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Die biometrischen Kontrollen sind da – und nicht mehr zu stoppen!

Johnny Haeusler 10.08.2018 Lesezeit 5 Min

Zeig mir dein Gesicht und ich sage dir, wer du bist. Biometrische Kontrollen sind nicht nur die große Hoffnung vieler Sicherheitsbehörden. Private Unternehmen vermarkten sie inzwischen als schnell und sicher. Unser Kolumnist Johnny Haeusler geht davon aus, dass die allgegenwärtige Gesichtserkennung nicht mehr aufzuhalten ist.

Eine „sicherere, effizientere und bereicherte Gesellschaft“ durch biometrische Technologien verspricht das japanische Unternehmen NEC in seiner Eigenwerbung. Erreicht werden soll diese bereicherte Gesellschaft durch Iris-Scan oder Stimmerkennung, ganz besonders aber durch die Gesichts- und damit Personenerkennung. Bei der liegt NEC nach eigenen Angaben weit vor der Konkurrenz.

Bei so viel Technologie bleibt nicht viel Zeit für eigene Musik, und so quält man sich beim Durchschauen der NEC-Werbeclips durch das übliche lizenzfreie Klaviergeklimper oder dramatisch vor sich hin strauchelnde Streichorchester. Doch man wird dafür belohnt – mit begeistert-glücklichen Laiendarstellerinnen, die noch gar nicht fassen können, wie irre schnell sie von der Gesichtserkennung erfasst wurden. Garniert wird das mit jeder Menge Matrix-artigen Cyber-Grafik-Animationen. The Future eben, wie man sie sich auch in der RTL2-Inhouse-Grafik vorstellt.

„NeoFace“ heißt die NEC-Technologie für Gesichtserkennung dann auch folgerichtig, und der Bedarf nach einem neuen Gesicht könnte tatsächlich schon bald die nächsten Technologien hervorbringen, wenn auch wohl eher in den dunklen Seitengassen dieser Welt. Denn die Tatsache, dass schon sehr bald alle unsere Gesichter mit anderen Persönlichkeitsmerkmalen gespeichert sein werden in den Datenbanken der … tja … in welchen Datenbanken eigentlich? Naja. Jedenfalls ist der Kram nicht mehr zu stoppen.

Olympia 2020 wird zu Olympia 1984

NEC wird die olympischen Spiele 2020 in Tokyo mit NeoFace-Technologie ausstatten. Sämtliche Teilnehmerinnen werden sich per Gesichtserkennung an allen Stellen des sportlichen Events identifizieren müssen – und mit „sämtlichen Teilnehmerinnen“ sind Athletinnen ebenso gemeint wie die Presse und alle Zuschauerinnen. Interessant daran ist, dass sich das Narrativ für den Einsatz der Technologie massiv ändert. Natürlich geht es weiterhin auch um „Sicherheit“, klar, im Vordergrund der Erzählung stehen jetzt aber Einfachheit und Geschwindigkeit bei der Abfertigung vieler Menschen an Einlässen und Kontrollen. Quasi in Echtzeit erkennen die NEC-Systeme jedes einzelne und zuvor registrierte (oder eben gerade nicht registrierte und damit auffällige) Gesicht. Ein Umgehen von Kontrollen etwa durch die Nutzung der „entliehenen“ ID-Karte einer anderen Teilnehmerin wird dadurch unmöglich, nicht authorisierte Personen werden sofort erkannt. Und der gesamte Ablauf kann beschleunigt werden. Wer sagt dazu schon nein?

Doch nicht nur bei sportlichen Großevents werden uns biometrische Systeme in sehr naher Zukunft begleiten. Schon jetzt gibt es bei Konzerten personalisierte Tickets, die den Weiterverkauf auf dem Schwarzmarkt erschweren (oder dafür sorgen, dass vermeintlich legale Ticketkäufe für viel Verdruss bei Konzertbesucherinnen sorgen). Auch im Musikbereich ist der Einsatz von Gesichtserkennung also nur eine Frage der Zeit. Irgendwer muss die für viel Geld entwickelten Technologien und Geräte schließlich kaufen und einsetzen. Berechnungen, was die Veranstalterinnen eines Events mehr kostet — auf dem Schwarzmarkt verkaufte Tickets oder Soft- und Hardware für Systeme zur Personenerkennung — sind mir bisher nicht bekannt.

Doch beim Einsatz von biometrischen Verfahren zur Kontrolle von Personen bleiben zwei große Fragen offen: Auf welchen gesetzlichen Regelungen basiert dieser Einsatz eigentlich, und auf welchen Erkenntnissen basieren die Aussagen der angeblich gesteigerten Sicherheit?

Was passiert mit den Daten?

Niemand hat etwas gegen schnellere Einlassmethoden, kürzere Schlangen und Wartezeiten bei großen Events oder mehr Sicherheit. In welchen Datenbanken die gesammelten Daten der 99,999 Prozent Menschen, die nichts Böses im Schilde führen, jedoch landen, wer darauf Zugriff hat, wie lange gespeichert wird und welche Daten miteinander verknüpft werden können — die Begehrlichkeiten dürften groß sein — bleibt noch zu regeln. Von einer Politik, gegen deren Staatstrojaner zivilgesellschaftliche Organisationen klagen müssen.

Und auch, ob biometrische Kontrollverfahren tatsächlich mehr Sicherheit bringen, ist fragwürdig. Solange die Verhinderung von schweren Straftaten oder Attentaten eher an der Inkompetenz oder mangelhaften Koordinierung von Behörden scheitert, dürften auch die allerneuesten Technologien keine Verbesserungen bieten. Und ob Gesichtserkennung oder andere Verfahren zur Erkennung von Personen jemanden von einem Verbrechen abhalten werden, bei dem die Person eh vorhatte, sich selbst in die Luft zu sprengen, kann bezweifelt werden. Genauso wie die beworbene Unfehlbarkeit der Systeme.

Gesichtserkennung kann nicht mehr gestoppt werden

Es bleiben viele Zweifel am tatsächlichen Sinn der Einführung von biometrischen Systemen und der Verdacht, dass mal wieder Dinge getan werden, weil sie getan werden können, und weil Investitionen schließlich refinanziert werden müssen. Doch wie in so vielen aktuellen Fällen der technischen Entwicklung bleibt auch die Erkenntnis, dass ihr Einsatz nicht mehr gestoppt werden kann. Welche Technologien private Firmen in ihren Gebäuden einsetzen, bleibt für die Zivilgesellschaft sowieso sehr begrenzt anfechtbar, und im Fall von öffentlichen Veranstaltungen hat das Beispiel des bargeldlosen Bezahlens auf Musikfestivals gezeigt, dass Fehler und Schwachstellen erst dann angegangen werden, wenn die Systeme längst im Einsatz waren und sind. Und im öffentlichen Raum wird eben so lange getestet, bis das Thema niemanden mehr interessiert.

Biometrische Kontrollverfahren, die unser aller Leben verändern werden, sind hier und nicht mehr zu stoppen. Bereiten wir und also einfach auf neue Modetrends vor.