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Die Wahrheit hat 2029 nur dann eine Chance, wenn Tech-Konzerne Verantwortung übernehmen

Alexander Sängerlaub 13.12.2018 Lesezeit 6 Min

Schon heute haben es recherchierte Fakten gegen „Lügenpresse“-Rufer schwer. Wie sieht das nur in zehn Jahren aus? Unser Gastautor Alexander Sängerlaub von der Stiftung Neue Verantwortung wagt für unser WIRED2029-Special eine Vorhersage, um was wir uns dann am meisten sorgen müssen: Deep Fakes, Facebook oder Fake News?

Deep Fakes

„President Trump is a total and complete dipshit,“ raunt es aus dem Mund des ehemaligen US-Präsidenten Barack Obama, der vor amerikanischer Flagge irgendwo im Weißen Haus ein Videointerview zu geben scheint. Dies mag für den ein oder anderen jetzt inhaltlich keine bahnbrechende neue Erkenntnis sein, allerdings hat Obama diese Sätze so nie gesagt. Das Video war ein sogenannter Deep Fake, das von einem Obama-Schauspieler eingesprochen wurde. Im Anschluss hat eine dafür produzierte KI – in allerdings noch 56 Stunden Produktion – den gefakten Obama kreiert. Das beeindruckendes Video, das diesen Sommer die Runde machte, ließ die nervösen Gemüter unruhig werden, was denn da technisch auf uns zukäme.

Was bedeutet es für eine Zeit, in der ohnehin schon alle von Fake News reden, wenn solche Technologien in ein paar Jahren bald als App für jeden downloadbar sind? Die Antwort liefert Professorin und Mitentwicklerin der Technologie Ira Kemelmacher-Shlizerman von der University of Washington im Video der BBC gleich mit: Wenn eine KI lernt, so ein Video zu erstellen, wird es eine andere KI geben, die wiederum lernt, solche gefälschten Videos zu erkennen und zu enttarnen.

Wer hier skeptisch bleibt, der sei erinnert, dass wir es auch heute, im Zeitalter von PhotoShop, nicht jeden Tag mit tausenden gefälschten Bildern zutun haben, vor denen wir als Gesellschaft jeden Tag in den Nachrichten kapitulieren. Fact-Checker im Journalismus nutzen Bilder-Rückwärtssuchen oder schauen in den Code hinter den Bildern. Wichtiger ist, dass Journalisten die Fähigkeit bekommen, sich auf neue Technologien einzustellen, die ihnen dabei helfen Fakten von Fakes zu unterscheiden – und dass diese Tools einfach und open source zur Verfügung gestellt werden.

Dystopiefaktor von Deep Fakes: Hält sich in Grenzen.

Facebook

Stellen wir uns vor, in der Redaktion einer großen Tageszeitung würden 150 Leute als „Journalisten“ angestellt. Doch niemand davon hat sein Handwerk gelernt, jeder darf einfach schreiben was er will, meint und fühlt, nichts wird vorher auf seine Faktizität geprüft und auf Seite 1 kommt, was am meisten Emotionen, vorzugsweise Wut, beim Leser verursacht. Und obendrauf werden Werbung, Katzenvideos, Propaganda und News im selben Design alle in einen großen Topf gerührt und sehen identisch aus. Wer würde so eine Zeitung abonnieren?

Machen wir aus den 150 Leuten mal fix 1,5 Milliarden und schwupp heißt diese „Tageszeitung“: Facebook. Je länger die Plattform in der Welt ist, desto mehr merken wir, dass sie denkbar schlecht dafür geeignet ist, eine sinnvolle, demokratie- und debattenfördernde Informationsplattform zu sein – geschweige denn ein guter Kanal für Nachrichten. Dafür ist sie eine tolle Quelle für Propaganda oder um es sich in der eigenen Echokammer gemütlich zu machen. Trump, die AfD und alternative Nachrichtenseiten haben dieses Potenzial längst erkannt und nutzen soziale Netzwerke für ihre Zwecke höchst erfolgreich.

Zwangsläufig muss man an die alten Röntgenpartys des ausgehenden 19. Jahrhunderts denken, in denen Menschen dachten, dass röntgen ein super Zeitvertreib ist. Stundenlang hat man sich zu köstlichen Häppchen und Champagner gegenseitig bestrahlt, um sich auch mal von innen kennenzulernen. Dass das keine gute Idee ist, mussten viele schmerzhaft im Nachhinein feststellen. Will heißen: Wir haben einen drolligen Umgang mit Technologie. Euphorisch nutzen wir sie und die Schäden, die sie anrichtet, stellen wir oft erst im Nachhinein fest.

