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Die Überfischung der Meere soll nun mit der Blockchain bekämpft werden

Roman Maas 01.12.2018 Lesezeit 7 Min

Zu viele Fische werden täglich aus dem Meer gezogen. Mit hocheffizienten Fangmethoden werden die Ozeane regelrecht abgegrast. Außerdem ist oft nur schwer nachzuvollziehen, welcher Fisch wirklich auf unserem Teller landet. Der Einsatz der Blockchain-Technologie in Verbindung mit IoT-Sensoren könnte die Situation zumindest verbessern.

Seit Tausenden von Jahren fischen die Menschen in den Meeren der Welt. Doch es ging nur solange gut, bis mit dem industriellen Fortschritt des 20. Jahrhunderts High-Tech-Schiffe ihren Siegeszug antraten. Mit ihnen konnten plötzlich ungeahnte Massen an Meerestieren aus dem Wasser gefischt werden. Bis in die 1990er-Jahre stiegen die Fangzahlen kontinuierlich an. Seitdem holt die Fischereiindustrie jedes Jahr etwa rund 80 bis 90 Millionen Tonnen an Land. Derzeit erwirtschaftet die Branche weltweit jährlich über 200 Milliarden Euro. Die Masse an gefangenen Fischen könnten weiter zunehmen, denn die Nachfrage wächst: Bis 2030 wird ein weltweiter Anstieg des Fischkonsums von 18 Prozent erwartet. 201 Millionen Tonnen Fisch und Meeresfrüchte aus Wildfang und Aquakulturen sollen dann auf den Tisch kommen.

Schleppnetze ruinieren ganze Ökosysteme

In den Weltmeeren kommen riesige Schlepper in der Größe von Ozeandampfern und Öltankern für die Fischereiindustrie zum Einsatz. Die effizientesten von ihnen, wie die Supertrawler Margiris oder Atlantic Dawn, können bis zu 200 Tonnen Fisch pro Tag einfangen. Die meisten Industriefischer setzen die oft kritisierten Schleppnetze ein. Diese bis zu 1,5 Kilometer langen Trichter pflügen an vielen Stellen über den Meeresgrund und zerstören dabei ganze Ökosysteme, zum Beispiel Korallenriffe. Schleppnetze unterscheiden auch nicht zwischen den anvisierten Fischschwärmen und gefährdeten Arten wie Walen und Delfinen. Sie enden als Beifang.

Die Tatsache, dass unsere Supermarktkühltheken trotz sinkender Fischzahlen in den Meeren nach wie vor bestens gefüllt sind, liegt daran, dass die Fischereiflotten sich fortwährend vergrößern und in neue, noch nicht erschöpfte Gebiete vordringen. Weltweit werden schätzungsweise mehr als 90 Prozent der kommerziell genutzten Fischbestände überfischt oder kommen an ihre biologischen Grenzen. Überfischte Populationen haben oft keine Zeit mehr, um sich zu erholen, da die Fische gefangen werden, bevor sie Geschlechtsreife erlangen. Dort, wo die oberen Wasserschichten ausgeschöpft sind, gehen die Fischereiunternehmen in die Tiefsee. Hier werden Arten, über die wir kaum etwas wissen, wie Laternenfische, hervorgeholt, um sie zu Tierfutter oder Fischöl weiterzuverarbeiten.

Fangquoten lassen sich schwer überprüfen

Um eine Überfischung zu vermeiden und die Fischindustrie zu regulieren, vergeben Staaten Fangquoten. Innerhalb Europas legt die EU diese Quoten fest und verteilt sie auf die einzelnen Länder. Die Regulationen bestimmen auch, welche Fangmethoden eingesetzt werden, und wann in welchen Gebieten gefischt werden darf. Aus politischen Gründen werden diese Quoten allerdings aus Sicht von Umweltschützern oft zu großzügig festgelegt. Aber egal, wie die Quoten aussehen, viele Fischereiunternehmen halten sie gar nicht erst ein. Die Schlepper tauschen untereinander Ladungen aus, auf Containern werden falsche Bezeichnungen angebracht. Wer soll da den Überblick darüber behalten, welche Fische wo, wann und von wem genau aus dem Meer gezogen wurden?

