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Alexander Gerst: „Ich überschreite mit dieser Mission meinen Horizont“

Anna Schughart 14.07.2017

​Was ist das Schlimmste, das auf der ISS passieren kann? Feuer? Ein Leck? Im WIRED-Interview spricht Alexander Gerst über seine neue Rolle als Kommandant der Internationalen Raumstation ISS und den Vorteil von Hierarchien.

Alexander Gerst fliegt wieder ins All. Im April wird der deutsche Astronaut zurückkehren zur Internationalen Raumstation (ISS). Seine Mission steht unter dem Motto „horizons“. Im zweiten Teil wird Gerst als erster Deutscher das Kommando auf der ISS übernehmen. Wie er für diese Aufgabe seinen eigenen Horizont erweitern muss, was er im Notfall tun muss und wie man eine Astronauten-Crew bei Laune hält, darüber hat Gerst mit WIRED gesprochen.

WIRED: Herr Gerst, wenn Sie bald Kommandant auf der ISS sind, haben Sie Verantwortung für Menschenleben. Was sind denn die größten Gefahren für die Astronauten auf der ISS?
Alexander Gerst: Die schlimmsten Notfälle auf der Raumstation sind Feuer, ein Leck, aus dem Luft entweicht oder der Eintritt von giftigem Ammoniak aus dem Kühlsystem in das Innere der Station. Außerdem medizinische Notsituationen aller Art. Aber es gibt auch kleine technische Notfälle, die nicht unmittelbar das Leben der Mannschaft gefährden: ein Ausfall des Kühlsystems, des Lebenserhaltungssystems oder der Kommunikation, zum Beispiel. In all diesen Fällen muss man sehr schnell reagieren, um zu vermeiden, dass ein technischer Ausfall doch lebensgefährlich für die Crew wird.

WIRED: Mal angenommen, es bricht ein Feuer aus. Was müssen Sie jetzt tun?
Alexander Gerst: Das hängt davon ab, wo das Feuer ausbricht, wie schlimm es ist, wo die Crew ist und so weiter. Das ist eine sehr komplexe Aufgabe. Aber generell müssen zunächst alle Menschen an Bord in Sicherheit gebracht werden. Die zweite Priorität ist es dann, die Hardware zu sichern und das Feuer zu löschen.

WIRED: Und wenn das misslingt?
Gerst: An der Raumstation ist immer ein Rettungsvehikel angedockt, mit dem man nach Hause fliegen kann. Aber das ist wirklich die allerletzte Möglichkeit.

Ich treffe im Notfall alle Entscheidungen selbst, die Bodenkontrolle greift nicht ein

WIRED: Als Kommandant treffen Sie in so einem Fall die Entscheidungen.
Gerst: Absolut. Das ist genau meine Aufgabe. Denn die Wahrscheinlichkeit ist groß, dass in so einer Situation keine Kommunikation mit der Bodenkontrolle möglich ist. Als Kommandant hat man dann die Verantwortung für die Raumstation und die sechs Menschen an Bord.

WIRED: Wie bereiten Sie sich auf den Ernstfall vor?
Gerst: Etwa die Hälfte unseres Trainings im letzten Jahr besteht aus Notfalltraining. Wir stellen diese Situationen nach und müssen dann als Mannschaft reagieren. Wir treffen dabei alle Entscheidungen selbst, die Bodenkontrolle greift nicht ein.

WIRED: Haben Sie bei Ihrem ersten Aufenthalt auf der ISS einen echten Notfall miterlebt?
Gerst: Ja, als ich oben war, gab es zwei Feueralarme an Bord der Raumstation. Einmal ist beispielsweise eine Heizspule des Wassererhitzungssystems durchgebrannt. Wenn der Alarm klingelt, kriegt man schon einen kleinen Adrenalinkick. Da ist es gut, dass man auf die Trainingserfahrung zurückgreifen kann. Man spult dann das Programm ab, das man trainiert hat.

WIRED: Was ist denn, wenn alles ruhig und nach Plan läuft – haben Sie als Kommandant dann noch etwas zu sagen oder hat die Bodenkontrolle das Kommando?
Gerst: Das Notfallmanagement ist nur ein Teil der Aufgaben des Kommandanten. Ich muss schauen, dass die Mannschaft nicht überlastet, aber auch nicht gelangweilt ist. Es ist gut, wenn es jemanden gibt, der ein Auge darauf wirft, ob es allen gut geht und zusammen mit der Bodenkontrolle Entscheidungen trifft.

