/Startup

Dieser 23-Jährige will die Weltmeere vor Plastikmüll retten

Cindy Michel 22.06.2018 Lesezeit 5 Min

Riesige Inseln aus Plastikmüll. Tiere, die sich in Tüten und Dosenhaltern verheddern und sterben. Das Problem ist nicht mehr zu leugnen. Aber: Die Initiative The Ocean Cleanup will bis zum Jahr 2040 einen Großteil der Weltmeere säubern. Beim Tech Open Air 2018 in Berlin sprach WIRED Germany mit Gründer Boyan Slat, der sein gigantisches Reinigungssystem gerne mit Pac-Man vergleicht.

Wenn Boyan Slat als 16jähriger Junge nicht zum Schnorcheln an die griechische Küste gefahren wäre, dann wäre er heute vielleicht eher Astronaut. Mit ziemlicher Sicherheit würde er aber nicht die Ozeane retten wollen. Davon ist er überzeugt. „In diesem Urlaub vor sieben Jahren hat alles angefangen, als ich beim Tauchen mehr Plastiktüten als Fische gesehen habe“, erinnert sich der Unternehmer und Gründer von The Ocean Cleanup. Die Initiative hat ein ambitioniertes Ziel: In den kommenden 20 Jahren will sie einen Großteil der Weltmeere von Plastik säubern will. Beim Tech Open Air 2018 in Berlin hat Boyan Slat seine Vision gerade vorgestellt.

Dort, im Funkhaus am Ufer der Spree hat sich der Niederländer hingesetzt. Braune zerzauste Locken hängen ins Gesicht, er trägt ein graues T-Shirt mit dem Aufdruck Gone Cleaning. „Ich habe damals nicht verstehen können, warum sich niemand um den Müll im Meer kümmert. Deswegen habe ich zig Leute gefragt, warum das denn so sei“, sagt Slat. Die Antworten seien wenig befriedigend gewesen für den jungen Niederländer: Das wäre schlichtweg nicht möglich, hätten die einen zu ihm gesagt, dafür wäre es schon viel zu spät, die anderen. „Das konnte ich so einfach nicht hinnehmen. Niemand konnte mir triftige, geschweige denn wissenschaftlich belegbaren Gründe nennen.“

Also beginnt er als 16-Jähriger selbst zu recherchieren, arbeitet das Thema im Rahmen eines Schulprojekts auf: „Eigentlich ist The Ocean Cleanup ein Schulprojekt, dass etwas aus dem Ruder gelaufen ist“, sagt der Niederländer über sein Unternehmen, das im vergangenen Jahr laut eigener Aussagen 35 bis 40 Millionen US-Dollar von Sponsoren und Unterstützern einsammeln konnte, und grinst.

Ein Problem größer als viele Nationen

Obwohl er als Schüler immer wieder über das Problem der verdreckten Ozeane nachdenkt und verschiedene Lösungsansätze entwickelt, wie man sie von Plastik befreien könnte, beginnt er erst einmal ein Studium der Luft- und Raumfahrttechnik. Das bricht er aber ab, tauscht die Sterne wieder gegen die Wellen und widmet sich mit 19 Jahren komplett seinem Projekt.

„Es ist nicht so, dass ich ein extremer Meer-Typ bin. Viel mehr bin ich ein Tech-Typ, ich liebe es, mit Technologie Probleme zu lösen. Das der Meere ist riesig – und ich weiß, dass es behoben werden kann. Wir sind kurz davor.“