Die lückenhaften Kontrollmechanismen machen sich nicht nur im Lebensraum Ozean bemerkbar, sondern auch bei uns auf dem Esstisch. Fisch nach nachhaltigen Kriterien zu identifizieren ist als Konsument schwierig bis unmöglich. Zwar gibt es einige Siegel für nachhaltige Fischerei gibt, doch sie haben das Problem nicht flächendeckend gelöst. Eine Studie der NGO Oceana, untersuchte die DNS von 280 Proben aus Restaurants und Kantinen in Brüssel. Fast bei einem Drittel der Fischgerichte lag ein anderes Tier auf dem Teller, als auf der Speisekarte angegeben. Es ist nicht ungewöhnlich, dass etwa billige tropische Thunfisch-Arten als beliebte Atlantik-Thunfische ausgezeichnet werden, oder Pangasius und Seelachs als teurer Kabeljau verkauft werden. Wer soll da noch durchblicken, ob die Fische nachhaltig gefischt wurden oder aus Schutzgebieten außerhalb der Fangsaison kommen?

Viele hoffen auf die Blockchain

Die Blockchain-Technologie verspricht dezentral geführte Datenbanken, die unfälschbar, transparent und vertrauensvoll sind. Kann dies eine Hilfe gegen die Überfischung der Weltmeere sein? Mehrere Projekte beschäftigen sich zurzeit damit, Lieferketten vom Fangnetz bis zum Esstisch zuverlässig aufzuzeichnen. So sollen alle beteiligten Parteien jederzeit überprüfen können, woher die Meerestiere kommen, um welche Spezies es sich handelt, wer sie gefangen und wem verkauft hat, und welchen Weg sie hinter sich gebracht haben.

Beim Einsatz einer Blockchain in der Logistik bekommt ein Produkt, in diesem Fall eine Ladung von Fisch, eine eindeutige Identifikationsnummer. Diese ID wird im Verlauf der Datenkette an jeder Station neu signiert und mit einem Timestamp, also einer Zeiterfassung, und anderen relevanten Informationen versehen. Einmal gespeichert, können die Daten innerhalb der Blockchain nicht mehr nachträglich verändert werden. So taggen nach und nach Fischer, Lieferanten, Kühllagerarbeiter, Logistikunternehmen und Fischhändler die Ladung, bis eine Portion Fisch beim Endkonsumenten angelangt ist. Dieser kann dann im Idealfall, etwa mit einem aufgedruckten QR-Code, alle Informationen zu seiner Mahlzeit bequem mit seinem Smartphone abrufen.

Klar, dass Menschen bei der Warenetikettierung innerhalb der Lieferkette auch mit digitaler Blockchain-Buchführung noch schummeln können. Doch es gibt Wege, wie man dem zumindest entgegenwirken kann. Einer davon sind Reputationspunkte, auch Confidence Score genannt. Je mehr alle Kriterien erfüllende Produkte jemand abzeichnet, desto mehr wächst sein Ansehen in der Kette. Wird er beim Betrug erwischt, können die anderen Teilnehmer ihn mit Punktabzug bestrafen. So kann das Vertrauen der Blockchain ohne zentrale Kontrollinstanz aufrecht gehalten werden.

IoT-Sensoren in den Fangnetzen

Das von der Linux-Foundation ins Leben gerufene Open-Source-Blockchain-Projekt Hyperledger hat mit Sawtooth eine Plattform entwickelt, die eine dezentrale Architektur für verschiedene Arten von Lieferketten bietet. Um mehr Vertrauen für die Fischereiindustrie zu schaffen, kommen bei Sawtooth Internet-of-Things-Sensoren an verschiedenen Stellen der Kette zum Einsatz. Die digitale Überprüfung beginnt schon im Fangnetz selber. Der Sensor dort zeichnet per GPS auf, wo genau das Netz seine Bahnen zieht und wie schwer jede einzelne Ladung ist. Auf dem Schlepper signieren die Seeleute die Container dann mit der Artbezeichnung.

