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Die Tage des Truckers sind gezählt

Jürgen Stüber 13.10.2018 Lesezeit 5 Min

Tech-Unternehmen arbeiten am autonomen Betriebshof: Ihr Ziel ist eine effiziente und unfallfreie Logistik mit selbstfahrenden Lkw und einem cloudbasierten Flottenmanagement.

Auf dem Betriebshof einer Spedition, in einem Hafen oder einem Güterbahnhof kommt es auf zwei Dinge an: Effizienz und Präzision. Die Margen in der Branche sind eng, die Zeitkorridore knapp. Und das Unfallrisiko ist hoch. Die Logistik zählt zu den unfallträchtigen Branchen. Schiefgehen darf nichts, insbesondere wenn komplizierte Arbeiten wie das Rangieren von Wechselbrücken anstehen. So werden die wechselbaren kastenförmigen Ladungsträger für Lastwagen genannt, die auf vier seitlich angeordneten Stützbeinen abgestellt werden.

Eine Wechselbrücke exakt vor einer Rampe abzusetzen und aufzuladen ist Millimeterarbeit, die die volle Konzentration eines Fahrers fordert. Bis ein LKW-Lenker diese Aufgabe bewältigen kann, vergehen einige Trainingstage. Ein zu großer Einschlag des Lenkrads beim Satteln – und schon verkantet sich die Wechselbrücke in ihren Führungsschienen. Schlimmstenfalls kippt die 18 Tonnen schwere Brücke um, die Verletzungsgefahr für Arbeiter ist groß, der Sachschaden immens.

Technologieunternehmen arbeiten deshalb daran, die Abläufe zu automatisieren. Vieles wird noch auf der Stufe von Prototypen erprobt, könnte aber schon in wenigen Jahren seinen Weg auf den Markt finden. Denn Fahrer fehlen. Speditionen haben es schwer, qualifiziertes Personal zu finden. Die Lage wird sich angesichts des wachsenden Onlinehandels kaum bessern. Zeitaufwändige Arbeiten auf Betriebshöfen binden in besonderem Maße Fahrer-Ressourcen. Die Automatisierung der Logistik ermöglicht dagegen eine effizientere Auslastung der Fahrzeuge. Sie können Tag und Nacht agieren, machen weniger Fehler, die Unfallzahlen sinken ebenso wie die Kosten.

Wie von Geisterhand dreht sich das Lenkrad

Ein Testgelände im Werk des Automobilzulieferers ZF in Friedrichshafen: Der Fahrer des schweren Lkw klettert an der Einfahrt des Geländes aus seinem Führerhaus. Er drückt den Knopf eines Steuergeräts und schließt die Fahrertür. Damit aktiviert er vor der Schranke den automatisierten Fahrmodus seines LKW und geht in die Pause. In diesem Moment haben winzige Bluetooth-Sender, die an seiner Ladung befestigt sind, die Ankunft der neuen Fracht gemeldet. Cloud-Technologie steuert und kontrolliert den gesamten Material- und Warenfluss auf dem Werks- und Betriebshof. Disponenten erhalten einen Überblick über Transporte, Fahrzeuge, Ladeeinheiten sowie Be- und Entladevorgänge in Echtzeit.

Es sieht schon gespenstisch aus, wenn sich das schwere Fahrzeug in langsamer Fahrt zu bewegen beginnt. Der Fahrersitz ist leer. Wie von Geisterhand dreht sich das Lenkrad. Der Blick des Betrachters wandert immer wieder ungläubig in das Führerhaus. Nein, es sitzt wirklich niemand darin. Kommt ein Mensch dem Fahrzeug in die Quere, bremst es automatisch ab und fährt erst weiter, wenn die Gefahr vorüber ist. Der Diesel-Hybrid findet eigenständig und elektrisch fahrend sein Ziel an einer bestimmten Laderampe. Dort setzt er seine Wechselbrücke ab. Ebenfalls von alleine lädt der innovative Truck später wieder einen neuen Container auf.

Sensoren im Asphalt

Der Lkw steht per Mobilfunk- oder dem betriebshofeigenen WLAN mit dem Routing-System des Betriebshofes in Verbindung. Diese Software kennt die aktuellen Positionen und Wege aller Fahrzeuge und passt die ursprünglich geplante Streckenführung bei Bedarf sofort an. Das System weiß auch, welche Wechselbrücke wann an welche Laderampe gefahren werden muss. Wo sich die einzelnen Fahrzeuge befinden, melden in den Asphalt rasterförmig eingelassene Sensoren dem Routing-System.

Ein digitaler Fahrassistent im Lkw übernimmt das millimetergenaue rückwärts Einfädeln unter die Wechselbrücke. Dabei vermessen mehrere Kameras und Laser die Position von Lkw und Brücke und liefern Positionsdaten an den Zentralcomputer ZF ProAI im Fahrzeug. Dieser gibt entsprechende Befehle an Elektroantrieb, Bremsen und Lenkung. Der vom US-Grafikspezialisten Nvidia entwickelte Supercomputer ist kaum größer als ein Laptop. Er leistet mit seinen sieben Milliarden Transistoren 30 Billionen Rechenoperationen pro Sekunde bei einem Stromverbrauch von nur 30 Watt. Er verarbeitet die Daten der Sensoren im Fahrzeug und an seiner Peripherie (Kameras, Lidar, Radar).

Ein ähnliches Verfahren hat ZF für Sattelzüge entwickelt. Die Zugmaschine koppelt ihren Auflieger an der Einfahrt ab. Ein autonom fahrender Traktor sattelt ihn auf und fährt ihn zu dem Ort, den das Routing-System vorgesehen hat. Später bringt er den beladenen Auflieger wieder an einen Übergabepunkt zurück. Dort wird er von einem Trucker übernommen, der sich in der Zeit ausruhen konnte und nun fit für die nächste Tour ist.

Schenker testet das „Wiesel“

Auch andere Unternehmen entwickeln Mobilitätslösungen für den Betriebshof. So stellte die Spedition DB Schenker unlängst in Nürnberg das Fahrzeug „Wiesel“ der Marke Kamag vor, einen automatisiert fahrenden Lkw, der ähnlich wie das Innovationsfahrzeug von ZF Wechselbrücken identifizieren, auf- und absetzen kann. Schenker will mit diesem Prototypen automatisierte Prozesse auf Betriebshöfen erproben und evaluieren. Erik Wirsing, Innovationschef der Schenker AG, sieht Effizienz- und Zeitvorteile durch die neue Technologie. Die Firma nutzt bereits heute fahrerlose Transportsysteme und will dies weiter ausbauen.

Auch das Fraunhofer Institut für Verkehrs- und Infrastruktursysteme und die Spedition Emons testen in Logistikzentren automatisierte elektrisch angetriebene Lkw. Ein Szenario sieht vor, dass der Fahrer mit seinem Lkw am Betriebsgelände einer Firma ankommt und die Arbeit dann an einen Operator übergibt, der von einem Online-Leitstand aus den Lkw fahrerlos zur gewünschten Laderampe schickt. Laut Fraunhofer ist es möglich, dass ein Operator bis zu 50 Fahrzeuge steuert. Die erste eigenständige Fahrt des Lkw ist für den Sommer 2019 geplant.

Räumlich abgegrenzte Gebiete wie Betriebsgelände sind ideale Testfelder für das autonome Fahren. Denn die Fahrzeuge benötigen keine Straßenzulassung, der Verkehr ist überschaubar, die Verkehrsteilnehmer sind informiert und Unbefugte haben keinen Zutritt.

Dieser Artikel erschien zuerst bei Gründerszene
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