Genauer gesagt, haben die Ozeane nicht nur ein Problem mit schwimmenden Müllinseln, sondern insgesamt fünf. Denn der Plastikmüll, der in den Ozeanen landet, sammelt sich in er Nähe des Äquators – und zwar an den Stellen, an denen unterschiedliche Meeresströmungen von Norden und Süden aufeinandertreffen, dabei bilden sich riesige Strudel aus denen das Plastik nicht mehr herauskommt. Insgesamt existieren fünf von diesen Müllinseln. Die größte, der sogenannte Great Garbage Patch, schwimmt zwischen Hawaii und Kalifornien. Laut neuester Untersuchungen des The Ocean Cleanup treiben in dem gigantischen pazifischen Müllstrudel etwa eine Billion Plastikteile, die insgesamt etwa 80.000 Tonnen auf die Waage bringen – so viel wie etwa 400 Blauwale oder 16.000 Elefanten. Verteilt sind sie auf über 1,6 Millionen Quadratkilometer – Deutschland würde da knapp fünfmal hineinpassen.

Aber wie will Boyan Slat mit seiner Stiftung dieses Problem lösen? „Simpel, wir nutzen die natürliche Meeresströmung. So sparen wir Energie, Zeit und Kosten“, sagt er. Schon in der Schule sei ihm aufgefallen, dass sich Plastikmüll recht gut an den Küsten sammeln würde. Nur: Nahe der Müllinseln, dort wo sich eben das Plastik konzentriert, gäbe es keine, „also hatten wir den Einfall künstliche Küsten zu bauen.“ Slat entwickelt also mit seinem Team eine schwimmende Barriere: Das sind Schwimmröhren, die in Sichelform auf das Wasser gebracht werden – bis zu zwei Kilometer sollen sie lang sein. Von ihnen hängen wie Vorhänge lange Filter in die Tiefe. Durch eine schwimmende Ankerkonstruktion werden sie an Ort und Stelle gehalten. Die Meeresströmung spült das Plastik in diese Fangarme. Der Müll muss später nur noch abgefischt werden. Für Fische soll das System ungefährlich sein.

Für seine ehrgeizigen Ideen musste Slat aber auch schon viel Kritik einstecken. Mehrere Ozeanwissenschaftler hielten seine Pläne für illusorisch oder fürchteten sogar, er könnte damit mehr Schaden als Nutzen anrichten. Doch Slat lässt sich davon bisher nicht beirren und will schon bald sein erstes Säuberungssystem starten.

Vom Müll zur Sonnenbrille

„Ich vergleiche das System gerne mit Pac-Man. Weil es von den Wellen und dem Wind bewegt wird, es ist ja komplett passiv, die Natur macht die Arbeit“, sagt Boyan Slat. „Es ist also wie Pac-Man, der die kleinen Geister auffrisst.“ Mit diesem Pac-Man-System will The Ocean Cleanup die Hälfte des Great Garbage Patch binnen fünf Jahren gereinigt haben. „Und bis 2040 sogar 90 Prozent“, so Slat. Natürlich müsse man dann erst noch sehen, wie viele dieser Systeme man brauche, um den Müll zu fangen. Aber an der anvisierten Zeit werde sich dadurch nichts ändern. Ein aktueller Prototyptest in der Nordsee sei so gut gelaufen, dass bereits im September das System im Pazifik installiert werden soll. Aktuell wird es in San Francisco gebaut.

Der Prototyp einer Sonnenbrille, die aus Plastikmüll hergestellt wurde.

Aber was passiert mit dem Müll, wenn er eingesammelt und an Land gebracht wurde? „Er wird komplett recycelt. Man kann so ziemlich alles aus dem Plastik machen: Vom Keyboard bis zu Schuhen“, sagt Slat und zieht eine Sonnenbrille aus seiner Tasche und setzt sie auf. „Diese hier ist ein Prototoyp, wir haben sie aus Plastik aus dem Pazifik produziert.“

Als Weltretter fühlt sich der junge Unternehmer nicht. Denn: „Das ist ja nur eines der vielen Probleme, die es auf der Erde zu lösen gilt, aber vielleicht nehmen sich andere Leute daran ein Beispiel, um mit Technologie andere Dinge anzugehen – um die Welt zu einem bessere Ort zu machen.“