/Architektur

In der Schweiz steht das erste völlig energieautarke Wohnhaus

Benedikt Plass-Fleßenkämper 20.07.2016 Lesezeit 3 Min

Neun Mietwohnungen, die Fassade und das Dach voller Photovoltaik-Platten, Wasserstofftanks im Keller: Ein Mehrfamilienhaus im kleinen Schweizer Ort Brütten gilt als erstes Wohngebäude, das komplett ohne Energieanbieter auskommt. Diverse Stromspeichermethoden machen's möglich.

Komplett unabhängig von Energieanbietern zu leben, das ist für viele Menschen noch ein Traum. Für einige Schweizer ist er nun wahr geworden: Im 2000-Einwohner-Dorf Brütten bei Zürich wurde Anfang Juni das erste energieautarkes Mehrfamilienhaus der Welt fertiggestellt, das komplett ohne externe Anschlüsse für Strom, Öl und Erdgas auskommt.

Hauptenergiequelle für die auf drei Stockwerke verteilten neun Mietwohnungen sind in die Fassade integrierte und großflächig auf dem Dach angebrachte Photovoltaikmodule. Die gesamte elektrische und thermische Energie wird also aus der Sonne bezogen und durch verschiedenste Speicherformen – Kurz- und Saisonalspeicher – im Gebäude das gesamte Jahr über verteilt.

Obwohl die Baukosten laut Bauherr Walter Schmid etwa zehn Prozent über denen eines herkömmlichen Mehrfamilienhauses lagen, zahlen die Mieter des Schweizer Energiewunders ortsübliche Mietpreise.

+++ Mehr von WIRED regelmäßig ins Postfach? Hier für den Newsletter anmelden +++ 

Der Solarstrom wird mithilfe eines Elektrolyseurs als Wasserstoff in Tanks im Keller des Hauses gespeichert. Sollte die Sonne mal nicht scheinen, erzeugt eine Brennstoffzelle aus ihm Strom und Wärme. Den Architekten zufolge soll dieser Langzeitspeicher aber nur an 25 Tagen im Jahr benötigt werden – in der übrigen Zeit genügen die zusätzlich installierte Wärmepumpe und ein Batteriepaket als Kurzzeitspeicher, um den Strom- und Wärmebedarf der Mieter zu decken.

Steht einmal nicht genügend Sonnenenergie zur Verfügung, wird das Haus mit Wasserstoff aus diesen Tanks mit Energie versorgt

Diese wurden nach Baubeginn Anfang 2015 von der Umwelt Arena Spreitenbach, Initiator des Projekts, per Casting ausgewählt. „Energiebewusste Personen und Mieter, die weniger auf den Energieverbrauch bedacht sind, werden unter Beweis stellen, wie der Umgang mit neuesten Technologien und das eigene Verhalten den individuellen Energiebedarf beeinflussen“, heißt es seitens der Hausbauer.

Die ausgewählten Mieter genießen neben Kosteneinsparungen für Strom und Wärme, vorinstallierten und auf Energieeffizienz ausgelegte Haushaltsgeräten sowie einem modernen LED-Beleuchtungssystem weitere Vorteile: So stellt ihnen der Vermieter ein Elektro- und ein biogasbetriebenes Fahrzeug zur gemeinsamen Nutzung zur Verfügung. Das E-Auto wird durch die Brennstoffzelle und die Sonnenergie geladen, der Erdgaswagen muss hingegen an Tankstellen aufgefüllt werden.

So sieht das energieautarke Haus von innen aus

Doch auch hier greift das Autarkiekonzept: Die Garten- und Küchenabfälle der Bewohner werden in eine Biogasanlage gebracht, die daraus Treibstoff für eine Fahrleistung von 10.000 Kilometern pro Jahr erzeugt.

Bauherr Schmid ist optimistisch, dass sein Konzept erst der Anfang zu einer energieautarken Lebensweise ist. „Wenn Bertrand Piccard mit einem Flugzeug ohne fossilen Treibstoff rund um die Erde fliegen kann, sollten wir auch ein Wohnhaus ohne fossile Energien bauen und betreiben können“, sagte der Schweizer bei der Einweihung des Hauses