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6 Gründe, warum die Blockchain die Gaming-Welt nachhaltig verändern wird

Sönke Siemens 17.10.2018 Lesezeit 10 Min

3D-Beschleuniger, Online-Gaming, Free-2-Play, Virtual Reality, Lootboxen: Kaum eine Branche ist so häufig neuen Trends unterworfen, wie die Videospielindustrie. Doch was wird das nächste große Ding? Viele tippen auf die Blockchain – und das aus guten Gründen.

Es ist immer noch ein Rätsel, wer der Bitcoin-Erfinder Satoshi Nakamoto ist. Ziemlich sicher ist: Der Name ist ein Pseudonym hinter dem mutmaßlich ein oder sogar mehrere geniale Köpfe stehen, der oder die ein Geldsystem schaffen wollten, das nationale Grenzen ignoriert und nicht von Regierungen, Bankhäusern oder Einzelpersonen kontrolliert werden kann. Der Motor dessen ist die Blockchain: Das ist ein digitales Hauptbuch, das parallel von unzähligen Computern gepflegt wird, die Blöcke von zusammengeschnürten Datenpaketen aufeinander stapeln. Jeder neue Block enthält dabei einen Stempel, der aus den Inhalten des vorherigen besteht – und macht die Datenkette damit quasi unverfälschbar.

Verschiedenste Entwickler wie Ethereum Project, Block One oder auch IBM haben die Blockchain nach und neugebaut – und propagieren sie alles Lösung für nahezu alles. Wir wissen nicht, ob Satoshi Nakamoto, als er die Blockchain einst erdachte, auch Videospiele im Kopf hatte. Jedoch: Mittlerweile ist sie auch in diesem Bereich eine der meist gehypten Technologien und könnte die Gaming-Branche tatsächlich kräftig durcheinander wirbeln. Denn sie hat das Potenzial, Spieler und Entwickler näher zueinander zu bringen, das Kräfteverhältnis zwischen Community und Herstellern aufzubrechen oder das Zocken auch abseits des E-Sport zur echten Arbeit zu machen, die das Essen auf den Tisch bringt.

Digitale Gebrauchtspiele

Es gibt Ebay, Amazon, Rebuy, Momox und einige mehr. Mit ihnen ist es einfacher denn je, die Disk-Fassung eines Computer- oder Videospiels an jemand anderen zu verkaufen. Ganz anders sieht es mit Spielen aus, die ein Kunde digital erworben hat, etwa im PlayStation Store, auf dem Xbox Marketplace oder bei Steam. Will man sie weiterveräußern, klappt das in der Regel nur, indem man den gesamten Account weiterverkauft. Mit dem Aufkommen der Blockchain-Technologie scheint sich hinsichtlich dieser Problematik nun jedoch eine Trendwende anzubahnen.

Bestes Beispiel hierfür ist die Mitte Januar 2018 angekündigte Online-Plattform Robot Cache. Hinter der steht Brian Fargo, der einst den Kult-Publisher Interplay gegründet hat und Fallout, The Bard's Tale und mit seinem Studio Inxile die Rückkehr der Wasteland- und Torment-Games auf den Weg brachte. Robot Cache hat gleich mehrere ambitionierte Ziele. Ganz oben steht das Versprechen, dass jeder Anbieter – egal ob nun kleines Indie-Studio oder weltweit agierender Publisher – für jedes verkaufte Spiel 95 Prozent des Umsatzes einbehält. Lediglich fünf Prozent gehen an Robot Cache. Zum Vergleich: Marktführer Steam kassiert derzeit Umsatzbeteiligungen von im Schnitt 30 Prozent – ebenso wie Apple im App Store oder Google im Play Store.

