/Kolumne

Die (digitale) Bildungsschande in Deutschland

Johnny Haeusler 02.11.2018 Lesezeit 6 Min

Die Bundesregierung würde den Ländern gerne Geld geben, damit Schulen endlich schnelles Internet und moderne, digitale Technik bekommen. Doch die Verfassung erlaubt das nicht. Der Digitalpakt für Bildung könnte also (wieder) scheitern, weil sich Regierung, Bundesländer und Opposition nicht einigen können. Grund genug für unseren Kolumnisten Johnny Haeusler, sich über die digitalen und analogen Verfehlungen der deutschen Bildungspolitik zu ärgern.

Expertinnen warnen seit Jahren. Wenn es darum geht, die junge Generation auf die Zukunft vorzubereiten, die längst Gegenwart ist, auf das Leben und Arbeiten im digitalen Zeitalter, sind Schulen in Deutschland eher schlecht aufgestellt.

Es gibt also viel zu tun. Aber es wird wenig getan. Neben den offensichtlichen Grundlagen wie Lesen, Schreiben, Rechnen, die streckenweise durch Reformexperimente an einigen Schulen auch schon ins Wanken geraten sind, gehören mindestens ebenso wichtige Bereiche wie Kunst, Kreativität und Musik in Deutschland ja zu den traditionell eher milde belächelten Fächern und daher auch zu den ersten, die regelmäßig ausfallen. Wer will sich da noch der Herausforderung annehmen, sich um die Vermittlung des lebenslangen Lernens, der Medienkompetenz, des kritischen Denkens, der sozialen Kompetenzen zu kümmern? Ganz ehrlich: Den wenigsten Lehrkräften, die ich mit zwei Söhnen in den letzten, langen und anstrengenden Jahren kennenlernen durfte und musste, hätte ich zugetraut, in diesen Bereichen unterrichten zu können. Daran sind jedoch nicht die einzelnen Lehrkräfte schuld. Sondern das ganze System.

Mit Digitalisierung komplett überfordert

Die Klassenverbände sind zu groß. Die Gebäude, Räume und Einrichtungen sind zu alt oder sogar marode. Die Lehrkräfte, die auch noch an allen Stellen und in signifikanter Stückzahl fehlen (wir registrieren und zählen hierzulande zwar jede Neugeborene, sind aber sechs Jahre später irre überrascht, dass diese auch eine Schule besuchen möchte, wofür wir dann gar nicht gewappnet sind), werden erst nicht nicht gut genug ausgebildet und nicht ausreichend auf ihren Job vorbereitet, und üben sie ihn dann endlich aus, sind sie mit zu vielen Schülerinnen und zusätzlichen Aufgaben von Integration über Inklusion bis Digitalisierung komplett auf sich gestellt und überfordert.

Es ist wirklich unfassbar, seit wie vielen Jahrzehnten in Deutschland davon geredet wird, wie wichtig Bildung doch für die Gegenwart und Zukunft dieses Landes sei, und wie wenig sich gleichzeitig bei der grundlegenden Reform und der Modernisierung des ganzen Systems bewegt. Ich rede dabei nicht in erster Linie von den Ergebnissen der leidigen PISA-Studien, die zwar einiges angestoßen haben, aber auch nicht als das Maß aller Dinge angesehen werden sollten. Sondern von der Basis, wie in Deutschland an das Thema Bildung herangegangen wird. Nämlich im Grunde genommen immer noch wie zu meiner Schulzeit und wie zur Schulzeit meiner Eltern: Frontalunterricht, Auswendiglernen. Genau wie bei den Lehrkräften selbst sind Kooperation miteinander, konstantes Lernen in der Gemeinschaft und die Kombination verschiedener Wissens- und Lehrbereiche einfach nicht vorgesehen.

Es fehlt eine klare Linie, die Schlüsse aus den vorliegenden Erkenntnissen und Studien aus aller Welt zieht, das Beste herausfiltert und in Deutschland zur Anwendung und Umsetzung bringt. Dass es diese nicht gibt, liegt zu großen Teilen am Kooperationsverbot (allein das Wort beschreibt die ganze Misere eigentlich ganz gut). Bildungspolitik ist in Deutschland Ländersache. Die Bundesregierung darf ihnen laut Verfassung gar nicht helfen. Und so kochen alle ihr eigenes Süppchen, die Einen besser, die Anderen schlechter.

