/Bitcoin

Dieses Unternehmen könnte Bitcoin vernichten

Klemens Kilic 05.10.2018 Lesezeit 7 Min

Die chinesische Krypto-Firma Bitmain hat in Hong Kong einen Antrag auf einen Börsengang eingereicht. Das klingt unspektakulär und harmlos, könnte sich für das Bitcoin-Netzwerk jedoch als Katastrophe apokalyptischen Ausmaßes erweisen. Denn Bitmain ist längst in der Lage, die Kontrolle über die größte aller Kryptowährungen zu übernehmen.

Ganz zu Anfang ein wenig Basiswissen: Was Bitcoin von Nationalwährungen unterscheidet und so besonders macht, ist seine dezentrale Natur und die begrenzte Anzahl der Digitalmünzen, die in Umlauf kommen können. Ersteres bedeutet: Es gibt keine einzelne Stelle wie einen Staat oder eine Bank, die die digitale Devise kontrolliert oder die Blockchain, jene Datenbank, die verzeichnet, wie viele Bitcoin wem gehören und wohin sie fließen. Der zweite Punkt besagt, dass irgendwann keine neuen Bitcoin entstehen können. Maximal 21 Millionen wird es geben. Und je näher wir der Endmarke kommen, umso schwieriger wird es für jene, die sie schürfen, sie zu bekommen.

Genau diese Eigenschaften waren maßgeblich für den kometenhaften Wertanstieg der Kryptowährung – abgesehen von einer gezielten Manipulation im vergangenen Jahr – verantwortlich. Ebenso wie für die Begeisterung, die Forscher, Entwickler und Unternehmer darüber empfanden. Denn Satoshi Nakamoto hat vergleichsweise einfache aber dennoch geniale Mechaniken für ein manipulationssicheres Geld-, Handels- und Anlagesystem gesetzt. Zumindest prinzipiell und theoretisch. Denn jetzt ist die dezentrale Natur von Bitcoin in Gefahr: Schuld ist der Erfolg und der bevorstehende Börsengang der chinesischen Krypto-Firma Bitmain.

Dem vor fünf Jahren von Jihan Wu und Micree Zhan gegründeten Start-up aus China ist es nämlich gelungen, in der Produktion von Mining-Hardware eine Vormachtstellung aufzubauen wie man sie sonst nur von Facebook bei den Sozialen Netzwerken oder Google bei der Suche kennt. Dank spezialisierter Chips – den sogenannten ASICs – sind die Rechner von Bitmain besonders gut darin, die im Bitcoin-Netzwerk getätigten Transaktionen durch das Lösen der zunehmend schwereren Berechnungen zu bestätigen – was wiederum mit neuen Bitcoin belohnt wird.

Die kleinsten der Antminer getauften Rechner kosten um die 190 US-Dollar. Die größeren zwischen 500 bis 3.000 US-Dollar. Wer will, der kann sich bald auch einen umgebauten Schiffscontainer voller Rechner liefern lassen – Preis auf Anfrage. Mit alldem ist Bitmain unangefochtener Marktführer: Auf 70 bis 80 Prozent der weltweit eingesetzten Mining-Rechner prangen das Bitmain- und Ameisen-Logo.

Bitmain-Co-Gründer Jihan Wu.

Zuviel Macht

Natürlich baut und verkauft Bitmain seine Mining-Computer nicht nur, sondern setzt sie auch selbst ein. Und das ohne Rücksicht auf Platz- und Stromverbrauch. Weltweit sollen Lagerhallen und Rechenzentren mit einer Gesamtfläche von 200.000 Quadratmetern mit den Antminern vollgestopft sein, die durch die rauschenden Lüfter lauter sind als manche Autobahnbaustelle. Einzelne Bitcoin-Minen des Unternehmens würden zeitweise bis zu 250.000 US-Dollar am Tag erwirtschaften. Dadurch habe Bitmain alleine im ersten Quartal dieses Jahres 1,1 Milliarden US-Dollar Gewinn gemacht.

Im vergangenen Jahr waren bereits über ein Drittel der Bitcoin-Blöcke von Bitmain generiert worden. Nicht jedes mal direkt aber zumindest indirekt. Denn Bitmain kontrolliert auch zwei der größten Mining-Pools, also Zusammenschlüsse mehrerer Miner, die sich die erwirtschafteten Einnahmen teilen. Die steuern heute 42,5 Prozent der Hash- oder Rechenpower im Bitcoin-Netzwerk bei. Das bedeutet, dass beinahe die Hälfte der Transaktionen von Geräten bestätigt werden, über die Bitmain zwar nicht die totale Kontrolle hat, aber zumindest einen großen Einfluss ausüben kann.

Die 51 Prozent

Dass Bitmain derart viel Umsatz mit Bitcoin-Mining macht und das Schürfen virtueller Münzen in einer geradezu parodistischen Weise professionalisiert hat, das ist spektakulär und irrsinnig aber wäre für sich genommen keine große Gefahr. Aber: Anders sieht es eben mit dem Umfang der Rechenleistung aus, die es dem Bitcoin-Netzwerk beisteuert. Wichtig für die Integrität und Sicherheit des Bitcoin-Netzes ist es nämlich, dass die am Mining beteiligten Rechner möglichst vielen Menschen gehören – und vielleicht sogar selbst möglichst divers ausfallen.