Ergänzend dazu will Robot Cache allen Kunden erlauben, bereits erworbene Digital-Spiele auf der Plattform weiterzuverkaufen. Dabei gehen 70 Prozent an den Publisher, 25 an den Kunden und fünf Prozent an den Betreiber. Verzeichnet werden alle Transaktionen und damit Eigentumsverhältnisse in der Ethereum-Blockchain. Ausgezahlt werden die Erlöse zunächst in Form sogenannter IRON-Tokens, einer Plattform-eigenen Kryptowährung, die pünktlich zum Start auf einschlägigen Marktplätzen gehandelt werden darf.

Positiver Nebeneffekt für Content-Anbieter: Sie erhalten Erlösgutschriften praktisch in Echtzeit, müssen also nicht bis zum Ende eines Abrechnungszeitraums auf Guthaben-Eingänge warten. Zudem besteht die Chance, dass IRON, wie eben auch Bitcoin, Ether, Ripple und andere Kryptowährungen an Wert gewinnt – und Einnahmen damit zusätzliche Gewinne abwerfen. Gleichzeitig kann IRON auch geschürft werden – wodurch, wie bei Bitcoin oder Ether, die schürfenden Rechner die Transaktionen bestätigen und in die Blockchain eintragen.

An den Start gehen soll Robot Cache noch diesen Oktober in Form einer Early-Access-Phase. Bereits hierfür verspricht Fargo etwa 1.000 Spiele von namhaften Publishern und Entwicklern wie 505 Games, THQ Nordic, Studio Wildcard und natürlich Inxile Entertainment. Die Erfolgsaussichten? Durchaus vorhanden. Speziell, wenn es Fargo und seinem Team gelingen sollte, auf in Zukunft große Spielemacher mit an Bord zu holen.

Spielend Geld verdienen

Beim Videospielen Geld verdienen – für viele Gamer ohne ausgeprägte E-Sport- oder YouTube-Ambitionen klingt das weiterhin wie ein Wunschtraum. Mit dem zunehmenden Aufkommen von Blockchain-Games jedoch scheint dieser Traum nun langsam aber sicher Realität zu werden.

Zur besseren Einordnung: Im Gegensatz zu traditionellen Videospielen setzen Blockchain-Games in der Regel keine zentralisierten Server voraus. Weil die Blockchain-Technologie zudem vergleichsweise sicher ist und sich Eigentumsverhältnisse von In-Game-Items ganz klar überprüfen lassen, rücken viele Blockchain-Games das Erschaffen und Handeln von In-Game-Werten in den Fokus. In CrpytoKitties etwa können Spieler virtuelle Kätzchen – im Tausch gegen Ethereum – kaufen, sammeln, züchten und natürlich auch weiterveräußern. Das Spielprinzip mag simpel klingen, entpuppte sich in der Blockchain-Szene jedoch als echter Renner, dessen hohes Transaktionsaufkommen das Etherum-Netzwerk im Dezember 2017 extrem verlangsamte. Für Schlagzeilen sorgte darüber hinaus die Nachricht, dass ein Crypto-Kätzchen für Ethereum im Gegenwert von sage und schreibe 100.000 US-Dollar den Besitzer – rekordverdächtig!

Zugegeben, CrpytoKitties ist nicht sonderlich komplex. Entsprechend wundert es auch nicht, dass viele kommende Blockchain-Games einen klaren Fokus auf mehr Spieltiefe setzen. Das derzeit in der Beta-Phase befindliche Hash Rush von VZ Games zum Beispiel will das Genre der Aufbau-Strategiespiele aufmischen, indem es Fortschritte im Spiel mit sogenannten Rush Coins belohnt. Das Interessante hier: Eine Geldbörse für Kryptowährung wird zunächst einmal nicht vorausgesetzt. Erst wenn man sich verdiente Rush Coins tatsächlich ausbezahlen möchte, muss ein Wallet her. Hinzu kommt: Anders als viele Konkurrenztitel nutzt Hash Rush den Spieler-PC nicht für Mining-Aktivitäten, sondern führt diese auf Mining-Farmen der Entwickler durch. Neugierig geworden? Bereits im Dezember 2018 wollen die Entwickler eine Early-Access-Fassung an den Start bringen.