WIRED: Und welche Aufgaben haben Sie während der Vorbereitungszeit?
Gerst: Ich habe einen Überblick über das Training und achte darauf, dass die Mannschaft bekommt, was sie braucht. Dass alles passt und die Stimmung gut ist. Da sind auch Softskills gefragt. Ich muss immer wieder auch ein bisschen lenken. Das ist anders, als bei meiner letzten Mission, bei der ich Bordingenieur war.

WIRED: Sie erweitern – ganz nach dem Missionsmotto – Ihren Horizont?
Gerst: Ja, ich überschreite mit dieser Mission meinen persönlichen Horizont. Ich habe ja den Vorteil – und deswegen gibt man den Job auch normalerweise jemanden, der schon geflogen ist – dass ich mich nicht mehr so viel mit den Inhalten beschäftigen muss, die ich schon beim letzten Mal gelernt habe. So habe ich Kapazitäten frei, mich mit dem Großen und Ganzen zu beschäftigen. Kommandant zu sein, das muss man lernen.

Ein guter Kommandant zapft die Expertise seiner Mannschaft an

WIRED: Gibt es auf der ISS verschiedene Führungsstile?
Gerst: Ja, jeder bringt seinen eigenen Führungsstil mit. Aber man darf nicht vergessen, dass wir hauptsächlich als Freunde da hochfliegen. Wir trainieren jahrelang zusammen und kennen uns gut. Die Mannschaft hat dann schon gezeigt, dass sie zusammenarbeiten kann, auch ohne jemanden, der kommandiert. Denn darum geht es ganz bestimmt nicht als Kommandant.

WIRED: Sondern?
Gerst: Es ist wichtig zu wissen, wann man sich auch mal zurücknehmen muss, die Dinge laufen lassen kann. Ich sehe mich als Kommandant eher in der Aufgabe, in einer freundschaftlichen Art und Weise zu helfen. Um dann einzuschreiten, wenn es einen Notfall gibt oder Kommunikationsprobleme.

WIRED: Wenn aber alle miteinander befreundet sind und es keine richtige Hierarchie gibt, ist es dann nicht schwieriger, Befehle zu geben?
Gerst: Die Hierarchie gibt es ja, sie ist nur nicht immer notwendig. An einem normalen Arbeitstag muss man als Kommandant keine Befehle geben. Aber bei Notfällen muss man sich natürlich strikt an die Hierarchie halten. Bei meiner letzten Mission war es für mich selbstverständlich, dass wenn mein Kommandant – der auch ein guter Freund von mir ist – sagt: „So machen wir es!“, dann wird das so gemacht. Ein guter Kommandant zapft aber auch die Expertise seiner Mannschaft an und entscheidet nicht alles nach Gutdünken.

WIRED: Sie sind auch für die Stimmung in der Crew verantwortlich. Wie hält man sechs Menschen bei Laune, die monatelang auf engstem Raum die Erde umkreisen?
Gerst: Letztendlich macht man das, was man auch mit seinen Freunden machen würde, wenn man merkt, dass es jemandem schlecht geht: Man versucht, mit der Person zu reden, herauszufinden, wo das Problem ist und wie man die Stimmung verbessern kann. Man achtet darauf, dass niemand zum Außenseiter wird. Viel funktioniert auch mit Humor. Bei meiner letzten Mission haben wir uns zum Beispiel mit der Bodenkontrolle zusammen jeden Tag gegenseitig Rätsel gestellt.

WIRED: Zukünftige Mission führen die Menschen vielleicht zum Mars oder zum Monddorf. Dann müssten Astronauten über viel längere Zeiträume im All überleben. Wie kann die ISS dabei helfen?
Gerst: Die ISS ist unser Testvehikel, um zu lernen, wie man länger und weiter in den Weltraum fliegt. Wie schafft man es, dass eine Mannschaft lange Zeit auf engem Raum zusammenlebt und trotzdem noch gute Arbeit macht? Aber auch auf technischer Ebene lernen wir von der ISS. Für die Konstruktion zukünftiger Raumschiffe wollen wir auf meiner Mission zum Beispiel ein neues Lebenserhaltungssystem testen. Oder nehmen Sie die medizinischen Aspekte: Weil wir mithilfe der ISS bereits mehrere Generationen von Trainingsgeräten entwickelt haben, ist das Problem von Muskel- und Knochenabbau im All mittlerweile gut unter Kontrolle. Ich habe bei meiner letzten Mission sogar drei Kilogramm Muskelmasse aufgebaut.

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