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Digital ist besser: Big Data, big Grusel

Johnny Haeusler 05.12.2016 Lesezeit 3 Min

Auch unser Kolumnist las am Wochenende viel von Facebook-Targeting, das Donald Trump den Wahlsieg gebracht haben soll. Der Selbstversuch mit dem angeblich so mächtigen Tool ließ Johnny Haeusler ernüchtert zurück. Er gruselt sich trotzdem.

Es war einer der meistgeteilten Artikel in meiner Filterblase am Wochenende. Die Schweizer Publikation Das Magazin hatte mit der Reportage Ich habe nur gezeigt, dass es die Bombe gibt über Psychometrie und das Unternehmen Cambridge Analytica einen Volltreffer gelandet. Jenem Unternehmen soll es gelungen sein, die Mechanismen des Microtargetings anhand von Facebook-Likes und anderen Daten so zu verfeinern, dass einzelne Menschen gezielt nicht nur für Werbezwecke angesprochen, sondern auch in politischen Entscheidungen beeinflusst werden konnten. Und sei dafür von allen möglichen Wahlkampfteams engagiert worden.

Der Artikel ist spannend und interessant und spricht mich auf zwei Ebenen an. Da ist zum einen der Wunsch, weitergehende Erklärungen zu finden für Abstimmungsergebnisse, politischen Rechtsruck, Brexit und Trump. Und zum anderen gestehe ich eine Faszination für das ein, was mit Big Data möglich ist oder sein soll, sowohl in positiver als auch in negativer Hinsicht. Chancen kennen, Gefahren dämmen. Oder so. Schlecht gereimt, ich weiß.

Beim Lesen des auch noch gut geschriebenen Artikels stellte sich also diese Faszination ein, ein eher absurdes Aufatmen fast, denn eine Erklärung bedeutet ja noch lange nicht, dass sie die Sache besser macht. Einige meiner Bekannten haben mir den Link geschickt und zugegeben, dass sie die Geschichte äußerst gruselig finden. Man traut sich aber auch, zu zweifeln. Sollte es wirklich so einfach sein, den einzelnen Menschen zu vermessen und zu beeinflussen?

Morrissey-Fan = Frau?

Einer der Zweifler ist Dennis Horn, er hat sich die Sache am Wochenende mal etwas genauer angeschaut und einige Recherchelücken bei Das Magazin festgestellt. Und dabei herausgefunden, dass die Sache doch nicht ganz so einfach ist, wie sie scheint. Belege für die Wirksamkeit der Arbeit von Cambridge Analytica gibt es kaum, US-Wahlkampfteams haben das Unternehmen in der Vergangenheit fallengelassen, die Zusammenarbeit mit den Brexit-Befürwortern wurde aus finanziellen Gründen eingestellt.

Eine äußerst erkenntnisarme Auswertung

Ich habe den Selbstversuch via Facebook gestartet (unter applymagicsauce.com kann man das tun) und die Ergebnisse waren eher mau. Ich sei wahrscheinlich eine Frau, weil ich Morrissey mag, so das System, vielleicht aber auch nicht, weil ich Depeche Mode auch gut finde. Das ist so erkenntnisarm wie meine Charakterisierung/Typografierung (siehe Screenshot), die wohl jeder hätte erstellen können, der sich mal eine halbe Stunde lang mit mir unterhalten hat.

Alles also doch nicht so schlimm? Sind wir mit dem Artikel aus Das Magazin alle am Ende einer diese neuen Fake-News aufgesessen, wie es Spiegel Online vermutet?

Nicht ganz, glaube ich. Denn mit mehr als ein paar Likes, die der Selbsttest auswertet, werden die Ergebnisse sicherlich deutlicher. Und selbst wenn sie nur zu 80 Prozent stimmten: Die Tatsache, dass es offenbar eine große Nachfrage nach Unternehmen wie Cambridge Analytica und somit einen Manipulationswunsch derjenigen gibt, die sich solche Unternehmen leisten können, ist zwar nicht neu. Aber sie bleibt gruselig. Und vielleicht war es genau das, was Mikael Krogerus und Hannes Grassegger als Autoren des Artikels in Das Magazin zeigen wollten.