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Die Hälfte der Menschheit hat kein Internet – können Google oder Facebook das ändern?

Matthew Reynolds / WIRED UK 09.08.2018 Lesezeit 7 Min

Große Tech-Konzerne liefern sich ein Wettrennen: Wer kann die Hälfte der Weltbevölkerung, die immer noch keinen Zugang zum Internet hat, ans Netz bringen? Google und Facebook setzen dabei auf innovative Technologien. Leider könnten sie für viele Menschen überhaupt keine Hilfe sein.

Für einige Dorfbewohner, die im Mwandi District im ländlichen Sambia leben, ist ein Besuch beim MTN-Baum die einzige Möglichkeit, ins Internet zu gehen. Jeden Tag pilgert ein stetiger Strom von Menschen zum Baum. Dort halten sie ihre Telefone in die Luft, in der Hoffnung, eine Datenverbindung zum Netz des Telekommunikationsunternehmens MTN Zambia zu bekommen. Dem verdankt der Baum seinen Namen.

In ganz Afrika südlich der Sahara findet man unzählige ähnliche Beispiele. Manchmal ist es ein leicht zugänglicher Felsen, der einen Ort mit guter Datenverbindung markiert. Woanders muss man Schlange stehen, um einen Termitenhügel hinaufzugehen. Da nur 22 Prozent der Bevölkerung in Afrika südlich der Sahara einen eigenen Online-Zugang haben, müssen viele Menschen aktiv nach solchen Plätzen suchen. Falls sie sich überhaupt ein Smartphone leisten können.

„Die überwiegende Mehrheit des Kontinents ist nicht vernetzt“, sagt Mike Santer, der Gründer von BluPoint. Das britische Unternehmen ermöglicht den Bewohnern von ländlichen Gemeinden den Zugang zu Informationen auf ihren mobilen Geräten, ohne dass sie dafür eine Internetverbindung brauchen. „Aus der Sicht eines Mobilfunkanbieters gibt es keinen kommerziellen Grund, warum man in ländlichen Gebieten Internet anbieten sollte.“

Noch hat Google einen technologischen Vorsprung

Für Google und Facebook stellt die unverbundene Welt dagegen eine lukrative Geschäftsmöglichkeit dar. Vor allem die dreieinhalb Milliarden Menschen, die dort leben. In den vergangenen fünf Jahren haben die beiden Technologieunternehmen darum gekämpft, Nutzer in Entwicklungsländern online zu bringen, um damit die Zahl der User ihrer Dienste zu steigern. Es geht also um den Zugang zu neuen Kunden – und vielleicht auch zu ihren Daten. Obwohl Google bereits bewiesen hat, dass es über die physische Infrastruktur verfügt, um das Internet in die unverbundene Welt zu bringen, geht das Rennen um diese Kunden gerade erst los.

Von den beiden Technologie-Riesen hat Google in den vergangenen Monaten die größten Erfolge gefeiert: Am 11. Juli spaltete das Unternehmen sein Internet-Verbindungs-Projekt Loon in ein vollwertiges Unternehmen unter dem Dach der Muttergesellschaft Alphabet ab. Die Firma, die den Namen Loon behalten hat, will das Internet mit großen Helium-Ballons, die sich jeweils 100 Tage lang in der Stratosphäre aufhalten, in ländliche Regionen beamen. Die Technologie, die bereits in Neuseeland, Sri Lanka und Puerto Rico erprobt wurde, wird ab 2019 für die Bereitstellung von Internet in Zentralkenia eingesetzt.

Während Google auf Ballons setzt, ging Facebook zunächst einen anderen Weg: Hier sollten Drohnen, die in großer Höhe fliegen, eine Verbindung herstellen. Zu diesem Zweck gab das Unternehmen im März 2014 fast 20 Millionen Euro für den britischen Drohnenbauer Ascenta aus. Doch nach nur zwei Testflügen – von denen einer mit schweren Schäden an der Drohne endete – kündigte Facebook im Juni 2018 an, die Pläne zum Bau eigener Drohnen aufzugeben. Stattdessen wird das Unternehmen mit Airbus zusammenarbeiten, um ab dem nächsten Jahr mit einem eigenen Internet-Streaming-Satelliten zu experimentieren.

Facebook hat bereits 100 Millionen Menschen angeschlossen

Trotz dieser schweren Rückschläge hat Facebook bereits Millionen von Menschen mit seiner eigenen begrenzten Version des Internets namens Free Basics online geholt. Bei Free Basics arbeitet Facebook mit Telekommunikationsanbietern in Entwicklungsländern zusammen, um den Nutzern Zugriff auf eine vorab ausgewählte Anzahl von Websites, einschließlich Facebook, zu ermöglichen, ohne dabei zusätzliches teures Datenvolumen zu verbrauchen. Die Hoffnung ist, dass es dadurch für die Menschen billiger wird, online auf Informationen zuzugreifen, während es ihnen gleichzeitig leichter fällt, auf Facebook zuzugreifen.

Facebook habe 100 Millionen Menschen in 60 Ländern über Free Basics verbunden, erklärte Mark Zuckerberg, als er im April 2018 während einer Telefonkonferenz mit Investoren die neuesten Zahlen bekanntgab. Aber es war ein steiniger Weg. Im Februar 2016 verbot die indische Telekom-Regulierungsbehörde den Dienst mit der Begründung, dass sie einigen Websites unrechtmäßig Vorrang vor anderen einräumte, wodurch ein Zwei-Klassen-Internet geschaffen würde, in dem diejenigen, die bezahlen, auf jede beliebige Website zugreifen können, während andere nur auf von Facebook ausgewählte Websites zugreifen können.

