THINK: Die Generation Internet braucht Schutz

von Johnny Haeusler am 8. Januar 2013

Johnny Haeusler (Bild: Jim Rakete)

Johnny Haeusler (Spreeblick-Blogger, re:publica-Miterfinder) hat gemeinsam mit seiner Frau Tanja das Buch “Netzgemüse – Aufzucht und Pflege der Generation Internet” geschrieben. Bild: Jim Rakete

Als Eltern haben wir das Sorgerecht für unsere Kinder, und manchmal nutzen wir es sogar, um uns zu sorgen. Zum Beispiel, weil Pornografie im Netz immer nur einen Klick entfernt ist. Wir sorgen uns auch wegen drastischer Gewaltszenen, die wir Kindern nicht zumuten wollen. Und beinahe noch mehr wegen der Allgegenwärtigkeit einer fast ausnahmslos von Männerfantasien und kommerziellen Interessen gesteuerten Industrie, die für viele Jugendliche die Sexualerziehung übernommen hat. Und dabei nichts als Sexismus lehrt.

Natürlich stehen Eltern den Heranwachsenden im besten Fall zur Seite, haben ihr Vertrauen bei Fragen oder Problemen und sprechen mit ihnen offen über Sexualität. Aber leichter geworden ist das alles im Angesicht des Netzes nicht, es ist im Gegenteil sehr kompliziert und manchmal sogar aussichtslos, und es stellt neben den vielen anderen Erziehungsaufgaben eine enorme Belastung dar.

Schade also, dass es bisher so wenig Unterstützung aus dem Netz gibt, wenn es um neue Herausforderungen für die digitale Gesellschaft geht, zu der eben auch Kinder gehören. Schade, dass das höchst uncoole Thema Jugendschutz so oft irrtümlich mit Zensurversuchen gleichgesetzt wird. Und schade, dass nicht mehr Nerds Kinder haben.

Denn wenn netzferne Politik mit immer neuen und absurderen Vorschlägen zu Internetsperren, nach geheimen Listen oder kompletter Datenüberwachung, den berechtigten Hohn und Hass der Netzgemeinde auf sich zieht, dann liegt das nicht zuletzt auch daran, dass sich diejenigen, die es besser wissen und könnten, zu selten selbst verantwortlich fühlen.

Wie schwer kann es sein, Plug-ins zu entwickeln, welche die freiwillige Altersempfehlung ganzer Websites oder einzelner Beiträge mit einem Klick möglich machen, und wieso scheint es so undenkbar, dass sich Blogger und Forenbetreiber auf die Nutzung solcher Empfehlungen einigen? Wie viel Freiheit büßten wir als Erwachsene tatsächlich ein, würden wir für einige Netzbereiche einer einfachen, sicheren und anonymen Altersverifikation auf Open-Source-Basis zustimmen?

Kein System ist perfekt und keine Technik der Welt beantwortet erzieherische oder gesellschaftliche Fragen. Doch sie kann dabei helfen, den Alltag etwas einfacher zu machen und Arbeit zu erleichtern. Die Nachfrage von Eltern und Schulen ist vorhanden ebenso wie die staatliche Pflicht, Kindern besonderen Schutz zukommen zu lassen. Deshalb haben Google, Facebook, Apple und Microsoft verschiedene Kinder- und Jugendschutzsysteme entwickelt und im Einsatz. Kommerzielle Unternehmen also, mit nicht immer eindeutigen Absichten und meist ohne tatsächliche Transparenz für die erwachsenen Nutzer.

Um Jugendschutz nicht allein den Unternehmen zu überlassen, wäre es daher begrüßenswert, wenn offene und vernünftige Lösungen für Kinder- und Jugendschutz im Netz, die Zensur und Überwachung ausschließen, endlich aus den Reihen der Netzgemeinde kämen. Vielleicht bleibt dies der ewige Wunsch nach einer solidarischen Gemeinschaft, die nicht nur die Rechte des Einzelnen, sondern auch die der Schwachen berücksichtigt. Vielleicht ist es aber auch nur eine Frage der Zeit.

