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Das MIT will euch zu Halloween einen Menschen fernsteuern lassen

Ben Hartlmaier, Michael Förtsch 29.10.2018 Lesezeit 3 Min

Das Media Lab der Universität MIT plant ein gruseliges Experiment. Zu Halloween sollen Nutzer aus dem Internet gemeinsam den Körper eines Menschen fernsteuern. Sie sollen so eine entfleuchte Killer-KI daran hindern, die Menschheit zu vernichten.

Die Kommunikations- und Technologie-Fakultät Media Lab des Massachusetts Institute of Technology ist mittlerweile gut für ihre Halloween-Experimente bekannt. Die Forscher haben einer Künstlichen Intelligenz beigebracht, Schauergeschichten zu schreiben oder Albtraumbilder zu malen. Das kommende Halloween-Event der Wissenschaftler könnte und soll auch ganz neue Dimensionen erreichen. Denn diesmal planen die Wissenschaftler ein soziales Experiment, das glatt aus der dystopischen Serie Black Mirror, dem furchtbaren Science-Fiction-Film Gamer oder einer Philip-K-Dick-Geschichte stammen könnte. Im BeeMe getauften Projekt soll nämlich „das Internet“ die Kontrolle über einen Menschen übernehmen.

Am Donnerstag gegen 4:00 Uhr morgens deutscher Zeit wird „eine echte Person die Kontrolle über ihr Tun aufgeben, um von Internet-Nutzern gelenkt zu werden“, sagt Niccolo Pescetelli vom MIT Media Lab gegenüber WIRED Germany. Das soll ähnlich funktionieren wie das Streaming-Event Twitch Plays Pokémon, in dem Abertausende Nutzer des Live-Streaming-Service gemeinsam die Videospiele der Pokémon-Reihe bestritten. Über ein Kommando- beziehungsweise Chat-Fenster können Anweisungen wie „Mach dir Kaffee“, „Laufe durch Tür“ oder „Setz dich hin“ hinterlassen werden. Was der Ferngesteuerte letztlich tut, wird dann über ein Hoch- und Runter-Voting-System ähnlich Reddit bestimmt – daher auch der Titel BeeMee, der nicht nur für „sei ich“ steht, sondern im Sinne eines Kollektivverstandes eines Bienenvolkes auch „ihr alle seid ich“ bedeutet.

Es wird Grenzen geben

Das über mehrere Wochen hinweg konzipierte Experiment soll jedoch nicht nur purer Selbstzweck sein, sondern auch einen modernen narrativen Rahmen bieten. BeeMee wird die Geschichte einer Zookd getauften Künstlichen Intelligenz erzählen, die entfleuchte und vom ferngesteuerten Protagonisten wieder eingefangen werden muss. Wenn das scheitert, sollen „die Folgen katastrophal“ sein. „Wir wollen wissen, ob Hunderte oder Tausende von Nutzern sich in Echtzeit koordinieren können, um spezifische Ziele zu erreichen“, sagt Pescetelli. „Wir wollen die kollektive Intelligenz ins Extrem treiben und herausfinden, wann sie zusammenbricht.“ Dabei würde sich nicht nur zeigen, ob die Menschheit im Spiel gerettet werden kann, sondern „ob die Menschheit überhaupt noch zu retten ist.

Die Entwickler an der renommierten US-Universität gehen selbstverständlich davon aus, dass zahlreiche Nutzer versuchen werden, das Experiment und seinen Protagonisten an seine Grenzen zu bringen. Dabei könnte es auch passieren, dass sie den Willenlosen zu peinlichen oder gefährlichen Handlungen zwingen wollen. Daher werden zumindest gewisse Grenzen gesetzt und vorab Regeln festgelegt, die Schäden und Gesetzesbrüche verhindern und auch die Privatsphäre des Protagonisten schützen. Aber sonst sei in dem Spiel nahezu alles erlaubt. Die Dauer des Experiments ist auf rund zwei Stunden angesetzt aber letztlich „hängt es ganz von den Nutzern ab.“

Laut den MIT-Forschern hätte die Menschheit mit Projekten wie Wikipedia schon bewiesen, dass sie als Masse erfolgreich Informationen zusammentragen und zum Gewinn aller verwalten kann. Aber wenn es um das Koordinieren von Aktionen in der physischen Welt gehe, gäbe es noch offene Fragen, die hier im Ansatz beantwortet werden könnten. „Ein Projekt dieser Größe hat es zuvor noch nicht geben“, sagt Pescetelli. „Egal wie ausgeht, es wird wissenschaftlich interessant sein.“ Wenn das Experiment erfolgreich verläuft, das Ziel erreicht und die fiktive KI gestoppt wird, „würde uns nichts davon abhalten, diese Art von Massenkontrolle auf komplexere Systeme anzuwenden.“ Daher sei auch schon fest eingeplant, die Softwareplattform über die BeeMee läuft später für andere freizugeben.