Ob bis 2029 Populisten immer noch dankbar für die Plattoform Facebook sein werden oder Zuckerberg den Laden bis dahin dicht gemacht hat, steht noch in den Sternen. Zumindest die Nutzer verabschieden sich bereits heute von der Plattform. Facebooks Nutzung als Informationsquelle bricht laut aktuellem Digital News Report in fast allen Ländern ein. Nur in zwei Ländern geht die Nutzung noch weiter nach oben – ausgerechnet in Großbritannien und den USA.

Dystopiefaktor von Facebook: Ungebrochen.

Fake News und die Populisten

Bleiben wir in den USA. „You are Fake News!“ beschimpfte Trump in seiner allerersten Pressekonferenz als Präsident der Vereinigten Staaten im Januar 2017 einen Reporter des Fernsehsenders CNN. Schon von Beginn seiner ersten Amtszeit war klar, wer Trumps ärgster Feind ist: die freie Presse. Dabei ist die doppelte Konnotation des unsäglichen Begriffs „Fake News“ schnell klar geworden: Alles was ihm nicht passt, ist falsch, alles was Trump als Präsident in die Welt pustet, vorzugsweise über Twitter mit seinen 56 Millionen Followern, ist richtig.

Die Muster sind überall gleich, ob nun die PiS-Partei in Polen, Recep Erdogan in der Türkei, Victor Orban in Ungarn oder Donald Trump in den USA: der erste Feind des Autokraten ist, neben der Opposition, die freie Presse. Auf ihre Abschaffung hat es der Autokrat als erstes abgesehen, während er es mit der Wahrheit dafür selbst auch nicht so genau nimmt. Die PiS-Partei hat das öffentlich-rechtliche Fernsehen auf Linie gebracht, Erdogan verhaftet zahlreiche Journalisten und reiche Freunde aus dem Umfeld Orbans verleiben sich die letzten freien Zeitungen ein.

Aus großer Kraft folgt große Verantwortung.

Spiderman

Trump, theoretisch sogar noch bis 2024 im Amt, könnte auch noch kreativer werden, als er es bisher ist. Denn die wirklich großen Schwergewichte unserer digitalen Öffentlichkeit, sitzen in den USA und damit in seinem politischen Einflussbereich. FAANG, die fünf Buchstaben stehen für die großen Tech-Giganten in Amerika, die heute alle maßgeblich am Zustandekommen der öffentlichen Meinung sind. Facebook, Apple, Amazon, Netflix und Google. Sie sind weltweit gesehen heute die wichtigsten digitalen „Medienhäuser“ des 21. Jahrhunderts – auch wenn sie diese Verantwortung arg von sich weisen.

Medienhäuser? Facebook als soziales Netzwerk ist in den USA digitale Newsquelle Nummer 1. Amazon-Gründer Jeff Bezos besitzt nicht nur die Washington Post, sondern Quasselröhre Alexa ist auch eine hervorragende Nachrichten-Vorleserin. Googles Algorithmen bestimmen, welche Seiten uns bei der Suche nach Nachrichten präsentiert werden. Apple diktiert mit Apple News, welche Nachrichten wir auf dem Smartphone ausgespielt bekommen und Netflix ist als „Fernsehsender“ gerade für viele Jugendliche wichtiger als ARD oder ZDF.

Wird Trump politisch kreativer, was seinen Kampf gegen die Medien betrifft, wird es düster für die Meinungsfreiheit auch fernab der USA. Damit 2029 nicht die nächste Präsidentin der USA Ivanka Trump heißt, muss nicht nur Facebook seinen Laden erst einmal selbst in den Griff bekommen. Die Tech-Giganten müssen sich ihrer Bedeutung für die digitale Öffentlichkeit weitaus bewusster werden. Oder wie Spiderman einst so schön sagte: „Aus großer Kraft folgt große Verantwortung."

Dystopiefaktor von Fake News und Populisten: Da geht noch was!

Alle Artikel des WIRED2029-Specials, die vom 12. bis 19.12.2018 erscheinen werden, findet ihr hier.