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Bei diesem Indie-Entwickler sollen die Star-Trek-Macher geklaut haben: „Ich glaube nicht an einen Zufall!“

Michael Förtsch 09.10.2018 Lesezeit 6 Min

Im August hatte der Indie-Game-Entwickler Anas Abdin angekündigt, den Medienkonzern CBS zu verklagen. Denn der soll bei der Story für das Science-Fiction-Revival Star Trek: Discovery bei seinem Videospiel Tardigrades abgekupfert haben. Im Gespräch mit WIRED berichtet der Spielemacher vom aktuellen Stand der Klage.

Es ist schon ein harter Vorwurf, den der Indie-Game-Entwickler Anas Abdin gegen das Film- und TV-Studio CBS erhebt. Die Autoren und Designer der Science-Fiction-Serie Star Trek: Discovery sollen sowohl die Geschichte als auch viele der zentralen Figuren geklaut haben – und zwar aus seinem Indie-Adventure-Projekt Tardigrades. Das ist zwar noch weit von der Veröffentlichung entfernt. Jedoch hat der Spielemacher seine Ideen bis hin zu einzelnen Szenen in einem Forum dokumentiert. Und genau dort sollen die Serienmacher abgekupfert haben, vermutet Abdin. Stimmt sein Vorwurf, so wäre eine der meist gefeierten Serien des letzten Jahres zu großen Teilen nur ein aufwändig produziertes Plagiat. Seit Ende 2017 habe er versucht, mit CBS ins Gespräch zu kommen, um Klarheit zu schaffen, sagt er zu WIRED. Aber immer wieder sei er abgewiesen und vertröstet worden. Deswegen habe er nur noch eine Möglichkeit gesehen: Inzwischen hat Anas Abdin CBS verklagt.

Abdin kommt aus Ägypten, lebt zur Zeit in Kuwait und entwickelt bereits seit 2011 Videospiele, darunter die zwei Adventures seiner Anastronaut-Reihe. An Tardigrades werkelte er nach eigenen Angaben schon lange bevor es Star Trek: Discovery gab. „An der Story hänge ich seit mindestens 2012“, sagt er zu WIRED. „Die eigentliche Entwicklung habe ich im Mai 2014 in meinem Blog und dem Adventure Games Forum angekündigt.“ Inspiriert hätten ihn vor allem die alten Point'n'Click-Abenteuer von Sierra On-Line: King’s Quest, Space Quest oder auch The Black Cauldron. Tardigrades sei im Gegensatz zu den klassischen Adventures aber eine nicht-lineare Erfahrung. Der Spieler könne durch seine Taten und Entscheidungen an bestimmten Knotenpunkten die Handlung in verschiedene Richtungen leiten und daher ganz verschiedene Enden erleben.

Bärtierchen im All

Wirklich besonders mache das Game Tardigrades seine bizarr-originelle Geschichte und deren Figuren, an denen er seit fast sechs Jahren feile, sagt Abdin. Die Haupthandlung dreht sich um eine uralte Zivilisation auf der Erde, die lernt mit Hilfe von kosmischen Bärtierchen, durchs All zu reißen, um andere Planeten zu erkunden. Cartner, ein Botaniker und Held der Handlung, stellt jedoch fest, dass der Menschheit so einiges über diese neue Reisetechnologie verschwiegen wird. Eben diese Ideen finden sich auch in Star Trek: Discovery. Auch einzelne Charaktere scheinen sowohl optisch als auch von ihrer Persönlichkeit her dem Indie-Game entliehen, darunter eine afroamerikanische Astronautin, die der Meuterei bezichtigt wird, und ein homosexuelles Forscherpärchen. Sogar einzelne Szenen wirken, als wären sie den Beschreibungen und Bildern nachempfunden, die Anas Abdin im Adventure Games Forum veröffentlicht hat.

„Ich wusste nicht, dass es eine neue Star-Trek-Serie gibt“, sagt der Indie-Entwickler. „Ich bekam plötzlich Nachrichten und Hinweise von verschiedenen Fans und auch einigen Medienleuten und Mitgliedern aus dem Forum: Sie wollten wissen, ob ich die Serie gesehen haben, weil ihnen diese Ähnlichkeiten aufgefallen sind.“ Er sei zunächst recht begeistert gewesen, da er mal ein großer Star-Trek-Fan gewesen war. Doch: „Als diese unheimlichen Übereinstimmungen und dummdreist plagiierten Elemente auftauchten, fühlte ich mich ziemlich ausgebeutet.“

Zuviel der Gemeinsamkeit?

