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Ärger um Gebühren: BlaBlaCar erklärt sich

Dominik Schönleben 14.07.2016 Lesezeit 5 Min

BlaBlaCar ist Europas größter Anbieter für Mitfahrgelegenheiten, doch es gibt Ärger mit den Kunden in Deutschland: Das französische Startup will ab August eine Vermittlungsgebühr verlangen. Eine Strategie, mit der 2013 schon der damals größte Anbieter Mitfahrgelegenheit.de scheiterte. WIRED hat BlaBlaCar-Deutschlandchef Olivier Bremer gefragt, warum sein Unternehmen es trotzdem versucht.

Die Ridesharing-Plattform Mitfahrgelegenheit.de war in Deutschland lange Zeit die wichtigste Anlaufstelle, wenn man auf Reisen bei anderen Menschen im Auto mitfahren wollte. 2013 änderte sich dann alles: Mitfahrgelegenheit.de führte eine Vermittlungsgebühr von 11 Prozent des Fahrpreises ein – bis dahin hatte sich die Plattform allein über Werbung finanziert.

Die Nutzer reagierten extrem negativ und innerhalb kürzester Zeit tauchten zahlreiche kostenlose Klone der Seite auf. Die User von Mitfahrgelegenheit.de suchten das Weite – oder umgingen die Kosten, indem der Fahrer die Fahrt einfach übewr die Plattform stornierte und trotzdem andere mitnahm.

Als Gewinner ging das französische Startup BlaBlaCar aus dieser Umwälzung des Mitfahr-Marktes hervor. Heute ist es der erfolgreichste Anbieter in Europa und gehört auch in Deutschland zu den wichtigsten Anbietern. Insgesamt zehn Millionen Reisende verzeichnet die Plattform weltweit im Quartal.

Doch auch für BlaBlaCar ist die Zeit der kostenlosen Vermittlung bald Vergangenheit. Nachdem das Unternehmen im März 2016 das aufkaufte, was von Mitfahrgelegenheit.de noch übrig, will das Unternehmen jetzt ebenfalls Gebühren einführen. Ein gefährlicher Schritt, der vielen Nutzern nicht gefällt.

Warum er trotzdem glücken könnte? Der Mobilitätsmarkt habe sich verändert, sagt BlaBlaCar-Deutschlandchef Olivier Bremer. Und sein Unternehmen habe eine neue Strategie, damit sich ein Debakel wie bei Mitfahrgelegenheit.de nicht wiederholt. Zusätzlich zu den Gebühren werden drei Neuerungen auf der Plattform eingeführt: eine Versicherung, die dafür sorgt, dass Reisegruppen, die mit dem Auto liegenbleiben, trotzdem ans Ziel kommen. Außerdem die zusätzliche Sicherheit für Fahrer, dass sie auch dann bezahlt werden, wenn ihre Mitfahrer nicht auftauchen. Und BlaBlaCar verspricht, dass Fahrten CO2-Neutral sein werden.

Dafür werden die gefahrenen Kilometer pro Person an die gemeinnützige Stiftung myclimate weitergegeben, die dann festlegt, mit wie viel Geld BlaBlaCar gemeinnützige Projekte unterstützen muss, um den CO2-Austoß auszugleichen. Der Preis einer Fahrt von Hamburg nach Berlin, die derzeit knapp 15 Euro kostet, erhöht sich durch die neue Vermittlungsgebühr dann um zwei bis drei Euro.

Im Gespräch mit WIRED erklärt Olivier Bremer, wie sich der Markt für Mitfahrgelegenheiten verändert hat und weshalb Vermittlungsgebühren trotz schlechter Erfahrungen in der Vergangenheit der richtige Weg für BlaBlaCar sind:

Oliver Bremer, BlaBlaCar-Deutschlandchef

WIRED: Wieso verfolgt BlaBlaCar jetzt die gleiche Strategie, mit der Mitfahrgelegenheit.de 2013 gescheitert ist?
Olivier Bremer: Das tun wir gar nicht, der Mehrwert für unsere Mitglieder steht bei uns im Zentrum. Natürlich muss jedes Unternehmen Umsätze generieren, sonst kann es nicht überleben. Wir haben in Deutschland drei Jahre lang überlegt: Wie können wir eine Plattform etablieren, die den Mehrwert für die Community wirklich steigert?

