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Die Blockchain im Alltag: 4 Beispiele, wie das geht

Dominik Schönleben 20.09.2016 Lesezeit 5 Min

Den Begriff „Blockchain“ kennt man von der Digitalwährung Bitcoin. Attraktiv für Experimentierfreudige und Finanzinstitute, aber leider schwer nachzuvollziehen für Laien. Doch das ändert sich gerade, denn das Blockchain-Verfahren eignet sich auch für Alltägliches. WIRED zeigt vier Beispiele.

Immer mehr Startups nutzen die Blockchain. Sie adaptieren damit ein Prinzip, das man von der digitalen Währung Bitcoin kennt: Dort ist das Verschlüsselungsverfahren namens Blockchain eine Art öffentliches Kassenbuch, in das jeder Nutzer Einsicht hat und in dem alle Transaktionen verzeichnet werden. Weil die Daten nicht bei einem einzelnen Anbieter hinterlegt sind – also nicht in der Cloud liegen –, sondern bei allen Nutzern gleichzeitig auf deren eigenen Computern, ist es schwer, sie zu manipulieren. Ein großer Vorteil für Systeme, die viele einzelne Datenlieferanten vernetzen. Und trotz dieser Offenheit bleibt jeder Nutzer im System anonym, denn niemand weiß, wer sich hinter einer Kontonummer verbirgt.

Aber wie kann dieses Prinzip abseits von digitalem Geld eingesetzt werden? WIRED zeigt vier Beispiele, die demonstrieren, wie die zugegebenermaßen abstrakte Blockchain-Technologie ganz praktisch von Startups für andere Zwecke genutzt werden kann – und wie Nutzer ohne viel Fachwissen im Alltag davon profitieren.

1. Gemeinsam Strom produzieren

Auch die dezentrale Stromgewinnung kann von Blockchains unterstützt werden. Ein Beispiel dafür ist das Unternehmen Brooklyn Microgrid. Es erprobt derzeit ein System, mit dem private Solarstrom-Produzenten untereinander handeln können.

Durch eine automatische Protokollierung auf der Blockchain soll schnell ersichtlich sein, wer im letzten Abrechnungszeitraum wie viel Strom produziert oder verbraucht hat. Weil die Daten dezentral gespeichert werden, sind die Stromproduzenten unabhängig von den Stromkonzernen und können trotzdem sicher sein, dass keiner den anderen betrügt. Hat das System dann irgendwann genug Mitglieder, kann auch ein größerer Stromanbieter problemlos integriert werden.

2. Elektroautos überall laden

An einer weiteren Blockchain-Idee für die Energieverteilung arbeitet Deutschlands zweitgrößter Stromversorger RWE zusammen mit dem Startup Slock.it. Nutzer von Elektroautos können einen Steckdosenadapter mitnehmen, der aussieht wie ein typischer Reiseadapter, und ihn an jede herkömmliche Dose anstecken. Über ihn wird dann ihr Auto geladen.

Die Kosten für den Strom werden alelrdings nicht dem Besitzer der Steckdose in Rechnung gestellt, sondern dem E-Auto-Fahrer. Der smarte Adapter BlockCharge vermerkt in einer Blockchain, wie viel Energie abgezapft wurde. In diesem Fall nicht in der Blockchain von Bitcoin, sondern der der Schweizer Stiftung Ethereum. Dies arbeitet derzeit daran, sich als Alternative zu Bitcoin zu etablieren, vor allem wenn es um Blockchain-Ideen abseits von digitalen Währungen geht.

Der Datenschutz ist bei einer Blockchain kein Problem, obwohl eigentlich alles öffentlich stattfindet. Statt eines Klarnamens wird jeder Nutzer nur mit einem Code aus Zahlen und Buchstaben identifiziert. Welcher Autofahrer also hinter einer Aufladung steckt, ist für andere Nutzer nicht ersichtlich.

3. Intelligente Mietverträge

Slock.it entwickelt auch noch andere Anwendungen für Blockchains. Etwa Fahrradschlösser: Wer das Recht hat, ein bestimmtes Rad zu entsperren, wird einfach in der Blockchain hinterlegt. Ähnliches ginge auch mit Wohnungs-, Büro- oder Autotüren. Mietet jemand ein Fahrzeug oder ein Gebäude, wird das in der Blockchain vermerkt.

Dahinter steht das Prinzip des Smart Contracts: Ein Vertrag wird nicht mehr nur privat zwischen zwei Parteien geschlossen, sondern ganz öffentlich in der Blockchain hinterlegt. So kann leicht nachverfolgt werden, wer gerade Zugriff haben soll und wer nicht – und das ohne einen zentralen Anbieter. Die Blockchain wird quasi zum Notar, der jedes Geschäft offiziell absegnet.

Nutzer könnten durch die Blockchain etwa ein Fahrrad an eine andere Person vermieten, ohne das dies von einer bestimmten App oder einem einzelnen Hersteller abgewickelt werden muss. Oder zwei Personen könnten ein Geschäft privat unter sich abwickeln – und trotzdem wäre es ausreichend dokumentiert. Schriftliche Verträge auf Papier würden durch solche Smart Contracts überflüssig.

4. Gegenstände in Videospielen

Wenn es um digitale Besitztümer geht, muss irgendwo festgeschrieben sein, wem sie gehören. Bei einem Videospiel beispielsweise liegt die Information darüber, wer welche Gegenstände gefunden hat, normalerweise auf dem Server des Entwicklers. Das hat einen Nachteil: Schaltet das Studio das Spiel ab, verlieren alle Spieler ihre Items und ihr Ingame-Geld.

Das Schweizer Unternehmen EverdreamSoft arbeitet an einer Lösung: Beim Smartphone-Kartenspiel Spells of Genesis wird der Besitz von einzelnen Karten nicht in der eigenen Datenbank vermerkt, sondern in der Bitcoin-Blockchain. Wenn eine Karte den Besitzer wechselt, wird das in einer immer länger werdenden Liste vermerkt. Diese Kette – daher der Name Blockchain – ist auf über 5300 Knotenpunkten des Bitcoin-Netzwerks gespeichert und synchronisiert sich ganz automatisch. Haben die Computer unterschiedliche Daten darüber vorliegen, wem eine Spielkarte gehört, entscheidet die Mehrheit. Die Liste mit den meisten Stimmen setzt sich durch und wird auf allen Knotenpunkten abgespeichert.

Der Vorteil eines solchen Systems: Manipuliert jemand die Zahl der Karten in seinem Account, wird das schnell bemerkt und der Fehler korrigiert. Wer eine Liste mit erschummelten Karten auf dem Server ablegen will, würde also nicht weit kommen. Sie würde schnell mit den korrekten Informationen überschrieben.

Bisher mussten Spieler darauf vertrauen, dass Entwicklerstudios ihre digitalen Güter vor Angreifern schützen. Sind die Items jedoch in der Blockchain hinterlegt, ist es nicht mehr schlimm, wenn ein Server gehackt oder manipuliert wird. Das System erhält sich selbst, weil es dezentral organisiert ist: Die Informationen können jederzeit neu bereitgestellt werden.

Was auch neu ist: Weil die digitalen Gegenstände vom Spiel entkoppelt sind, können Nutzer auch außerhalb davon mit ihnen handeln – oder sie sogar in ein neues Game oder eine Companion-App übertragen. Die Nutzer behalten so eine gewisse Autonomie. Es ist fast wieder ein wenig so, als ob man seine Magic-the-Gathering-Karten zu Hause in einer Schachtel aufbewahrt: Die kann einem auch niemand wegnehmen, selbst wenn das Spiel eines Tages eingestellt wird.