Mehr Flexibilität (und noch mehr Geld verdienen)

Seien es nun sogenannte V-Bucks beim Battle-Royale-Phänomen Fortnite, Call of Duty Points im just veröffentlichten Black Ops 4 oder Ultimate Team Points beim Dauerbrenner FIFA – nahezu jede Blockbuster-Marke konfrontiert Spieler mit einer eigenen In-Game-Währung. Das Problem: In der Mehrzahl der Fälle verbleiben nicht ausgegebene beziehungsweise fälschlich erworbenen oder erspielten Credits mit dem Account des Spiels verknüpft und können nur dort zum Kauf weiterer In-Game-Objekte verwendet werden. Sicherlich, nicht jeder Hersteller hat ein Interesse daran, In-Game-Währungen zurückzuerstatten – kundenfreundlicher wäre es jedoch allemal. Womit wiederum die Brücke zum Thema Blockchain geschlagen wäre.

Denn theoretisch ließen sich diese Spielwährungen jeweils als eine eigene Kryptowährung realisieren – oder sich an diese koppeln. Im Optimalfall gehen Hersteller sogar noch einen Schritt weiter und implementieren eine einzige Blockchain-gesicherte Digitalwährung in allen neuen Games und machen dadurch einen Spiel-übergreifenden Einsatz möglich. Im Falle von Software-Gigant Activision zum Beispiel wäre ein Szenario denkbar, in welchem sich nicht eingelöste Token aus Call of Duty einfach im ebenfalls von Activision gepublishten Destiny 2 einsetzen lassen. Wieso auch nicht?

Dadurch wäre es dann theoretisch auch ein Leichtes, Geld aus verschiedenen Games auf Publisher-eigenen aber auch freien Exchanges wieder in Echtgeld umzuwandeln oder damit zu handeln. Ganz flexibel und nachvollziehbar. Aber mehr noch: Auch könnten Gamer hier das Gold, die Diamanten und andere Spielwährungen, die sie in Online-Rollenspielen wie World of Warcraft erkämpfen, in ein in der realen Welt nutzbares Nebeneinkommen verwandeln. Denn auch diese digitalen Güter könnten sich an eine Kryptowährung anschließen lassen. Von hier ist der Schritt zu Ready Player One nicht mehr soweit.

Bessere Spielerlebnisse durch gemeinsam genutztes Wissen

Blockchain-Spiele speichern Spielerdaten in der Blockchain ab. Die Tatsache, dass die Daten dort öffentlich einsehbar sind, bringt zahlreiche Vorteile mit sich. Entwickler anderer Blockchain-Spiele etwa könnten auf den Datensatz eines Kunden zurückgreifen, um sich ein Bild davon zu machen, welche Gaming-Erfahrung diese Person bereits mitbringt. Weiß ein Entwickler beispielsweise, dass der Kunde noch nie ein Echtzeit-Strategiespiel gespielt hat, könnte er dem Kunden in einer neuen Spielerfahrung zusätzliche Tutorials anbieten.

Handelt es sich beim Kunden dagegen um einen fortgeschrittenen Spieler, könnte der Entwickler unnötige Ingame-Tutorial-Elemente einfach überspringen und dem Gamer direkt zu Spielbeginn einen höheren Schwierigkeitsgrad vorschlagen, der besser zu seinem Erfahrungs-Profil passt.

Doch damit nicht genug: Sind Daten erst einmal in einer Blockchain gespeichert, lassen sie sich leicht in anderen Spielen einsetzen, die dieselbe Blockchain nutzen. Hervorragend veranschaulichen lässt sich diese Idee an der Symbiose zwischen dem Katzen-Sammelspiel CryptoKitties und dem Katzen-Kampfspiel CryptoCuddles. Denn loggt man sich als CryptoKitties-Nutzer mit seiner Ethereum-Adresse bei CryptoCuddles ein, werden alle bereits gezüchteten Kätzchen aus CryptoKitties vollautomatisch importiert und stehen dann als Spielfiguren bereit.

