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Facebook ist schuld an allem. Oder auch nicht.

Johnny Haeusler 31.08.2018 Lesezeit 4 Min

Eine Studie über mögliche Auswirkungen von Facebook-Nutzung in Deutschland auf Gewalt gegen Geflüchtete schlägt Wellen. Auch auf den Seiten, welche die Studie kritisieren. Unser Kolumnist Johnny Haeusler fasst die Debatte zusammen und fragt sich, warum Facebook dazu so still ist.

„Ich kann mich an keine andere Statistik erinnern, die mich derart hat aufhorchen lassen“, schreibt Max Fisher, Autor bei der New York Times.

In seinem Artikel geht Fisher gemeinsam mit Amanda Taub auf die nicht gerade zimperlich betitelte Studie Fanning the Flames of Hate: Social Media and Hate Crime ein, die von Karsten Müller and Carlo Schwarz von der britischen University of Warwick erstellt wurde.

Und die hat es in der Tat in sich. Über eine Zeitspanne von zwei Jahren haben sich die Autoren genauestens mit insgesamt 3.335 Angriffen gegen Geflüchtete in Deutschland beschäftigt und dabei verschiedenste Variablen hinzugezogen: Demographische Daten, die Anzahl der Geflüchteten in den betreffenden Gebieten, Kriminalstatistiken, Wahlergebnisse. Und die Stärke der Facebook-Nutzung in den jeweiligen Regionen.

Die Studie kommt dabei zu der Erkenntnis, dass es in kleinen wie großen, liberal wie konservativ geprägten, ärmeren und reicheren Gemeinden einen signifikanten Zuwachs an Gewalt gegen Geflüchtete gab, wenn die durchschnittliche Facebook-Nutzung in diesen Gemeinden über dem Bundesdurchschnitt lag. Kurz: Wer zu viel auf Facebook ist, wird gewalttätig gegen Geflüchtete.

Koinzidenz oder Korrelation?

Tatsächlich ist die ausführliche Studie, die natürlich auch die Vorgehensweise beschreibt, sehr interessant zu lesen, macht es sich mit den gezogenen Schlüssen aber vielleicht etwas zu leicht. So kritisiert der Ökonom Professor Tyler Cowen unter anderem, dass die Studie Ursache und Wirkung eher behaupte als beweise. Auch stehe bisher der Peer Review der Studie aus, also die Überprüfung der Ergebnisse durch andere Wissenschaftlerinnen.

In den Kommentaren unter Cowens Artikel sammeln sich derweil Beispiele dafür, dass inzwischen fast alles, was mit Erkenntnissen zu den Auswirkungen von Facebook und/oder zu Themen rund um Geflüchtete zu tun hat, auch zu einer Glaubensfrage geworden ist. Selbst in akademischen Kreisen.

Während einige Kommentatoren davon ausgehen, dass die Studie ein „weiterer Versuch“ ist, die Sozialen Medien zu zensieren und freie Meinungsäußerung zu unterdrücken, wundern sich andere darüber, dass nicht ebenfalls geprüft wurde, ob auch Gewalttaten von Geflüchteten mit ihrer Facebook-Nutzung zu tun haben könnten. Und wieder andere beschäftigen sich in erster Linie mit der Tatsache, dass die Studie für einige Messungen die Facebook-Page von Nutella als eine der meist „geliketen“ in Deutschland herangezogen hat.

Dabei täte mal wieder etwas mehr Gelassenheit gut. Die Studie versucht schließlich als eine der ersten zunächst nur, mögliche Zusammenhänge zu erkennen und behauptet keineswegs, dass Facebook der alleinige Grund für Gewalt gegen Geflüchtete sei. Dass Soziale Medien – und allem voran eben Facebook – eine wichtige Rolle in der Meinungsbildung vieler Menschen spielt, ist wenig umstritten; mehr Nachweise, was das genau bedeutet, wären aber hilfreich. Generell sind Studien also keine so schlechte Idee. Die Methodik ist in diesem Fall sicher nicht perfekt, und die Ergebnisse sollten unbedingt evaluiert werden, zudem braucht es mehr als eine Studie in dieser Richtung.

Für bessere Studien braucht es jedoch auch bessere Daten, und die hat nur Facebook. Doch obwohl die vorliegende Studie einige Wellen geschlagen hat, kam bisher aus Menlo Park keinerlei Reaktion. Dabei wäre es doch großartig, wenn das Unternehmen gemeinsam mit Forschungsinstitutionen Studien ermöglichen würde, die mit wesentlich genaueren und besser validierten Daten zu zweifelsfrei vertrauenswürdigen Erkenntnissen kommen könnten. Fakten statt Vermutungen sind schließlich nötiger denn je.