Warum, das wurde klar, als im April 2017 in der Firmware der Bitmain-Mining-Computer-Reihen S3, L3, T9 und R4 eine sonderbare Sicherheitslücke gefunden wurde, die als Antbleed bezeichnet wird. Nämlich ein Mechanismus, der zufällig alle paar Minuten eine Verbindung zum Netz von Bitmain aufbaut und dabei Seriennummer, MAC-Adresse und die IP-Adresse übermittelt und verifizieren lässt. Das sei, glauben einige, nicht nur eine Möglichkeit für Bitmain, den Absatz zu kontrollieren und die Kundschaft zu kartographieren, sondern eine gezielt verbaute Hintertür. Denn Antbleed kann es dem Unternehmen erlauben, die Geräte ferngesteuert abzuschalten – nämlich wenn die übermittelte Seriennummer vom Bitmain-System als „gefälscht“ abgewiesen wird.

Das gibt Bitmain eine unglaubliche Macht über das Bitcoin-Netzwerk. Würde nämlich alle selbst herausgegebenen Hardware über den Antbleed-Mechanismus deaktiviert, bis auf jene Miner, die unter eigener Kontrolle stehen, könnte Bitmain abrupt mehr als die Hälfte der Rechner kontrollieren, die Bitcoin am Leben halten und die Blockchain schreiben. Damit wäre eine 51-Prozent-Attacke möglich. Und die würde nicht nur gezielten Betrug ermöglichen, sondern könnte Bitcoin komplett zerstören.

Überstimmt

Bei Bitcoin haben nur Transaktionen in der Blockchain bestand, wenn die Mehrheit der Rechner diese als valide ansehen. Das garantiert eigentlich Fälschungssicherheit. Versucht jemand beispielsweise, Blöcke mit falschen Transaktionen in die Blockchain einzuspeisen, um Bitcoin zu stehlen, werden diese Fake-Transaktionen von der Masse der Rechner einfach überstimmt. Hat jedoch eine Macht mehr als die Hälfte der verfügbaren Recheneinheiten unter sich, kann sie bestimmen, wie die Blockchain auszusehen hat. Ähnlich wie bei einer feindlichen Übernahme eines Unternehmens, bei der immer mehr Vorstandsposten mit eigenen Leuten besetzt werden bis das Stimmrecht auf der eigenen Seite ist.

Bitmain könnte dadurch Transaktionen verzeichnen lassen, die nicht stattgefunden haben und dadurch beliebig viele Bitcoin umleiten, wogegen kaum jemand etwas unternehmen könnte. Ebenso könnte die Firma einfach leere Blöcke auf die Blockchain stapeln, und das Bitcoin-Netzwerk damit einfrieren und den Handel mit der Kryptowährungen zum erliegen bringen. Das Vertrauen in und die Nutzbarkeit von Bitcoin wären dahin, der Wert eines Bitcoin würde ins Bodenlose rauschen und die Währung quasi wertlos werden: Milliarden-Werte wären vernichtet. Natürlich wäre es nicht gerade im Sinne von Bitmain derartigen Schindluder mit der Blockchain zu treiben – schließlich würde dadurch das Firmenvermögen gefährdet. Aber es wäre möglich.

Damit hängt die Stabilität von Bitcoin nun nicht mehr vom Vertrauen in die Technologie und das Konzept von Satoshi Nakamoto ab. Sondern auch vom Vertrauen in den guten Willen und die Vernunft eines chinesischen Milliardenunternehmens, das sich unter seinen Gründern mit purem Gewinnstreben und ethisch und moralisch fragwürdigem Vorgehen zum Quasi-Monopolisten im Krypto-Markt hochgekämpft hat. Schlimmer noch: Bald ist es eben nicht mehr nur Bitmain, dem vertraut werden muss, sondern auch eine ganze Reihe von Fonds, Banken und Investoren.

Erst kürzlich hat Bitmain den Antrag für einen Börsengang an der Hong Konger Börse HKEX eingereicht. Der dadurch absehbare Wandel der Unternehmensstruktur von einer privaten in eine öffentliche Firma ermöglicht es, dass wohl vor allem Großbanken durch einen Erwerb von Bitmain-Anteilen alsbald massiven Einfluss auf die Geschicke von Bitmain nehmen. Angesichts der Tatsache, dass Bitcoin eine Konkurrenz zum traditionellen Bankensystem darstellt, haben Banken wohl kein überwältigendes Interesse daran, die Ideale von Bitcoin und dessen Erfolg zu bewahren. Viele würden Bitcoin wohl sogar lieber scheitern sehen.

Die lange ignorierte Sonderstellung von Bitmain hat die Idee von Bitcoin, ein wahrhaftig dezentrales und gegen äußere Kontrolle gewappnetes Netzwerk zu schaffen, untergraben. Aber noch können Bitcoin-Nutzer reagieren. Nicht dadurch dass sie Bitcoin nicht mehr nutzen oder auf eine andere Währung umsatteln. Nein, sondern indem sie sich endlich klar machen, dass viele Kräfte, die Bitcoin nutzen, nicht die Ideale seiner Schöpfer teilen. Sie können die Vormacht von Bitmain aufbrechen. Sie sollten auf die Konkurrenz von Bitmain umsatteln und das Bitcoin-Netz wieder zu dem machen, was es einst war: Eine wagemutige Unternehmung, deren Teilnehmer so divers waren, wie die Rechner, die sie betrieben.