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Erik Schmidt sieht zwei Internet-Teile. Ich sehe viel mehr.

Johnny Haeusler 27.09.2018 Lesezeit 5 Min

Der ehemalige Google-Chef Erik Schmidt prophezeit eine Aufspaltung des Internet in zwei Teile. Unser Kolumnist Johnny Haeusler behauptet, dass es die schon längst gibt. Und noch viel mehr.

Im Jahr 2010 hatte Google den chinesischen Suchmaschinen-Markt verlassen, ein herber geschäftlicher Rückschlag. Denn immerhin nutzen in China etwa doppelt so viele Menschen das Internet wie in den USA. Doch Zensurvorschriften und gehackte Gmail-Accounts von Menschenrechtsaktivistinnen zwangen Google zum Rückzug. Bis jetzt.

Unter dem leicht dramatischen Codenamen Dragonfly arbeitet das Unternehmen an einer von der chinesischen Regierung freizugebenden Version seiner Suchmaschine, die bestimmte Websites und Suchergebnisse zu Themen wie Menschenrechte, Demokratie, Religion und friedliche Proteste ausschließen soll. Das Projekt könnte in wenigen Monaten startklar sein.

Teile der Google-Belegschaft sind darüber nicht besonders amüsiert. Etwa 1.400 von ihnen haben ihre Bedenken zu den moralischen und ethischen Dimensionen des Vorhabens in einem internen Brief geäußert, sie verlangen mehr Transparenz hinsichtlich der Projekte, deren Folgen sie derzeit nicht einschätzen können. Es gehört dabei zur Scheinheiligkeit der kalifornischen Tech-Branche, dass Google-Angestellte über diesen Brief offiziell nicht sprechen dürfen.

Doch aus Sicht des ehemaligen Google-Chefs Eric Schmidt, der den Mutterkonzern Alphabet weiterhin berät, scheint das neue Engagement von Google in China sowieso kein Problem zu sein. Schließlich, so Schmidt, würde sich das Internet in den kommenden zehn Jahren eh in zwei Teile splitten. Der eine Teil würde von den USA angeführt werden, der andere, „mit weniger Freiheiten und mehr Zensur“, von China. Dass Google an beiden Teilen mitverdienen möchte, gegebenenfalls eben nach den Spielregeln der jeweiligen Regierungen, erwähnte Schmidt zwar nicht; die neuerlichen Bemühungen in Mountain View lassen jedoch darauf schließen. Geld stinkt nicht. Sagt man.

Dabei ist Erik Schmidts Prognose irgendwie vielleicht nicht ganz falsch, aber auf eine geradezu süß naive Art. Denn die von ihm beschriebenen Teile des Internet gibt es ja längst, und noch so viele mehr.

Von wegen ein Netz!

Es gibt bereits die westlichen und fernöstlichen Internet-Versionen, die verschiedenen Mainstream-Netze für die breite Masse. Das von Amazon, Google, Apple und Facebook dominierte „Westnetz“ unterscheidet sich dabei sowohl technisch als auch inhaltlich und politisch massiv vom „Fernostnetz“, das von Giganten wie der Alibaba Group und Tencent beherrscht wird und sich nach außen abschirmt.

Doch obwohl die Kernunternehmen und die dahinter stehenden Technologien weitestgehend die gleichen sind, können auch die mobil genutzten Versionen des Internet als gesonderte „Teile“ betrachtet werden, die in der nahen Zukunft auch weitere Player ins Spiel bringen könnten. Denn die Grundlagen, auf denen Nutzerinnen ihre Smartphones benutzen, haben mit Email-Clients, Web-Browsern und Suchmaschinen, wie wir sie vom Desktop kennen, nichts mehr zu tun. Alles ist eine App, und oft ist eine App alles. Dies gilt im Westen wie im Osten, nur dass der Westen es bisher nicht geschafft hat, eine ähnlich umfangreiche Verbreitung wie die von WeChat in China zu erreichen.

WeChat – das zum Tencent-Unternehmen gehört – ist mobiles Zahlungssystem, soziales Netzwerk, Instant Messenger, Location Service, Ausweis, Videokonferenzsystem, Shopping- und Werbeplattform und vieles mehr, und WeChat gibt fast alle Daten der Nutzerinnen an die chinesische Regierung weiter. DSGVO? Was ist das?

Womit wir bei einer weiteren Ergänzung der Erik-Schmidt-Prognose wären. Denn auch, wenn es ein „Europäisches Google" noch nicht gibt und die Ernsthaftigkeit und Umsetzbarkeit der ambitionierten und durchaus spannenden Pläne von ARD-Chef Ulrich Wilhelm noch nicht feststehen, ist der zweiteilige Blick von Erik Schmidt ohne Europa zumindest kurzsichtig.

Und dann bleibt da ja auch noch ein Teil des Netzes, der mit alldem oft nur peripher zu tun hat. Neben dem obligatorischen Darknet meine ich damit das Netz der Coderinnen und Hacker, das Netz der Administratorinnen und Kreativen. Selbst wenn die technische Ausbreitung und streckenweise auch sehr positiven Einflüsse enorm sind, die Google oder Amazon durch Open-Source-Projekte auch auf die Entwicklung des “freien“ Netzes haben, darf eine Tatsache nicht unterschätzt werden: Ein Online-Leben ohne Google ist möglich.

Dass Erik Schmidt dies bei seinen Überlegungen zu den zukünftigen „zwei Teilen des Internet“ nicht mit einbezieht, liegt vermutlich an der wirtschaftlich zwar vorhandenen, aber nicht ganz so umfangreichen Perspektive, welche das nerdigere, open-source-igere Netz bietet.

Doch wenn wir gedanklich schon in zwei Teile aufteilen müssen, dann sehe ich dort die viel wichtigere Trennung. Bei der Aufteilung zwischen den kommerziellen, profitorientierten Netzbereichen in allen Teilen der Welt, in denen sich die Alibabas und Amazons mit den Regierungen um Vormachtstellungen und das Mainstream-Publikum prügeln, und den anarchischen, freieren und hier und da vielleicht auch dunkleren Ecken des Netzes, in denen Google als eher unerwünschter Besuch betrachtet wird.

Das Internet wurde nicht von Google, Amazon und Apple oder Alibaba und Tencent gebaut. Und es wird auch niemals allein aus diesen Unternehmen bestehen.