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Neues vom Admin / Liebe DHL, bitte noch keine Experimente mit Paketen in Kofferräumen!

Armin Hempel 29.04.2015 Lesezeit 4 Min

Der Paketdienst möchte seine Lieferungen bald nicht mehr nur an Haustüren, in Packstationen und Postfilialen abladen, sondern auch in Kofferräumen von Autos. Was nach ein stressfreien Variante klingt, den letzten Online-Einkauf entgegenzunehmen, löst bei Armin Hempel noch so einige Zweifel aus.

Armin Hempel ist Systemadministrator, obwohl er Musik- und Theaterwissenschaft studiert hat. Wenn er nicht gerade mit Konsolen und Festplatten-Arrays ringt, schreibt er für WIRED Germany.

Wieder nur ein Zettel an der Tür, obwohl ich den ganzen Tag zu Hause war: „Sehr geehrte Kundin, sehr geehrter Kunde, leider war es heute nicht möglich, Ihnen Ihre Sendung(en) zuzustellen.“ Als Großstadtbewohner beschleicht mich schon seit einigen Jahren das Gefühl, dass die Anzahl in zweiter Reihe parkender gelber Zustellfahrzeuge gegen unendlich strebt, während dummerweise kein einziges davon für mich zuständig ist.

Die Zusteller liefern bei prekärster Bezahlung dermaßen viele Pakete — meist Online-Bestellungen — aus, dass ihnen keine Chance mehr bleibt, in den fünften Stock zu laufen oder wenigstens mal beim Empfänger zu klingeln. Stattdessen unterbleibt der Zustellversuch ganz, die Pakete werden stapelweise beim Schlüsseldienst um die Ecke abgegeben und die Benachrichtigung dazu liegt zwei Tage später im Briefkasten. Oder auch nicht. Amazon, DHL und Audi möchten daran nun etwas ändern und starten im Großraum München ein Pilotprojekt, um Pakete direkt in die Kofferräume von Privat-PKWs zustellen zu können.

 

An sich ist das schon ein verlockendes Vorhaben, das den kleinen Technikfreund in mir voller Vorfreude umherhüpfen lässt. Genau wie der mit einem elektronischem Schloss ausgestattete Paketkasten vor der Haustür oder die Zustellung per Drohne, die in anderen Branchen schon üblich ist. Die Vorteile liegen auf der Hand: Ich muss mich bei der Angabe der Versandadresse nicht mehr darum kümmern, ob ich am kommenden Samstag zu Hause oder vielleicht doch im Büro sein werde; das lästige und häufig vergebliche Warten auf den Paketdienst entfällt auch. Der Zusteller erfährt den Standort meines Fahrzeugs einfach per Smartphone-App und kann mit dieser auch gleich den Kofferraum entriegeln. Ich werde daraufhin per E-Mail benachrichtigt und kann mit dem zugestellten Paket nach Hause fahren.

Ein verlockendes Vorhaben, das den Technikfreund in mir vor Freude hüpfen lässt.

Außerdem birgt die Idee als kleines Sahnehäubchen ein gewisses Spaßpotential: Ich würde mir durchaus die Zeit nehmen, um mir mit dem Zustellfahrzeug lustige Verfolgungsjagden durch Kreuzberg zu liefern oder mein Auto regelmäßig an für Kleinlaster unmöglich erreichbaren Orten zu parken und den Kofferraum so vollpacken, dass die online bestellte Bierkiste nicht mehr hinein passt. Aber vermutlich haben Amazon, DHL und Audi auch dafür vorgesorgt. Von der momentan üblichen Zustellung beim „Wunschnachbarn“ (ich habe mir diesen Nachbarn nie gewünscht, wirklich nicht!) ist es doch nur noch ein kleiner Schritt zur Zustellung in den Kofferraum des Autos in der Parklücke hinter mir. In der hinter meinem Scheibenwischer klemmenden Zustellbenachrichtigung steht dann wahrscheinlich: „Zustellung erfolgte gegen 15:30 Uhr, blauer Golf Kombi, Kennzeichen B-EW 2140.“

Aber Spaß beiseite: Ich traue ich dem Braten nicht. Wenn die Zusteller für gewöhnlich schon Schwierigkeiten haben, meine Wohnung im ersten Stock an einer Berliner Hauptstraße zu erreichen, die noch nie ihren Standort geändert hat, warum sollten sie dann mein Auto finden? Wenn sie es nicht schaffen, meine normalen Pakete unbeschädigt zu liefern, wie kann ich bei einer Kofferraumzustellung die Pakete bei Empfang prüfen und wie soll ich darüber hinaus sichergehen, dass mein Auto bei der Zustellung unversehrt bleibt? Nicht zuletzt sind mir schon ganze Computer auf dem Postweg gestohlen worden — möchte ich Menschen, die so etwas offenbar zulassen, meinen Autoschlüssel in die Hand drücken?

Vor solchen Experimenten müssen die Paketdienst aber erst einmal ausreichend Personal einstellen und es vernünftig bezahlen und versichern.

Nein, das möchte ich nicht, soviel ist sicher. Bevor Paketdienste beginnen, mit Drohnen oder neuartigen Zustellungsmethoden zu experimentieren, müssen sie erst einmal ihre Hausaufgaben machen, indem ausreichend Personal eingestellt und dieses auch vernünftig bezahlt und versichert wird. Allein das würde vermutlich ausreichen, um den massiven Qualitätsproblemen zu begegnen, die seit dem enormen Anstieg der Online-Bestellungen zu beobachten sind. Expansion kann keine Ausrede für schlechten Service sein und soziale Verantwortung darf nicht auf Subunternehmer abgewälzt werden. Sobald das erledigt ist, melde ich mich gern für jedes Pilotprojekt an, liefere mir Verfolgungsjagden mit Zustellern oder denke mir einen Weg aus, um vorüberfliegende Paketdrohnen zu hacken.