Spinnt man dieses Prinzip nun weiter, entstehen ziemlich abenteuerliche Gaming-Visionen. Man denke nur an Publisher Ubisoft, der plötzlich seine zahlreichen Open-World-Universen an ein und dieselbe Blockchain legt. Wäre es nicht grandios, mit einem High-Level-Helden aus Assassin’s Creed: Origins einige besonders knifflige Mission in der Welt von Assassin’s Creed: Odyssey zu meistern? Oder mit einem Raumschiff aus StarLink durch die Galaxis von Beyond Good & Evil 2 zu brettern? Vorteil aus Publisher-Sicht: Spieler hätten ein verstärktes Interesse in mehreren Spieluniversen aktiv zu werden, um herauszufinden, wie die Cross-Universe-Mechanismen funktionieren.

Entwickler und Gamer rücken näher zusammen

Das Verhältnis zwischen Games-Entwicklern und Spielern ist nicht immer einfach. Dieser Zwiespalt wird nicht zuletzt dann sichtbar, wenn Entwickler ein Online-Spiel auf das Erzielen von maximalem Profit trimmen und die Community dann im Gegenzug versucht, diese Mechanismen bestmöglich zu umgehen. Die Lösung aus Sicht von Blockchain-Experten? Weg von zentralisierten, Entwickler-kontrollierten Servern und hin zu Blockchain-Konzepten, bei denen ein Teil der Server von besonders engagierten Community-Mitgliedern verwaltet wird. Aber auch Blockchain-kontrollierte Voting-Mechansimen wären ein probates Mittel, um allen Spieler ein transparentes Mitspracherecht einzuräumen. Ergebnis? Im Optimalfall besser ausbalancierte Spiele mit einer aufgeschlossenen Community, die wirklich das Gefühl hat „gehört zu werden“ und mitbestimmen zu können.

Wunderwerkzeug im E-Sport-Sektor

Laut einer Analyse des Marktforschungsunternehmens Newzoo wird der E-Sport-Sektor allein im Jahr 2018 Umsätze im Wert 900 Millionen US-Dollar generieren. Für das Jahr 2020 soll diese Ziffer dann sogar auf knapp 1,5 Milliarden US-Dollar anwachsen. Doch die boomende E-Sport-Branche birgt auch Stolpersteine, insbesondere wenn es um Themen wie sichere Transaktionen und effizientes Team-Management geht.

Wie zu erwarten, gibt es natürlich schon erste Anbieter, die genau hier ansetzen, um mit Hilfe von Bockchain-Technologie Lösungen voranzutreiben. Derzeitiges Aushängeschild in diesem Sektor ist zweifelsohne DreamTeam.GG. Das Unternehmen stellt eine All-in-One-Plattform zur Verfügung, die es unter anderem Counter-Strike: GO- und League of Legends-Spielern ermöglicht, passende Mitstreiter zu finden, sich mit ihnen zu verbinden und ein Team zu formen. Wer mag, kann sich hier außerdem nach Trainern, Managern und Analysten umschauen. Erste Zwischenbilanz: Ende September 2018 hatten sich bereits mehr 843.000 Spieler registriert und mehr als 145.000 Teams gegründet.

Derzeit arbeitet der Anbieter außerdem daran, die für ein solches Öko-System wichtige, Bezahl-Infrastruktur auf den Weg zu bringen. DreamTeam.gg selbst vergleicht das Blockchain-überwachte System mit PayPal und verspricht, dass es unter anderem die sichere und schnelle Abwicklung von Preisgeldern, Spielergehältern, Transferbeträgen sowie Werbe- und Sponsorengeldern gewährleistet.