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Ai Weiwei macht nun Kunst auf der Blockchain

Michael Förtsch 19.08.2018 Lesezeit 4 Min

Der Künstler Ai Weiwei hat gemeinsam mit Kevin Abosch eine Kryptowährung gestartet, die keine sein soll. Der Großteil davon ist in unzulänglichen Konten weggeschlossen. Der Rest soll verteilt werden – so, dass jeder ein Stück des Kunstwerks besitzen kann.

Erst vor zwei Wochen hatten die chinesischen Behörden ohne Vorwarnung das Pekinger Atelier Zuoyou des Künstlers Ai Weiwei niedergerissen. Seit 2006 hatte er dort gearbeitet und viele seiner Werke gelagert – die auf Lastwagen geladen und abtransportiert worden sein sollen. Immer wieder war Ai Weiwei aufgrund seiner Kritik an Menschenrechtsverletzungen und Korruption in China schikaniert worden. Aufgrund angeblicher Steuerhinterziehung wurde er 2011 für zwei Monate inhaftiert. Ebenso wurde sein Reisepass für vier Jahre eingezogen. Daher lebt er seit 2015 in Berlin und will nun ein Kunstwerk schaffen, das vollkommen immateriell und unzenierbar ist.

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Gemeinsam mit dem dem irischen Künstler Kevin Abosch will Ai Weiwei unter dem Projektnamen PRICELESS eine Debatte darüber starten, was auf unserer Welt nun wirklich „unbezahlbar“ ist, wie und auf welcher Basis der Wert eines Lebens und die Momente in diesem bepreist werden. Denn sowohl in Europa, den USA als auch anderen Regionen rund um die Welt werden Flüchtlinge, Immigranten und deren Leben und Erfahrungen als wertlos abgestempelt.

„Ich wollte eben das weiter erforschen und fand in Ai Weiwei einen künstlerischen Kollaborateur, der der globalen Flüchtlingskrise mehr Aufmerksamkeit verschafft hat, als jeder andere, den ich kenne“, sagt Kevin Abosch. Als Basis für dieses Projekt haben sich die beiden Künstler für die Ethereum-Blockchain entschieden, die im rein digitalen Raum einen Wert von Milliarden Euro verkörpert – der jedoch lediglich an Einträge auf eben jenem digitalen Hauptbuch gekoppelt ist.

„Für mich geht es bei der Blockchain nicht um Technologie, sondern die Möglichkeit, ein neues System zu schaffen, das ein altes System ablöst oder zumindest neue Möglichkeiten der Kommunikation schafft“, sagte Ai Weiwei gegen Motherboard. „Es geht mir nicht um deren Potential für die Erschaffung von Kunst, sondern viel eher darum, die existierenden Systeme zu hinterfragen und die Option, neue Systeme außerhalb der etablierten Systeme zu errichten.“

Wertlose Zahlen

Das Kunstprojekt PRICELESS – oder auch PRCLS – besteht dabei ähnlich wie die Kryptowährungen und Blockchain-Projekte EOS, VeChain, Augur oder 0x aus einem ERC-20-Token, wie ihn theoretisch jeder selbst starten kann. Zwei identische Varianten wurden davon erstellt. Einer davon soll für immer unzugänglich und unnutzbar bleiben. Die Teileinheiten des anderen wurden zum Großteil in zwölf Wallets gepackt. Die Adressen dieser Wallets haben die Künstler ausgedruckt, unterzeichnet und an Kunstsammler verkauft. Anfangen können diese mit deren Inhalt aber nichts. Denn die Keys, die nötig wären, um auf diese zuzugreifen, haben Weiwei und Abosch zerstört.

Diese Wallets und die PRICELESS-Einheiten – die funktionieren wie eine klassische Kryptowährung –, sollen, wie Abosch and Weiwei sagen, an gemeinsame und „unbezahlbare“ Momente ihrer beiden Leben geknüpft sein. Darunter ein Spaziergang in der Schönhauser Allee, das gemeinsame Teetrinken oder ein Gespräch darüber, wer von den beiden die größere Nase hat. Wie die Künstler meinen, ginge es darum, zu hinterfragen, ob und welchen Wert diese Kunst hat, die schließlich nur aus eigentlich wertlosen Zahlwerten besteht, die aber immerhin Ausschnitte aus den Leben zweier Menschen repräsentieren.

Jeder kann ein Stück PRICELESS besitzen

Insgesamt sollen noch 0,999999975527498 PRCLS verfügbar sein – genug für jeden einzelnen Menschen auf der Erde. Diese wollen Ai Weiwei und Kevin Abosch daher im September verteilen. Womit jeder einen kleinen Anteil eines virtuellen Kunstwerkes zweier angesagter Künstler besitzen könnte. Wobei eben auch hier die Frage steht, was diese Bruchstücke wert sind. Das sollen dann, wenn es nach Abosch geht, die Nutzer entscheiden – ähnlich wie bei Bitcoin, Ether, Ripple und anderen Kryptowährungen, die ebenso keinen inhärenten Wert besitzen.

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„Unser Projekt ist ein weiterer Versuch, die Menschen hoffentlich dazu zu bewegen, etwas mehr Zeit darauf zu verwenden, die perverse Art zu reflektieren, mit der wir Dingen einen Wert andichten“, sagt Abosch. „Unsere Intention war es nicht, einen handelbaren Token zu erschaffen – aber was mit diesem Token über die Zeit hinweg geschieht, wird sich uns noch offenbaren.“