„Das mit Kindern und dem Internet hatte ich mir früher sehr viel einfacher vorgestellt“, seufzte ein Bekannter, seit Jahrzehnten Programmierer, aber erst seit sechs Jahren Vater einer Tochter und eines Sohnes. „Da müsste man sich mal was einfallen lassen.“

Johnny Haeuslers Kolumne stammt aus der Rubrik THINK in Ausgabe 2/2012 der deutschen WIRED. Sein Buch “Netzgemüse” ist Ende 2012 bei Goldmann erschienen.

{ 11 Kommentare… lies sie unten oder schreib selbst einen }

Christoph v. Gallera (@mittelhesse) Januar 8, 2013 um 11:34

Gute Gedanken, aber eine Lösung ist wohl nicht einfach: Um dies zu regeln müsste man natürliche Hemmschwellen, die in der Analogwelt in einem Prozess, den man Erziehung nennt, vermittelt werden, in der Netzwelt simulieren. Website, die speziell für Kinder und Heranwachsende bereitgestellt werden, haben vermutlich einen schwereren Stand als die “glitzernd, verlockende” restliche Netzwelt – die einen ähnlichen Reiz ausübt wie ehemals Nachbars verbotene Kirschen. Nur, wie will man die natürlichen Hemmschwellen der Analogwelt ins Netz transportieren? Das scheint mir gegenwärtig ein unauflösliches Paradoxon zu sein: Jeder noch so gute Schutz lässt sich mit der Identität des volljährigen Geschwister, Freund oder Bekannten aushebeln. Ist wie mit dem Abgabeverbot für Tabak und Alkohol an Minderjährige.

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Feyd Braybrook Januar 8, 2013 um 12:07

Freiheit und Partikularismus, die neuen Fetische einer dahinirrenden Gesellschaft. Aus dem Blickwinkel des puren Freiheitswahns heraus lässt sich natürlich jegliche Form von Einschränkung als Zensur hinstellen.
Diese beschränkte Perspektive auf die Probleme unseres Alltags und der Gesellschaft bringt uns Schritt für Schritt in eine erzwungene Weltsicht: bloss nicht die Freiheit (was immer das ist) kritisieren – das ist nämlich böse.
Und alles, was grenzenlos frei ist (was immer das ist), ist gut.
Da war schwarz-weiss-Fernsehen noch fortschrittlicher.

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Eku Wand Januar 8, 2013 um 13:39

„… schade, dass nicht mehr Nerds Kinder haben!“

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Peter G Januar 8, 2013 um 16:24

große Worte, aber mehr auch nicht.

was ist denn die aussage? dass es eine open-source-verifizierungs-software-voodoo geben soll?
dass alle internetuser der welt sich in ihrer kinderliebe und verantwortung zusammen tun und freiwillig und unverbindlich ihre inhalte mit einem alter kennzeichnen?

da fehlts für mich an netzwerkverständnis.

warum sollen die anderen das tun?
ich muss dafür sorgen, dass meine kinder entsprechend meiner erziehung aufwachsen.
es ist irgendwie ein urdeutsches ding, eine unglaublich freche bequemlichkeit das von anderen (am liebsten von einer zentralen behörde!) zu erwarten.

zack, bum, firefox plugin drauf und fertig ists mit porno-websites für meine kids.

think!

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etg Januar 8, 2013 um 16:58

“Schade, dass das höchst uncoole Thema Jugendschutz so oft irrtümlich mit Zensurversuchen gleichgesetzt wird.”

Weil Jugendschutz oft für Zensur missbraucht wird. Das war einfach.

“Wie schwer kann es sein, Plug-ins zu entwickeln, welche die freiwillige Altersempfehlung ganzer Websites oder einzelner Beiträge mit einem Klick möglich machen, und wieso scheint es so undenkbar, dass sich Blogger und Forenbetreiber auf die Nutzung solcher Empfehlungen einigen?”

