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Digital ist besser / Weltherrschaft vs Befindlichkeit: Was US-Blogs kulturell von deutschen unterscheidet

Johnny Haeusler 21.03.2016 Lesezeit 3 Min

Ob ein Blog von Castrop-Rauxel aus betrieben wird oder aus New York, ist im globalisierten Internet doch eigentlich egal, oder? Nicht ganz, findet unser Kolumnist.

Wer sich ab und zu in US-amerikanischen Blogs und Online-Magazinen verläuft – and who doesn't? – landet mit relativer Sicherheit irgendwann beim Thema Lebenshilfe. An guten Ratschlägen für das bessere Sein mangelt es natürlich auch im deutschsprachigen Web nicht, kulturelle Unterschiede bei der Lebensplanung bekommt man aber in Blogs so deutlich serviert wie nirgendwo anders.

Das ist zum Einen die Grundhaltung. US-Amerikanerinnen und -Amerikaner halten das Leben generell für recht großartig, haben aber hier und da Verbesserungsvorschläge parat, die sie selbst so dermaßen fantastisch finden, dass sie vor Aufregung! kaum! tippen! können! Deutsche Bloggerinnen und Blogger hingegen sind sich in der Regel sicher, dass die Welt wahlweise von geheimen Mächten, Pharmakonzernen oder dem Twitterer, der sie gerade blockiert hat, gesteuert wird und außerdem kurz vor dem Untergang steht. Ihre Artikel drehen sich daher vornehmlich um die Schmerzlinderung während der bereits stattfindenden Apokalypse.

Johnny Haeusler ist Blogger, Mediendesigner und Mitgründer der re:publica. Für WIRED geht er der Frage nach, ob es an der Zeit ist, die Rechner abzuschalten, oder ob wir stattdessen mehr Software in unserem Leben brauchen.

Noch deutlicher aber: Während es in deutschsprachigen Blog-Artikeln gerne um die persönliche Befindlichkeit mit mäßiger Breitenwirkung geht („Warum ich in der Prenzlauer Allee keinen Chai Latte mit Sojamilch mehr trinken werde“), machen es die Amis nicht unter Weltherrschaft, ganz besonders im geschäftlichen und finanziellen Bereich. Titel wie „So leiten Sie drei Startups mit nur vier Stunden Arbeit pro Woche“, „Wie ich von Google, Apple, Facebook und Amazon rausgeworfen wurde und mich das zum Zillionär machte“ oder „Produktiv sein, ohne etwas zu tun“ klingen zwar wie billigster Spam, landen aber auf Portalen wie Medium regelmäßig in den Listen der meistgelesenen Posts. Es gibt also offenbar nicht nur in Sachsen-Anhalt ein Bedürfnis nach einfachen Lösungen für komplexe Probleme.

Am beliebtesten in der Reihe der geschäftlichen Survival-Tipps scheinen bei US-Blogs aber diejenigen Artikel zu sein, in denen (angeblich) bekannte Unternehmerinnen oder Unternehmer am Beispiel ihrer Tagesabläufe ein munteres „Das kannst du auch!“ anstimmen. Da wird um 4 Uhr morgens gut gelaunt aufgestanden, noch vor dem Zähneputzen mit dem Hund und den drei Kleinkindern gejoggt und vor dem Frühstück um 5:30 Uhr ist auch schon der tägliche Blogpost online. Gut, dass die 532 Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter erst gegen 7 Uhr im Büro sind, es bleibt dem Chef noch genug Zeit, vorher die Woche für alle auf seinem iPad zu planen. Nach einem wie immer wahnsinnig erfolgreichen Tag werden am Abend nach drei Business-Dinners mit nicht minder erfolgreichen Geschäftspartnern noch zwei Staffeln „House of Cards“ geschaut, bevor man um 3 Uhr morgens glücklich und nüchtern ins Bett geht und sich auf den folgenden Tag freut.

Bei mir beginnt der Tag normalweise völlig übermüdet um 7 Uhr, mit leichten Panikansätzen versuche ich, alle Kinder rechtzeitig und mit genügend Broten zur Schule zu bekommen, das morgendliche Meeting beginnt je nach Eintreffen aller Beteiligten zwischen 10 und 11 Uhr. Und abends frage ich mich, wieso meine Todo-Liste schon wieder länger statt kürzer geworden ist. Während der ersten drei Minuten der zweiten Folge von „How I Met Your Mother“ schlafe ich ein. Jeden Abend.

Das sind sie wohl, die kulturellen Unterschiede zwischen amerikanischen und deutschen Bloggern und Gründern. Aber eines Tages werde ich mal einen Blog-Post darüber schreiben, versprochen. Vielleicht noch vor dem Joggen.

Vergangene Woche bei „Digital ist besser“: Das Internet lieben heißt über das Internet nörgeln