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Ein Texaner hat erreicht, dass bald jeder Waffen aus dem 3D-Drucker haben kann

Andy Greenberg (WIRED US) 11.07.2018 Lesezeit 6 Min

Vor fünf Jahren zog ein junger Texaner los, um das amerikanische Waffenrecht noch weiter auszuhöhlen. Jetzt hat er sein Ziel erreicht: Er darf die Konstruktionspläne für Waffen aus dem 3D-Drucker ins Netz stellen. Das könnte weltweite Auswirkungen haben.

Vor fünf Jahren steht Cody Wilson auf einem abgelegenen Schießstand mitten in Texas. Damals ist er 25. Er betätigt den Abzug seiner Waffe, einer besonderen Waffe. Es ist die erste, die so gut wie vollständig aus einem 3D-Drucker stammt. Zu Wilsons Erleichterung explodiert die Plastikpistole nicht in seiner Hand, sondern feuert eine Kugel ab. Wieder zuhause in Austin stellt er die Druckdateien für die Waffe ins Netz, auf seine Internetseite Defcad.com. Die ganze Welt kann sich nun den Bauplan einer einsatzfähigen Pistole herunterladen.

Cody Wilson ist libertär, ziemlich libertär sogar. Er lehnt staatliche Vorschriften ab. Die Webseite hat er bereits Monate vorher gestartet und dazu ein Video veröffentlicht, mit einem anarchistischen Manifest. Darin erklärt er, dass die Kontrolle von Waffen in einer Zeit, in der jeder seine eigene Waffe mit ein paar Klicks herunterladen und drucken kann, niemals wieder dieselbe sein würde. Für ihn ist das eine erfreuliche Aussicht.

Hunderttausend Downloads in wenigen Tagen

In den Tagen nach seinem Probeschuss wird der Datensatz seiner Waffe mehr als hunderttausendmal heruntergeladen. Wilson bricht sein Jurastudium ab und beschließt, sich völlig auf sein neues Projekt zu konzentrieren. Er ist überzeugt davon, dass Technik bald das Gesetz ablösen wird.

Doch das Gesetz holt auf, sehr schnell sogar. Nicht einmal eine Woche dauert es, da bekommt Wilson einen Brief vom US-Außenministerium. Es fordert ihn dazu auf, die Anleitung für die Pistole zum Ausdrucken aus dem Netz zu nehmen. Sonst würde er strafrechtlich verfolgt werden – wegen eines Verstoßes gegen die staatlichen Exportkontrollen. Das Ministerium beruft sich auf komplizierte Vorschriften, die „International Trade in Arms Regulations“ (ITAR). Wilson wird beschuldigt, Waffen ohne Lizenz ausgeführt zu haben – fast so, als hätte er Plastikpistolen nach Mexiko geschickt, anstatt nur den digitalen Bauplan dafür online zu stellen.

Cody Wilson gibt erst einmal nach. Defcad.com ist nicht mehr erreichbar. Aber reicht das? Sein Anwalt skizziert Horrorszenarien: Ihm könnten immer noch eine Millionenstrafe oder sogar ein paar Jahre Gefängnis drohen, weil er die Datei für ein paar Tage auch ausländischen Usern zur Verfügung gestellt hatte. „Ich dachte, mein Leben ist vorbei“, sagt Wilson heute.

Jetzt könnte eine Ära der DIY-Waffen anbrechen

Doch Cody Wilson muss nicht ins Gefängnis – im Gegenteil. Er beschließt, gegen die Regierung und ihre Gesetze vorzugehen. Also zieht er vor Gericht. Jetzt, fünf Jahre nach seinem ersten Schuss, hat er sein Ziel erreicht. Mehr als das. Er hat nicht nur die rechtlichen Hürden für sich persönlich aus dem Weg geräumt. Er könnte sogar eine ganz neue Ära eingeläutet haben, in der die Waffenkontrollen in den USA noch laxer werden, als sie es ohnehin schon sind. In Zukunft kann sich jeder zuhause tödliche Waffen drucken – ohne Aufsicht der Regierung. Wilsons libertärer Traum scheint in Erfüllung zu gehen.

Wie konnte es dazu kommen? Vor zwei Monaten bietet das Justizministerium, das inwzischen nicht mehr von den Demokraten unter Obama, sondern von den Republikanern unter Trump geführt wird, Wilson einen Vergleich an. Er und seine Mitstreiter von der Gruppe „Defense Distributed“ sollen ihre Klage gegen die Regierung beenden, die sie seit 2015 trotz einiger Rückschläge vor Gericht vorantreiben. Anders als die Obama-Administration schließt sich die Trump-Regierung weitgehend der Argumentation von Wilson und seinem Team von Anwälten an.