Woher soll ich wissen, für welches Alter meine Äußerungen geeignet sind? Welche rechtliche Folgen gibt es für mich, wenn ich eine “falsche” Einschätzung gebe? Soll ich Seiten oder Einträge kennzeichnen? Alles Fragen, die man mal diskutieren könnte, wenn sich für mich eine klare Notwendigkeit aufdrängen würde.

“Um Jugendschutz nicht allein den Unternehmen zu überlassen, wäre es daher begrüßenswert, wenn offene und vernünftige Lösungen für Kinder- und Jugendschutz im Netz, die Zensur und Überwachung ausschließen, endlich aus den Reihen der Netzgemeinde kämen.”

Schwierig. Sehr schwierig. Müsste auch evtl. international gelten. Von den eben angesprochenen Problemen mal ganz abgesehen. Für ein amerikanisches Kind müsste ich beschreibungen von Brüsten sperren, für ein deutsches die von Gewalt, aber nicht für die Amis, denn das wäre Bevormundung.

Ich sehe da keine vernünftige Lösung in Sicht.

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Christoph Kappes Januar 8, 2013 um 17:16

Ich bin nicht sicher, ob ich den Tenor teile – das Aufstellen von moralischen Forderungen an eine unspezifische Allgemeinheit ist genau das, was mich in Blogpostings am meisten nervt (und das wird nicht besser, wenn es gedruckt war.)
Aber sowas gab es schon: das Startup Kinkon hatte ich sogar als Coach betreut. Und wenn sich jemand für das Thema interessiert, so googele er einen Ansprechpartner. Ich selbst darf dazu nichts sagen.
Es hat aber mit Behörden zu tun, die keine Ahnung haben, und mit Gesetzen, die in ihren Grundlagen schon falsch angelegt sind.

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Christoph Kappes Januar 8, 2013 um 17:22

Ps: Und es hat mit Technik zu tun, denn es gibt viele Anbieter von freiwilligen Sperren, sie sind nur heute gut umgehbar. Wir hatten das für den IP-Stack im Router vorgesehen, aber auch das ist mit einem Hack offen.
Ich fürchte also, Technik hilft nicht.
Und, das ist ein grundsätzlicher Punkt, ich glaube, Eltern tun das schon meistens richtig, auch ohne Appelle. Das Problem ist eher in bildungsfernen Schichten – und da verpufft auch ein Text sogar dann, wenn er in der GQ stünde.

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Martin Meyer-Gossner Januar 8, 2013 um 18:01

Gut geschrieben. Jedoch… Solange sich Schulen und Ministerien dagegen wehren, dass sich freiwillig Väter abends in die Schule begeben und dort ein wenig Aufklärung freiwillig für die Eltern leisten, solange Eltern ihre Smartphones und Tablets ohne Nachdenken stundenlang ihren Kindern überlassen, solange große Konzerne lieber Geld mit ihren “Image-Protzhallen” machen als für ein Projekt mal einen Tag die Räume zur Verfügung zu stellen, solange bleibt ein Post ein Post. Und was der bewegen oder anrichten kann, werden viele Eltern dann eben auch weiterhin nicht verstehen. Wer also Unterstützung will, ich bin offen dieses “solange” aussterben zu lassen…

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Christof Januar 8, 2013 um 18:25

Ich find die Idee gut und würde mitspielen. Lasst uns doch alle Bedenken offborden und etwas Gutes erfinden?

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Eku Wand Januar 9, 2013 um 08:35

Ich ebenfalls!

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etg Januar 9, 2013 um 10:11

Gute Idee. Wenn mir jetzt noch jemand sagen könnte, was “etwas Gutes” ist.

Ich fange mal an:
- kein Zwang zur Teilnahme
- international gültig (oder Alterskennzeichnung nach Ländern?)
- einfach in der Handhabung
- Kennzeichnung von Seiten bzw. Sites möglich
- sinnvoller default-Wert bei Nichtkennzeichnung

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