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Ist die Blockchain eine Lösung für ein Problem, das es nicht gibt?

Michael Seemann 03.07.2018 Lesezeit 7 Min

Der Hype um die Blockchain geht dem Kulturwissenschaftler und Blogger Michael Seemann alias mspro auf die Nerven. In einem Gastbeitrag für WIRED erklärt er, warum ihm die Krypto-Community zu misstrauisch ist. Das Skandalprojekt Tezos steht für ihn sinnbildlich für die Probleme der Szene.

Am 30. Juni startete nun endlich das Betanet der Kryptowährung Tezos. Dem Launch waren Querelen voran gegangen, die das Projekt fast ein ganzes Jahr verzögerten. Der Streit der Tezos-Gründer lässt einen Blick in die Untiefen der Kryptoideologie zu. Dabei zeigt sich: Die Blockchain ist eine Lösung auf der Suche nach einem Problem, weil „Trustlessness“ eine Ideologie auf der Suche nach Weltbezug ist. Doch dazu später.

Zunächst ein Rückblick: Tezos startete am Scheitelpunkt des Krypto-Hypes im Juli 2017 seinen ICO (Initial Coin Offering) und erzielte die zu dieser Zeit als Rekord geltende Summe von 232 Millionen Dollar. Einige der Hintergründe des besagten Streits sind komplexer, rechtlicher Natur, aber der Anlass war ein allzu menschlicher. Die Gründer, das Ehepaar Breitman und Johann Gevers, fingen an, sich kurz nach dem überaus erfolgreichen ICO zu misstrauen. Gevers, ein Schweizer Banker, schnappte schließlich vollkommen ein und blockierte das gesamte Projekt über Monate.

Das eigentlich spannende ist nun, wie die Krypto-Community auf diesen Skandal bis heute reagiert. Es gibt wilde Verschwörungstheorien darüber, was da wohl „in Wirklichkeit“ abgelaufen sei. Stecken die doch unter einer Decke? War es ein gespielter Eklat um noch mehr Geld zu verdienen, auf Kosten der Investoren?

Misstrauen spiegelt Ideologie hinter der Blockchain wider

Das Misstrauen der Community gegenüber den Gründern spiegelt das Misstrauen der Gründer untereinander, welches wiederum die gesamte Ideologie hinter der Blockchain widerspiegelt, deren erklärtes Ideal das der „Trustlessness“ ist - also der vollständigen Abwesenheit von Vertrauen. „Trustless“ ist ein System, das auch dann funktioniert, wenn die einzelnen Individuen, die es benutzen, einander nicht vertrauen. Das wird dadurch erreicht, dass die Incentives im System so gesetzt werden, dass es teurer ist, gegen die Regeln zu spielen, als mit den Regeln.

Alle Blockchainsysteme werden als „trustless“ beworben, aber Tezos geht einen entscheidenden Schritt weiter. Es will sich selbst weiterentwickeln – also neue Features implementieren – auf Grundlage von demokratischen Community-Entscheidungen, die natürlich ebenfalls „trustless“ getroffen werden sollen.

Nun ist „Trustlessness“ an sich nichts Verwerfliches – sogar ein nützliches Tool – aber in der Krypto-Community ist es gewissermaßen zum Glaubensbekenntnis mutiert. Die Annahme, die dabei implizit zugrunde liegt, ist die des Homo Oeconomicus, also die Annahme, dass der Mensch immer egoistisch danach strebt, seinen Nutzen zu maximieren. Wenn solch ein Mensch die Möglichkeit bekommt, sein Gegenüber über den Tisch zu ziehen, dann wird er sie auch nutzen. Nur in „trustless“ designten Systemen wird sich dieser Mensch benehmen – und zwar aus reinem Eigennutz.

Die Idee des Homo Oeconomicus ist erstmal eine wirtschaftstheoretische Hilfsannahme, doch innerhalb einer bestimmten, rechtslibertären Denktradition aus den USA ist es das vorherrschende, düstere Menschenbild. Genau aus dieser Denkrichtung stammt die gesamte Idee von Kryptowährungen und auch konkret die Entwicklung von Bitcoin und der Blockchain.

Die Blockchain soll alle Institutionen überflüssig machen

In seinem Buch „The Politics of Bitcoin“ hat der Soziologe und Wirtschaftswissenschaftler David Golumbia diese Ursprünge der Krypto-Szene untersucht. Von den ersten Manifesten des Krypto-Anarchismus in den 80ern und dem Beginn der Cypherpunk-Bewegung an, ging es der Szene immer um die Überwindung des Staates und anderen gesellschaftlichen Institutionen. Gerade die Vorstellungen über das Geldsystem sind zum Teil sogar von antisemitischen Verschwörungstheorien über die amerikanische Zentralbank FED geprägt. Die Zentralbanken – und auch alle anderen Banken – zu überwinden ist das erklärte Ziel von Bitcoin. Und so wie Bitcoin die Banken ersetzen soll, so soll laut diesem Glaubenssystem nach, die Blockchain alle anderen Institutionen überflüssig machen.