An anderer Stelle hat Facebook laut einem Bericht von The Outline heimlich, still und leise Free Basics aus manchen Ländern abgezogen. In Myanmar, wo Facebook mit Hasstiraden überschwemmt wurde, die das blutige Vorgehen der burmesischen Regierung gegen Rohingya-Moslems begleiteten, beendete der Konzern im August 2017 das Programm. In den letzten Monaten hat Facebook den Dienst auch in einem halben Dutzend anderer Länder stillgelegt.

Das Aufgraben von Straßen und das Verlegen von Kabeln ist wirklich sehr schwierig und teuer.

Ken Banks, Yoti

Die Frage ist: Wenn Facebook und Google das Internet nicht in entlegene Gegenden bringen, wer wird es dann tun? „Das Aufgraben von Straßen und das Verlegen von Kabeln ist wirklich sehr schwierig und teuer“, sagt Ken Banks von Yoti, einer Firma, die Menschen mit ihrer App einen verschlüsselten, digitalen Identitätsnachweis per Smartphone anbieten will. Er ist dort für soziale Projekte zuständig.

In der Vergangenheit haben Regierungen auf der ganzen Welt versucht, Telekommunikationsanbieter zu ermutigen, Geld für die Anbindung ländlicher Gemeinden zur Seite zu legen. Nach Angaben des Branchenverbandes der Mobilfunkindustrie GSMA wurde aber mehr als die Hälfte der vorgesehenen Mittel nie verwendet. Abgelegene Dörfer ans Netz zu bringen ist nicht nur teuer, sondern für die heimischen Unternehmen rein ökonomisch nicht immer sinnvoll. Leute ohne Internetverbindung haben in den meisten Fällen ein sehr niedriges Einkommen und werden vermutlich online keine großen Summen ausgeben. Lokale Mobilfunkanbieter oder Regierungen würden also nicht viel gewinnen.

Dadurch tut sich eine Lücke auf, die große Technologieunternehmen füllen könnten. Sie verfügen über das Geld und das technische Know-how, um die Milliarden von Menschen online zu bringen, die noch keinen Zugang zum Internet haben. Denn sie müssen keine Mobilfunkmasten aufstellen, Straßen aufbuddeln oder Leitungen verlegen.

Ohne Smartphone oder Laptop nutzt auch WLAN nichts

Aber Mike Santer von BluPoint sagt, dass es selbst für Facebook und Google keine leichte Aufgabe ist, der Hälfte der Welt Internet bereitzustellen. Vor allem, weil sie bisher Top-Down-Ansätze verfolgten, erklärt er. Die beruhten auf der Annahme, dass die Leute online gehen können, sobald man eine WLAN-Verbindung anbiete. Das würde funktionieren, sagt Santer, wenn jeder Mensch in den Entwicklungsländern ein Smartphone hätte. Täten sie aber nicht. „Ich denke, diese Annahme ist für einen Großteil von Subsahara-Afrika, aber auch für einen Großteil Indiens und andere Schwellenländer völlig unangebracht“, sagt er. In Sambia haben 72 Prozent der Menschen altmodische Handys anstelle von Smartphones. Insgesamt nehmen in Indien und Subsahara-Afrika die Lieferungen von normalen Handys zu, während die Lieferungen von Smartphones sinken.

Mit seinem eigenen Unternehmen BluPoint hat sich Santer deshalb bereits an die Geräte angepasst, die die Menschen in den Entwicklungsländern nutzen. Sein Unternehmen richtet Hubs ein, die es Menschen ermöglichen nicht nur über WLAN, sondern auch über Bluetooth und sogar FM Radio vorinstallierte Informationen abzurufen, ohne dass dem Endnutzer Datenkosten entstehen. „Das bedeutet, dass wirklich Low-End-Telefone auf Online-Inhalte zugreifen können“, sagt Santer. Das System wurde verwendet, um die Menschen in Äthiopien mit Informationen über die Gesundheitsversorgung und nachhaltige Waldbewirtschaftung zu versorgen. Im Mwandi District in Sambia wird der BluPoint-Hub täglich mit Nachrichten, Sportmeldungen und Informationen für Bauern versorgt.

Obwohl Santer ein Unterstützer von Projekten wie Loon ist, sagt er, dass westliche Unternehmen erkennen müssen, dass das, was in Industrieländern funktioniert, nicht immer zu Entwicklungsländern passt. „Wir müssen den Begriff des digitalen Imperialismus neu definieren und wirklich sensibel sein“, sagt er. Aus seiner Sicht wäre es besser, wenn große Technologieunternehmen mit lokalen Behörden und Unternehmen zusammenarbeiten würden, die die Bedürfnisse der Menschen vor Ort kennen.

Wer die richtige Lösung findet, kann Milliarden verdienen

Für das Unternehmen, das die Formel knackt, könnten die Gewinne enorm sein, wenn die andere Hälfte der Welt plötzlich online ist und ihre Dienste in Anspruch nehmen kann. Dann sind das wertvolle Daten, die für Werbung oder zum Aufbau neuer monetarisierbarer Dienste verwendet werden können. „Es geht darum, ein wirklich kompliziertes Problem zu lösen. Aber wer das schafft, kann viel gewinnen“, sagt Banks. „Wenn man die richtige Technologie entwickelt, die gut funktioniert, und die richtigen Partnerschaften eingeht, gibt es dort ein paar Milliarden Kunden. Das ist gewaltig.“

Dieser Artikel erschien zuerst bei WIRED.uk
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