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Kryptowährung Dash auf dem Vormarsch in Venezuela: Es tut sich etwas – zumindest in der Mittelklasse

Laura Nunziante 22.10.2018 Lesezeit 5 Min

Venezuela steckt noch immer tief in der Hyperinflation. Die Regierung um Maduro versucht seit Monaten die Kryptowährung Petro durchzusetzen. Allerdings ist das bei den meisten Venezolanern noch nicht angekommen. Das könnte sich ändern, durch eine Gruppe an Entrepreneurs, die den Trend für sich erkannt haben – und die Wirtschaft jetzt hauptsächlich mit dem Dash aufmischen wollen.

Als Eugenia Alcalá nach einer Auszeit in Argentinien nach Venezuela zurückkam, sah sie einen Mann, der nach seinem Abendessen im Müll suchte: Eine Szene, die heute täglich das Bild auf den Straßen Caracas' prägt. Und doch konnte sie diese Szene niemals vergessen. Es musste doch eine Möglichkeit geben, an der offiziellen Währung vorbei zu wirtschaften und eine zu implementieren, die weniger staatliche Kontrolle als der Petro versprach. In ihrer Recherche stieß die Unternehmerin auf den Dash, die 2014 von Evan Duffield gestartete Open-Source-Kryptowährung. Heute ist Eugenia die Cheffin der Initiative Dash Caracas und verfasste einen Plan, um diese Währung unter die Bevölkerung zu bringen.

Dabei hatte Venezuelas Präsident Maduro mehrmals angekündigt, dass die Kryptowährung Petro dem Land zu einem Wirtschaftsaufschwung verhelfen würde. Ende August stellte er auf die neue Landeswährung Bolivar Soberano um, die direkt an den Petro und die riesigen Ölreserven im Land gekoppelt ist. Nach Aussagen der Regierung soll der bereits mehrere Millionen US-Dollar in Form von verkauften Krypto-Token erwirtschaftet haben. Spricht man mit Experten, kommen jedoch Zweifel auf, ob der Petro in dem Land überhaupt existiert – oder ob die Kryptowährung nur einen riesigen Betrug darstellt.

Eugenia Alcalá, die Gründerin Dash Venezuela.

„Der Petro ist ein Fake“, sagt der Anwalt Roberto Hung, der sein Büro im gehobenen Bezirk El Rosal betreibt. Dort berät er nicht nur Klienten, sondern hat sich in einem Nebenraum eine eigene, kleine Wall Street aufgebaut. Auf drei Screens wird ihm der aktuelle Kurs der gängigsten Kryptowährungen angezeigt. Auf seinem Smartphone hat er ein Bild seiner neugeborenen Tochter, ihre Untersuchungen bezahlte er mit Alternativwährungen. „Das ist Venezuelas erstes Krypto-Baby“, sagt er – und sieht darin großes Potenzial. Mehrere Hundert US-Dollar hat Roberto Hung in seinen Walletes auf verschiedene Kryptowährungen verteilt. „Wir werden wohl nicht über Nacht die venezolanische Wirtschaft damit retten. Aber ich glaube fest daran, dass diese einfache Zahlungsmethode bald die Straßen Caracas erobern wird.“

Chacao – einer der reichsten Stadteile von Caracas.

Setzt sich der Dash in Venezuela durch?

Eugenia Alcalá gibt derweil monatlich einen Workshop zum Thema Kryptowährungen, die von Dash finanziert werden. „Erst kamen nur Entrepreneurs und größere Firmen zu den Veranstaltungen, jetzt folgen immer mehr Leute von der Straße. Das ist großartig, weil wir die Währung genau dort durchsetzen wollen.“ Ihr Büro überblickt den Mittelklasse-Stadtteil Chacaito. Mittlerweile hat sie ein großes Team um sich versammelt, das täglich an der Implementierung des Dash in Venezuela arbeitet. Über 20 Bundesstaaten übernahmen bereits ihre Idee der Workshops. „Es ist ein langer Weg, bis sich der Erfolg des Dash zeigen wird. Aber wir haben bereits einiges erreicht“, erzählt Eugenia. 900 Geschäfte akzeptieren mittlerweile die Kryptowährung in ganz Venezuela. Beinahe wöchentlich werden es mehr. Dass der Petro so viel Aufmerksamkeit in den Medien bekommen hat, sieht sie positiv. „Der Petro hat Alternativwährungen in den Fokus der Venezolaner gebracht. Und wenn sie erst einmal verstanden haben, dass eine stabile Währung existiert, die sie durch die Zeiten der Hyperinflation bringen kann, dann sind sie auch offen für unsere Ideen.“

Mittlerweile kann man bei wenigen Taxifahrern in der Stadt mit Kryptowährungen bezahlen.

Die Venezolaner sind skeptisch gegenüber Kryptowährungen

Bei der einfachen Bevölkerung ist noch nicht angekommen, dass es neben dem Online-Banking in Venezuela noch eine weitere Zahlungsmöglichkeit gibt. Eine, die das Geld auf dem Konto stabil halten könnte. Auch ist es immer weniger Menschen möglich, sich ein Smartphone zu besorgen oder instand zu halten. Um den Gebrauch von Kryptowährungen im Land zu verfolgen, muss man daher genauer hinschauen. Im Centro Commercial in Las Mercedes, einem wohlhabenden Stadtteil, steht nun der erste Starbucks, der Dash als Zahlungsmittel akzeptiert. Und auch die erste Subway-Filiale der Welt, bei der sich mit Kryptowährungen bezahlen lässt gibt es hier. Vereinzelt sind auch Taxifahrer mit dem System vertraut. Man muss diese kennen, aber es ist mittlerweile möglich, auch kurze Fahrten mit Alternativwährungen zu bezahlen. Es ist eine rasante Entwicklung in diesem Land, in dem die Wirtschaft komplett eingebrochen ist. „Kryptowährungen sind die Antwort auf die Bedürfnisse der Venezolaner, die massiv unter der Krise leiden“, sagt Alcalá dazu. „Und das sind praktisch alle.“

Mit Kryptowährungen in einem Subway bezahlen? In Deutschland noch Zukunftsmusik. In Venezuela ist's in einem ersten Laden bereits möglich

Es ist eine konzentrierte Gruppe aus Unternehmern und Entrepreneurs, die sich zusammengetan hat, um Venezuela über die Hyperinflation hinwegzuhelfen. Spricht man die Venezolaner im als gefährlich geltenden Distrikt Capitolio an, geschweige denn in den unzähligen Barrios am Rande der Stadt, wissen viele nicht, was eine Kryptowährung überhaupt ist. Einigen ist der Petro ein Begriff, die meisten lachen aber über die Unfähigkeit der Regierung, diesen gewinnbringend einzusetzen. Auch in dieser Angelegenheit tut sich eine Welt zwischen Arm und Reich auf, das sollte sozialistischen Regierungsvertretern zu denken geben. Aber der Dash oder andere Kryptowährungen könnten ein erster Weg aus der finanziellen Unmündigkeit der 30 Millionen Venezolaner sein. Ob der Durchbruch der Alternativwährungen in Venezuela jemals kommen wird? Das zeigt sich in den nächsten Monaten. Mittlerweile haben über zwei Millionen Venezolaner das Land verlassen.