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Die Regierung von Donald Trump behauptet: Schmutzige Autos retten tausende Menschenleben

Wolfgang Kerler 03.08.2018 Lesezeit 5 Min

Donald Trump will den Umweltschutz in den USA weiter schwächen. Seine Regierung steht kurz davor, die unter Obama eingeführten Spritsparvorschriften für Autos zu lockern. Dadurch sollen Neuwagen billiger werden und der amerikanische Ölverbrauch steigen. Außerdem sollen die schmutzigen Autos tausende Leben retten, sagt die Trump-Administration.

Bis 2025 müssen Autohersteller, die ihre Neuwagen in den USA verkaufen wollen, den durchschnittlichen Verbrauch ihrer Flotte deutlich senken: von knapp 6,4 Liter pro 100 Kilometer auf 4,6 Liter. Bis dahin sollen auch die CO2-Emmissionen der Fahrzeuge halbiert werden. Eigentlich. Doch die Vorschrift, die von Barack Obama 2012 eingeführt wurde, steht vor dem Aus. Die Trump-Administration hat nun ihre Vorschläge für die kommenden Jahre präsentiert: Ab 2020 sollen die Grenzwerte demnach nicht mehr weiter verschärft werden – und zwar bis 2026. Auch hat es Trump überhaupt nicht mehr eilig, mehr Hybrid- oder Elektroautos auf die Straße zu bringen.

Die US-Regierung würde den Klimaschutz damit faktisch auf Eis legen, obwohl die USA nach wie vor den höchsten CO2-Ausstoß pro Kopf haben, obwohl der Straßenverkehr der Hauptgrund dafür ist, und obwohl selbst die Autobauer für eine weitere Verschärfung der Grenzwerte plädiert hatten – nur eben nicht ganz so streng wie unter Obama.

Schmutzige Autos sollen Leben retten, sagt die Regierung

Auf über 1200 Seiten erklären das amerikanische Verkehrsministerium und die Umweltschutzbehörde nun, wieso ihnen schmutzige Autos trotzdem lieber sind als umweltschonende Fahrzeuge: Der steigende Benzinverbrauch würde die amerikanische Ölindustrie ankurbeln. Außerdem würden wegen der niedrigeren Preise bis 2029 eine Million Autos mehr verkauft – ein Konjunkturprogramm für die Autohersteller.

Ein besonders unkonventionelles Argument findet sich außerdem ziemlich am Anfang des Dokuments. Auf Seite 32 steht: „Der heutige Vorschlag dürfte mehr als 12.700 Verkehrstote verhindern.“ Richtig gelesen: Die amerikanische Regierung geht davon aus, dass sie durch die Aufweichung der Umweltvorschriften bis 2029 tausende Leben retten wird. Wie kommt sie darauf?

As it turns out, there is no such thing as a free lunch.

Aus dem Vorschlag der Trump-Regierung

Die Trump-Regierung nennt dafür gleich drei Gründe: Erstens: Würden Autos weniger Sprit verbrauchen, wäre es billiger, mit ihnen zu fahren. Der Straßenverkehr würde also zunehmen – und damit die Zahl der Verkehrstoten. Zweitens: Effiziente Fahrzeuge wären teurer als schmutzige Neuwagen. Daher könnten sich weniger Menschen ein neues Auto leisten, was bedeuten würde, dass mehr ältere Fahrzeuge im Verkehr blieben. Die seien aber weniger sicher. Und drittens: Um die strengen Grenzwerte einzuhalten, müssten die Autobauer ihre Wagen leichter machen. Doch leichtere Autos würden im Falle eines Crashs weniger Schutz bieten.

Zusammenfassend schreibt die Regierung fast schon lapidar: „As it turns out, there is no such thing as a free lunch.“ Soll heißen: Wer mehr Umweltschutz will, bezahlt das eben mit Menschenleben.

Warum Kritiker die Argumente der Regierung bezweifeln

Schmutzige Fahrzeuge retten Leben. Kann das sein? Tatsächlich ging selbst die Obama-Administration davon aus, dass Autobesitzer mehr fahren, wenn ihr Wagen weniger Sprit verbraucht. Der Zusammenhang wird als Rebound Effect bezeichnet. Unter Obama errechneten die Behörden, dass die gefahrenen Kilometer um 0,1 Prozent steigen, wenn das Auto um ein Prozent effizienter wird. Die Trump-Regierung sagt nun: Der Effekt sei doppelt so stark.

Experten wie der Yale-Ökonom Kenneth Gillingham, der mehrere Studien zum Thema durchgeführt hat, bezweifeln das. „Ich denke man kann ohne Weiteres sagen, dass ihre Zahl am oberen Ende [der Schätzungen] liegt“, sagte er der New York Times.

Vom zweiten Grund, den die Trump-Administration nennt, halten Wissenschaftler ebenfalls nicht viel. Sie glauben, dass die Regierung den Einfluss von günstigeren Neuwagen-Preisen auf die Zahl der Verkehrstoten deutlich überschätzt. Zumal die von Donald Trump ständig angedrohten Strafzölle auf Autos und Autoteile aus dem Ausland die Preise für Neuwagen vermutlich deutlich stärker erhöhen würden als die nötigen Verbesserungen, um die Obama-Grenzwerte einzuhalten.

„Es ist schon merkwürdig, dass die Regierung das Sicherheitsargument nur in Bezug auf die Vorschriften für geringeren Benzinverbrauch gelten lässt, aber nicht, wenn es um Handel geht“, sagte Daniel F. Becker, der Chef er Nichtregierungsorganisation Safe Climate Campaign, dazu der New York Times.

Es kommt nicht aufs Gewicht an, sondern auf die Größe

Sogar noch umstrittener ist das dritte Argument der Regierung, das – kurz zusammengefasst – lautet: Sparsame Autos müssten immer leichter werden, was die Sicherheit reduzieren würde. Etliche Trump-Kritiker widersprechen. Sie sagen: Entscheidend für die Sicherheit sei nicht das Gewicht der Autos, sondern die Größe. Daher ließe sich in 95 Prozent der Fälle das Gewicht eines Fahrzeugs bei gleichbleibendem oder sogar erhöhtem Schutz der Passagiere reduzieren. Unterstützt wird ihre Position ausgerechnet durch Untersuchungen im Auftrag des Verkehrsministeriums, das nun das Gegenteil behauptet.

Angesichts der bisherigen Umweltpolitik unter Donald Trump ist es fraglich, ob die Regierung sich durch die Kritik an ihren Argumenten umstimmen lässt. Sie will sogar noch weiter gehen und Bundesstaaten wie Kalifornien ihr Recht nehmen, selbstständig strenge Umweltschutzvorgaben zu erlassen. Das dürfte für einen politischen Konflikt sorgen, der am Ende wohl vor Gericht entschieden werden müsste.

Einen entscheidenden Punkt hat die Trump-Administration übrigens nicht gelten lassen: Sparsame Autos sorgen für bessere Luft und könnten dabei helfen, den Klimawandel abzumildern. Das dürfte auf lange Sicht ziemlich sicher Menschenleben retten. Wie viele? Das hat die Regierung nicht vorgerechnet.