In den Containern selber sind mehrere Sensoren angebracht, die Werte wie Temperatur, Luftfeuchtigkeit und Kippbewegungen oder Stöße registrieren können und in die Blockchain schreiben. Wenn die Ladung von Bord geht, ist sie also bereits mit einer Reihe von Informationen versehen. So geht es weiter, bis der Fisch beim Endverbraucher gelandet ist. Dieser hat dann vollen Zugriff auf die Transportdaten in der Blockchain, inklusive einer Karte, die den ununterbrochenen Lieferweg vom Meer zum Esstisch anzeigen soll. Darüber hinaus erlaubt es Sawtooth, jeden Wechsel der Eigentümerschaft mit Hilfe von Ethereum-basierten Smart Contracts auf der Blockchain festzulegen.

Hyperledgers Sawtooth ist Open Source und für verschiedene Anwendungen konzipiert, bei denen Vertrauen und Sicherheit eine Rolle spielen.Zum Einsatz gekommen ist das System bereits bei einer Fallstudie auf Kaffeeplantagen.

Dezentrale Überwachung vom Köder zum Teller

Neben Hyperledger arbeiten noch weitere Unternehmen und Umweltorganisationen an Blockchain-Lösungen für die Fischereiindustrie. In diesem Jahr begann eine Zusammenarbeit des World Wildlife Fund mit dem Blockchain-Unternehmen ConsenSys und nachhaltigen Fischereiunternehmen, um bei der Regulierung des Thunfischfangs im Südpazifik zu helfen. Das „From Bait to Plate“-Projekt soll mit der Viant-Plattform dazu beitragen, illegale Fischfänger vom Handel auszuschließen. Dabei erhalten frisch gefangene Thunfische einen RFID-Chip, der mit Ortungsdaten verknüpft wird. Jeder kann den Weg des Fisches über die Ethereum-Blockchain genau rückverfolgen. Das System soll sich für Lieferketten der unterschiedlichsten Waren und Güter einfach modifizieren lassen.

Ein ähnliches Vorhaben hat das Start-up Provenance ins Leben gerufen. Bei einem Pilotprojekt haben sie demonstriert, wie der Weg eines Thunfischs von einem nachhaltigen Fischer in Indonesien mit Hilfe von Smart-Tagging und der Blockchain belegt werden kann.

Der Ozean, so gewaltig er auch sein mag, ist ein lebendiger Kreislauf, der kollabiert, wenn aus ihm nur genommen und nichts zurückgegeben wird. Die Industrie muss erschöpften Fischfanggebieten, die Gelegenheit geben, sich zu regenerieren. Das würde nicht nur den Meeren zugutekommen, sondern auch der Wirtschaft. Unkontrollierter Massenfang auf den Weltmeeren ist eine Herausforderung, die sich bisher nur teilweise durch Quotenvorgaben oder das Handeln weniger Staaten und einzelner NGOs in den Griff kriegen ließ.

Viele Akteure müssten sich einigen

Die Kontrolle durch die Blockchain verläuft dezentral und transparent. Sollte sie sich im großen Maßstab realisieren lassen und für den Endverbraucher auch wirklich bequem und überschaubar sein, könnte sie die Lage zumindest verbessern. Doch besonders der Anfang gestaltet sich bei Logistik-Blockchains schwierig, da es eine Vielzahl an Akteuren braucht, die sich auf ein gemeinsames System einigen müssen und das Prinzip des geteilten Vertrauens in Gang bringen müssen. Die verschiedenen Ansätze mit der Blockchain sind auf jeden Fall vielversprechend.