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Ein digitaler Beifahrer soll Autofahren sicherer und unterhaltsamer machen

Jürgen Stüber 01.09.2018 Lesezeit 4 Min

Während der Fahrt eine Textnachricht ins Smartphone tippen? Das kann tödlich enden. Das Start-up German Autolabs will, dass die Hände am Lenkrad und die Augen auf der Straße bleiben. Der digitale Assistent Chris hilft dabei.

Zweieinhalb Jahre nach seiner Gründung bringt das Start-up German Autolabs seinen „digitalen Beifahrer“ auf den Markt. Gesteuert wird „Chris“, so heißt der Assistent, mit Sprache und Gesten. Der Fahrer soll sich aufs Fahren konzentrieren, die Augen auf die Straße richten und die Hände möglichst am Lenkrad lassen, sagt Mitgründer Holger Weiss.

Bei einem Test findet das Gerät sein Ziel mit der Navigations-Software von Here Technologies schnell, schlägt Alternativen vor, die ein Nutzer mit Wischgesten auswählt. Entsprechend funktioniert die Auswahl lokal gespeicherter Musiktitel und Playlists. Chris liest auf Kommando Kurznachrichten vor und schreibt gesprochene Messages an ebenfalls mit Sprache und Gesten selektierte Empfänger aus den Kontakten, oder er ruft diese per Freisprechfunktion an. Die Lautstärke wird ebenfalls mit Gesten eingestellt.

Das kreisrunde Gerät wird wie ein Navi mit einem Saugnapf an der Windschutzscheibe befestigt und per USB-Kabel mit Energie versorgt. Es ist mit fünf Mikrofonen, zwei Bluetooth-Empfängern und einem Gestensensor ausgestattet. Der Verkaufspreis soll unter 300 Euro liegen.

200 Meter Blindflug pro SMS

Smartphone-Nutzer sind es gewohnt, ständig Zugriff auf ihr Kommunikations- und Unterhaltungswerkzeug zu haben. Niemand gibt sein Handy an der Autotür ab. Doch die Bildschirme sind kleinteilig und binden mehr Aufmerksamkeit, als Autolenker während des Fahrens entbehren können. Wer bei Tempo 120 fünf Sekunden aufs Smartphone schaut und eine Textnachricht schreibt, legt fast 200 Meter im Blindflug zurück.

Immerhin 37 Prozent der Befragten greifen während der Fahrt ab und zu zum Smartphone, hat eine Umfrage des Marktforschungsinstituts YouGov unter 18-22-jährigen Autofahrern ergeben. Vor allem an roten Ampeln und während Staus wandern die Hände zum Mobiltelefon – zwecks Musikauswahl (63 Prozent), Chatten (40 Prozent) und seltener auch zum Telefonieren (15 Prozent).

Sprach- und Stimmerkennung kann das Problem der Ablenkung beim Fahren lösen. Moderne Fahrzeuge haben diese Funktion bereits integriert. Sei es die neue A-Klasse von Mercedes, der Porsche Panamera oder BMW (mit Amazon-Alexa-Integration) – Infotainmentsysteme und andere Funktionen lassen sich in diesen Fahrzeuge mit Sprachbefehlen steuern. Doch davon profitieren nur die wenigsten Autofahrer. Denn der durchschnittliche Pkw in Deutschland ist 9,4 Jahre alt und stammt größtenteils aus einer Zeit, in der es solche Technologien noch nicht gab.

Für sprachgesteuerte Geräte gibt es deshalb einen großen Markt. Laut einer Analyse des Marktforschungsunternehmens „Markets and Markets“ wird erwartet, dass der Markt für Sprach- und Stimmerkennung von 6,19 Milliarden US-Dollar bis 2023 auf voraussichtlich 18,30 Milliarden US-Dollar steigen wird. Dabei soll es eine durchschnittliche jährliche Wachstumsrate bei von 19,80 Prozent geben. Allerdings beziehen sich diese Zahlen nicht nur auf den Automotive-Sektor, sondern auch die Bereiche Banking, Finanzdienstleistungen Versicherungen, Bildung und andere Verbraucherdienste.

Eine Kickstarter-Kampagne hat Chris mitfinanziert

German Autolabs hat seinen Assistenten in enger Kooperation mit Nutzern entwickelt. Mit einer Kampagne auf der Crowdfunding-Plattform Kickstarter erwirtschaftete das Berliner Start-up einen Betrag von 270.000 Euro. Doch das war nur der eine Vorteil. Der andere: Immer wieder wurden während der Entwicklung Nutzer befragt. „Das war eine unbezahlbare Marktforschung und brachte uns Erkenntnisse, die wir anders nicht hätten generieren können“, sagt Holger Weiss.

Aus den Kundenumfragen entstanden Prioritätenlisten – etwa für die integrierten Dienste. Nach der Internationalen Funkausstellung 2018, wo das Gerät zum ersten Mal gezeigt wird, soll WhatsApp integriert werden. Ferner soll eine grafische Darstellung der Navigationsbefehle auf dem Display sowie die Integration von live gestreamter Musik folgen.

Außer den Kickstarter-Einnahmen hat sich German Autolabs mit Angel-Investments über Wasser gehalten. Nach der Markteinführung steht eine A-Runde an. Der Verkauf des Unternehmens ist zurzeit für Seriengründer Holger Weisskeine Option. „Wir wollen etwas Solides aufbauen“, sagt er. „Unsere Investoren haben einen langen Atem und Spaß an großen Ideen.“

Dieser Artikel erschien zuerst bei Gründerszene
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