WIRED: Was macht BlaBlaCar anders?
Bremer: Es geht nicht darum, Mitfahren, so wie es derzeit existiert, weiterzuführen. Denn da sind wir an einer Grenze angekommen. Wir öffnen Ridesharing für zukünftige Nutzer, für die es in der Vergangenheit nicht in Frage kam. Diese Nutzer sind teilweise älter und teilweise weniger preissensibel.

WIRED: Der Markt hat sich also verändert?
Bremer: Die Menschen, die Mitfahrgelegenheiten schon nutzen, sind nur ein kleiner Teil der Bevölkerung. Ich persönlich kenne viele Menschen aus der älteren Generation, die sagen: Ja, das habe ich vor 30 Jahren mal genutzt, aber heute kommt das für mich nicht mehr in Frage. Hier wollen wir verstärkt ansetzen: Wir wollen für diese Menschen neue Gründe bieten, Ridesharing mal auszuprobieren.

WIRED: Billig zu sein ist also nicht mehr das Hauptargument für eine Mitfahrgelegenheit?
Bremer: Das war in Deutschland immer der Hauptgrund, aber das ändert sich. Wir sehen vermehrt, dass sich Menschen fürs Mitfahren anmelden, für die es keine Preisfrage ist, etwa Ärzte oder Anwälte. Menschen, denen es auf geselliges und nachhaltiges Reisen ankommt.

WIRED: Ist es wirklich realistisch, dass Ärzte oder Anwälte in Zukunft bei Fremden mitfahren?
Bremer: Ja, oder sie nehmen zumindest Menschen mit. Normalerweise ist es so, dass man damit anfängt, andere mitzunehmen. Wir sehen, dass viele Nutzer im Lauf der Zeit auf ihr eigenes Auto verzichten und vom Fahrer zum Mitfahrer werden. Aber in erster Linie wollen wir einfach ein Bewusstsein schaffen: Wenn man alleine im Auto ist, dann ist das schlecht für die Umwelt, schlecht für den Geldbeutel und schlecht fürs Sozialleben.

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WIRED: Das heißt, die Menschen, die sich online darüber beschweren, dass BlaBlaCar bald etwas kostet, sind eigentlich gar nicht mehr eure Kernzielgruppe?
Bremer: Doch, sie bleiben eine zentrale Zielgruppe. Natürlich haben wir auf Facebook Nutzer, die sich beschweren und sagen, früher sei alles besser gewesen. Aber an Veränderungen muss man sich erst gewöhnen. Viele Menschen, die BlaBlaCar jetzt erst zum ersten Mal benutzen, werden sich gar nicht mehr vorstellen können, dass man früher in bar bezahlt hat. Das war umständlich, weil man das Geld immer passend haben musste oder die Leute im Auto noch anfangen haben, zu verhandeln.

WIRED: Aber einen großen Nachteil hat BlaBlaCar doch noch immer: Ich kann mich nicht darauf verlassen, dass der Fahrer auch wirklich kommt.
Bremer: Durch die Einführung der Online-Zahlung in anderen Ländern haben wir gesehen, dass Fahrer auch viel verantwortlicher handeln. Wenn ich weiß, dass jemand für die Sitzplätze in meinem Auto bereits bezahlt hat, dann fühle ich mich verantwortlich. Noch können wir nicht garantieren, dass die Fahrt auch wirklich stattfindet, aber wir schaffen einen starken Anreiz für den Fahrer. Wir arbeiten mit Hochdruck daran, auch dafür eine Lösung zu finden.