Digitalpakt könnte schon wieder scheitern

Daran könnte nun auch der Digitalpakt scheitern, für den vor der letzten Wahl das zunächst von der damaligen Bundesbildungsministerin Wanka angekündigte Geld dann doch nicht da war. Ihrer Nachfolgerin Anja Karliczek soll es nun für 2019 zur Verfügung gestellt werden, nur weiß niemand, wie. Einigen Bundesländern geht die Forderung nach einer Aufweichung des Kooperationsverbots im Grundgesetz zu weit. FDP und Grünen, deren Stimmen gebraucht werden, geht sie nicht weit genug.

Doch selbst, wenn der Bund bis zum Ende des Jahres noch einen Weg findet, die Milliarden an die Länder zu verteilen, sollte niemand hoffen, dass damit moderne Bildung ihren Einzug in die deutschen Schulen hält, Personal aufgestockt wird und Gebäude saniert werden. Der Digitalpakt ist allein dafür vorgesehen, digitale Basisbedürfnisse wie WLAN und andere Technologien an die Schulen zu bringen. Was diese dann damit machen, weiß wohl immer noch niemand so recht. Dabei ist das die viel wichtigere Frage.

Natürlich brauchen Schulen funktionierendes Internet. Was selbiges aber bedeutet, wie man damit umgeht und es sich sinnvoll zunutze macht, welche Kompetenzen es braucht, wo Chancen und Risiken liegen — das kann nur von fähigen Lehrkräften erklärt werden, das macht ein digitales Whiteboard auch nicht von alleine. Und Schülerinnen lernen nicht automatisch besser, wenn sie ein Tablet in der Hand halten. Sondern wenn sie mit besseren Formen des Lernens arbeiten.

Ich glaube, dass die Länder auch in Sachen Bildung Freiheiten und Möglichkeiten zur individuellen Flexibilität brauchen und ich hielt es für einen Fehler, würde der Bund inhaltliche Vorgaben für alle machen. Doch die generellen Anforderungen der modernen Welt, die klar erkennbaren und nicht von politischen Nuancen abhängigen Notwendigkeiten bei der Bildung (oder zweifelt irgendjemand an, dass Kreativität, Kollaborationsfähigkeiten, soziale und Medienkompetenzen und Wissen über das Digitale zu diesen Notwendigkeiten gehören?) brauchen gemeinsames Handeln, gemeinsame Umsetzung. Und sehr viel Geld. Wenn der Bund es nicht langsam wirklich schafft, hier für einen Auf- und Umbruch zu sorgen, dann können sich Bildungspolitikerinnen ihre Beteuerungen komplett sparen, dann wird Deutschland den enormen Rückstand, der schon vorliegt, nicht mehr aufholen können.

Zukunft hängt von Bildung ab

Für meine eigenen Söhne kommt das alles, wenn es denn kommt, sowieso viel zu spät. Der Ältere steckt mitten in der Ausbildung, für den Jüngeren wollen wir uns um einen Studienplatz im Ausland bemühen. Doch für alle, die noch folgen, werden die kommenden Wochen entscheidend sein.

Und für potentielle Eltern übrigens auch. Die wirtschaftliche Entwicklung, die Innovationskraft des Landes, der Fachkräftemangel, das Kippen des Sozialsystems durch den demographischen Wandel (die Bevölkerung Deutschlands ist die älteste in Europa, die zweitälteste der Welt), all dies hängt davon ab, ob Menschen in Deutschland Kinder zur Welt bringen. Und das machen sie durchaus auch von der Qualität der Ausbildungsmöglichkeiten abhängig. Die Zukunft eines Landes hängt davon ab, wie es mit seinen jungen Generationen umgeht und wie sie diese ausbildet. Es ist eine Schande, dass Deutschland das so gut weiß, aber nicht danach handelt.