Einführung von noch mehr Technologie muss also sorgfältig passieren. Die Umfragen von SITA zeigen auch, dass sich mehr als ein Drittel der Fluggesellschaften Sorgen macht, wie die Integration der neuen Tools in die bestehenden Systeme ablaufen soll. Und dann ist da noch der Mangel an Standards dafür.

Noch sind es nur Testläufe

„Wenn Flughafen-Terminals als Ort für Beta-Tests verwendet werden, ist es unvermeidlich, dass es zu Störungen kommt, die zu Verzögerungen führen“, sagt Hirsh. Ein ausgeklügeltes biometrisches System muss es den Fluggesellschaften also auch ermöglichen, schnell auf ein papierbasiertes Backup-System umzusteigen, das zwar langsamer sein mag, aber zumindest den Fluggästen das Einsteigen und Abfliegen ermöglicht. Funktioniert das alles, könnte sich in Zukunft das Warten am Flughafen deutlich verkürzen.

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED.com
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