„Und was ist, wenn der Programmcode eine Waffe ist?“

Cody Wilson (2015)

Diese bringen gleich zwei von der Verfassung garantierte Rechte ins Spiel, das auf den Besitz von Waffen und das auf freie Meinungsäußerung. Sie werfen dem Außenministerium nicht nur vor, Wilsons Recht, Waffen zu tragen, verletzt zu haben, sondern auch sein Recht auf freien Informationsaustausch, als es ihm untersagte, seine 3D-Druckdaten zu veröffentlichen. „Wenn Programmcode eine Meinungsäußerung ist, dann sind die verfassungsrechtlichen Widersprüche offensichtlich“, sagt Wilson zu WIRED, als er seine Klage 2015 einreicht. „Und was ist, wenn der Programmcode eine Waffe ist?“

Cody Wilson darf seine Bauanleitung wieder ins Netz stellen

Das überraschende Entgegenkommen des Justizministeriums, das Anfang des Monats in Gerichtsdokumenten bestätigt wurde, schließt sich den Argumenten an. Die Trump-Regierung sagt Wilson zu, die ITAR-Regeln für Handfeuerwaffen zu ändern – mit ein paar Ausnahmen, zum Beispiel für vollautomatische Waffen. Auch Kriegswaffen sollen ausgeschlossen bleiben. Allerdings wird die Zuständigkeit für die ITAR-Kontrollen ans Handelsministerium verschoben. Das werde die technischen Daten der im Internet geposteten Waffen kaum überprüfen. Cody Wilson muss auf die Änderungen innerhalb der Regierung aber gar nicht mehr warten, er bekommt eine Sonderlizenz, damit er seine 3D-Druckdateien sofort wieder ins Netz stellen darf.

„Das ist wirklich eine großartige Sache“, sagt er jetzt. „Es wird ein unwiderruflicher Teil des politischen Lebens werden, dass man Waffen herunterladen kann – und wir haben dabei geholfen, das zu erreichen." Schon Ende des Monats wollen Wilson und seine Mitstreiter der Organisation „Defense Distributed“ ihre Webseite wieder in Betrieb nehmen, um Druckvorlagen zum Download bereitzustellen.

Das digitale Model einer Waffe aus dem 3D-Drucker.

Druckvorlagen für jeden, auch für Kriminelle

Wilson und sein Team wollen die Seite zu einem richtigen Portal machen, auf dem auch andere ihre Waffenmodelle teilen. Es soll eine Datenbank für alle erdenklichen Feuerwaffen entstehen. Diese soll weltweit zugänglich sein, für jeden der einen uneingeschränkten Internetzugang hat. Das würde bedeuten: Auch Schwerverbrecher, psychisch kranke Menschen oder sogar Minderjährige könnten sich damit tödliche Pistolen bauen. Alles, was sie dazu brauchen, sind ein 3D-Drucker und Nägel aus dem Baumarkt für die Schlagbolzen. Tödliche Verbrechen mit selbstgemachten Waffen, die es in den vergangenen Jahren bereits gab, könnten sich häufen.

Kritiker der ohnehin recht laxen Waffenkontrollen in den USA sind entsetzt über das Einlenken der Trump-Regierung. „Jeder sollte alarmiert sein“, sagt etwa Po Murray von der Newton Action Alliance, die sich vor allem im Bundesstaat Connecticut für ein strengeres Waffenrecht einsetzt. Sie wurde 2013 nach dem Amoklauf an der Sandy Hook Grundschule gegründet. „In Connecticut und anderen Staaten erlassen wir endlich Gesetze, damit Kriegswaffen nicht in die Hände gefährlicher Menschen kommen. Und jetzt arbeitet man in die komplette Gegenrichtung.“

Cody Wilson hat in den vergangenen Jahren immer betont, dass es ihm nicht darum ginge, Waffen für Kriminelle bereitzustellen, und dass er nicht will, das Unschuldige sterben. Aber seinen Kurs geändert hat er auch nicht. Jetzt, wo Bundesweit vor allem Studenten schärfere Waffengesetze fordern, sagt er: „Diese ganzen Studenten und ihr Traum von einer gemeinschaftlichen Reform des Waffenrechts? Nichts da. Das Internet wird jetzt Waffen liefern, man wird sie herunterladen können.“ In ein paar Wochen geht seine Webseite wieder online.

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED.com
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