Einige der übereinstimmende Elemente der Science-Fiction-Serie und des Indie-Games wie der mit blau leuchtenden Sporen betriebene Transportantrieb lassen sich allerdings auch auf ältere Ideen des Star-Trek-Erfinders Gene Roddenberry zurückführen. Zum Teil wurden sie bereits in der Serie Andromeda verwendet. Die bizarren Bärtierchen wiederum waren in den vergangenen Jahren bereits mehrfach Gegenstand von Wissenschafts- und Science-Fiction-Debatten, da die kleinen Kreaturen im All überleben können und womöglich „die ersten Raumfahrer“ gewesen sind. Dennoch wollen wegen der Häufung und oft auch visuellen Übereinstimmungen zwischen dem Indie-Game und der Serie weder Anas Abdin noch viele Star-Trek-Fans an Zufälle glauben.

Der Indie-Entwickler will dennoch niemandem böse Absicht unterstellen. „Die Produzenten sind Leute wie du und ich. Menschen machen Fehler“, sagt Anas Abdin. „Wahrscheinlich haben sie meine Arbeit gesehen als sie Ideen sammelten, bevor es Zeit war, die Sendung zu schrieben. Möglicherweise hatten sie vage Erinnerungen daran und haben sie eingearbeitet, ohne sich daran zu erinnern, wo sie herkamen.“ Aber das habe sein Projekt in Mitleidenschaft gezogen, in das er „soviel Mühe und Liebe“ investiert habe.

Zeitweise hatte der Spielemacher darüber nachgedacht, sein eigenes Werk aufzugeben. Denn er fürchtete, dass das Game nach seinem Erscheinen ständig mit Star Trek: Discovery verglichen und er am Ende bezichtigt wird, stibitzt zu haben – nur weil die Serie zu erst da war. „Glaubst du, jemand wäre interessiert, ein kleines Spiel zu kaufen, dessen Kernideen schon jetzt so breitgetreten wurden?“, fragt der ägyptische Spielemacher. „Glaubst du, jemand würde es spielen und die Figuren nicht mit den Charakteren aus der Serie vergleichen?“ Dennoch hat er sich zwischenzeitlich anders entschieden: „Ja, ich arbeite weiter an Tardigrades“, sagt er. Er habe schon zu viel Zeit investiert, um einfach aufzuhören. Wann er fertig wird, darüber wolle er derzeit aber nicht spekulieren.

CBS will mehr Zeit

Am 21. August hatte Anas Abdin angekündigt, eine Klage gegen CBS einzureichen. Die sei eigentlich eine reine Verzweiflungstat gewesen. „Zunächst hatten sie mich ignoriert. Erst als einige Medien das Thema aufgriffen, haben sie Kontakt hergestellt“, sagt Abdin. Allerdings sei der nicht sonderlich fruchtbar gewesen. Man hätte ihn vertröstet und hingehalten – nur dass das riesige Bärtierchen nicht wieder in der Serie zu sehen sein würde, wurde ihm zugesagt.

Ob und was bei der Klage herauskommt? „Das beste was passieren kann, ist, dass es Klarheit über die Situation geben wird“, sagt Abdin. „Schlimmer kann es jedenfalls nicht werden.“ Denn sein Spiel und auch er hätten bereits Schaden genommen. Daher wolle er nun wissen, ob und wie es zu dem, wie er glaubt, Ideenklau kam – und ob dieser von einem Gericht bestätigt wird. Allerdings könnte das noch eine Weile dauern. „Tja, CBS hat um mehr Zeit gebeten, um auf die Vorwürfe zu antworten“, sagt Abdin zum aktuellen Stand des Prozesses. „Selbst wenn sie schon seit über einem Jahr davon wissen. Aber wir haben zugestimmt, ihnen die Zeit zu geben.“

Die Produktion von Star Trek: Discovery verläuft trotz der Klage ungehindert weiter. Im Januar soll die zweite Staffel erscheinen und die Geschichte der Besatzung des Raumschiffs Discovery fortführen, die nun von Christopher Pike angeführt wird. CBS und die Produzenten der Serie haben sich bisher nicht zur Klage und den Vorwürfen des Indie-Entwicklers geäußert. Die Antwort auf eine Anfrage von WIRED seitens CBS blieb bislang unbeantwortet.