Institutionen sind eigentlich die gesellschaftliche Antwort auf die Frage, wie das Vertrauen zwischen einander fremden Menschen hergestellt werden kann. Von Banken, die Transaktionen absichern, bis zu den Bewertungsmechanismen von eBay lösen Institutionen das Vertrauensproblem nicht über „Trustlessness“, sondern über die Bündelung von Vertrauen. Auch Institutionen agieren meist nach festgelegten Regeln, aber im Gegensatz zu Blockchains und „Smart Contracts“ verfügen sie auch über Entscheidungsspielraum.

Es ist also nur folgerichtig, wenn die krypto-anarchistische Tradition den Institutionen pauschal misstraut. Glaubt man, dass Menschen nur und ausschließlich zu ihrem eigenen Vorteil handeln, dann ist Vertrauen bereits missbraucht, sobald es gebündelt wird. Es ist kein Zufall, dass vor allem in dieser Szene die Verschwörungstheorien – insbesondere über allerlei Institutionen – blühen. Natürlich ist ein gewisses Misstrauen gegenüber institutioneller Macht berechtigt und sogar notwendig, jedoch trägt es bei den Kryptolibertären paranoide Züge. Institutionen loszuwerden ist deswegen ihr wesentliches Ziel.

Nun wird seit vielen Jahren die völlige Umkrempelung der Wirtschaft durch die Blockchain-Technologie vorhergesagt, jedoch lassen sich wirklich in der Breite genutzte Anwendungen bis heute an der Hand abzählen.

Michael Seemann

Und das soll mit der Blockchain-Technologie nun funktionieren. Blockchains sind im Grunde Datenspeicherungsverfahren, die sich vor allem dadurch auszeichnen, keine zentrale Datenhaltung zu erfordern. Statt eine Transaktion einmal in eine Datenbank zu schreiben, wird sie in einem „distributed ledger“ festgehalten – einem verteilten Geschäftsbuch, von dem jeder Nutzer eine eigene, vollständige Kopie hat. Um trotz der dezentralen Datenhaltung die Konsistenz der Daten zu garantieren, sind allerlei ausgefeilte kryptographische Methoden und Einigungsverfahren eingebaut worden.

Nun wird seit vielen Jahren die völlige Umkrempelung der Wirtschaft durch die Blockchain-Technologie vorhergesagt, jedoch lassen sich wirklich in der Breite genutzte Anwendungen bis heute an der Hand abzählen. Und von denen sind die meisten nur Spekulationsobjekte, bei denen auf die Wertsteigerung der dazugehörigen Kryptowährungen gewettet wird. Selbst Bitcoin wird kaum noch zum Bezahlen verwendet. Wieso sollte man heute eine Währung ausgeben, die morgen bereits doppelt so hoch steht?

Der geringe Einschlag der Blockchain-Technologie auf die Realwelt ist jedoch recht leicht zu erklären: Die Blockchain ist eine Lösung auf der Suche nach einem Problem – doch das ist bereits gelöst: und zwar durch Datenbanken. Alles, was mit einer Blockchain gemacht werden soll, wird heute schon mithilfe von einer herkömmlichen Datenbank gemacht. Allerdings funktioniert es dann schneller, billiger und ohne Kinderkrankheiten. Der einzige Nachteil: Man muss der Stelle vertrauen, die die Datenbank betreibt, also der Institution. Das aber scheint bis auf die Kryptolibertären kaum jemanden wirklich zu stören. Mit anderen Worten: Sieht man von dem ideologiebedingten Unbehagen gegenüber Institutionen ab, bleibt von den Versprechungen der Blockchain nur die ineffizienteste Datenhaltung der Welt über.

Zwei Fehlschlüsse der Kryptofans

Die Ideologie der Kryptofans führt sie also zu zwei ganz wesentlichen Fehlschlüssen. Erstens: Weil sie glauben, dass ein generelles Misstrauen aller gegen alle völlig berechtigt ist, sind sie der Überzeugung, dass ein riesiger Markt darauf wartet, die Welt ohne Institutionen und „trustless“ neu zu designen. Sie verstehen folglich nicht, warum ihre Geschäftsmodelle nicht auf der Stelle abheben.

Zweitens: Weil sie glauben, dass der Mensch dem Menschen nur deswegen nicht trauen kann, weil er immer seinem Eigennutz folgt, glauben sie, dass „Trustlessness“ eine hinreichende Antwort auf das Vertrauensproblem liefert. Aber auch hier liegen sie falsch. Der Fall Tezos zeigt sehr gut, wie menschliche Akteure aus einer Mischung von Sturheit und gekränktem Ego bereit sind, ein System zu sabotieren, selbst wenn sie das in ihrer eigenen Existenz bedroht. Einem Homo Oeconomicus wäre ein solches Verhalten fremd, weswegen es in Krypto-Community auch nicht verstanden wird. Die Verschwörungstheorien rund um den Tezos-Fall sind deswegen ein wunderbares Sinnbild der Verkorkstheit dieser Ideologie.

All das bedeutet übrigens nicht, dass es nicht irgendwann einen sinnvollen Einsatzzweck von Blockchains geben kann – vielleicht auch von Tezos. Doch so lange der Kryptoanarchismus den Menschen und die Gesellschaft derart missversteht, wird auch in Zukunft jedes Blockchain-Startup gegen jede halbwegs vertrauensvolle Institution mit einfacher Datenbank verlieren. Und gegen Menschen, die sich wenigstens ein bisschen vertrauen.