Der Lorm Glove hilft taubblinden Menschen, mit ihrer Umgebung zu kommunizieren. Motoren werden zu Übersetzern. (Foto: Noshe)
Am Berliner Design Research Lab arbeitet man an den Nutzerschnittstellen von morgen. Was bedeutet eigentlich innovative Bedienung, und sind Touchscreens wirklich schon das Optimum? Herauskommen Gestaltwandelnde Handys und Cyber-Lollis. Ein Besuch
Den Leitspruch haben sie sich auf den Fußabtreter geschrieben. Ein roter Teppich, die Schrift ist schmutzig-weiß vom permanenten Nieselregen des Berliner Sommers: „Wir können überhaupt nicht denken, ohne unsere fünf Sinne zu gebrauchen“, steht dort. Albert Einstein hat das der Nachwelt ins Kalenderblatt diktiert, und das Design Research Lab der Universität der Künste in Berlin-Charlottenburg arbeitet daran, das Zitat in die digitale Gegenwart zu übersetzen. Das Ziel: Technik mit allen Sinnen spür- und nutzbar zu machen.
Wer das Labor betritt, sieht merkwürdige Handy-Skulpturen an der Wand hängen. An manchen glitzern Discokugeln, an anderen ist eine Pfefferspraydose installiert. „Kids aus Neukölln haben uns gezeigt, welche Funktionen sie sich von einem Handy wünschen“, sagt Gesche Joost, die Leiterin des Labors. Die Spielerei enthüllt wichtige Fragen. Was erwarten wir in einer nahezu vollständig vernetzten Welt von unseren Geräten? Wie werden wir in Zukunft mit ihnen umgehen? Zusammen mit etwa 20 Studenten und Doktoranden versucht sich Gesche Joost an der Antwort: Technik muss sich endlich wieder nach den Menschen richten.
Wir haben ein Problem. Wir sind in unsere Gadgets verliebt. Knapp 40 Prozent aller Smartphone-Nutzer synchronisieren sich schon vor dem Aufstehen mit ihrem Telefon anstatt mit dem Partner. Neurologen bewiesen im Herbst 2011 die bittere Wahrheit, als sie 16 iPhone-Nutzer einer MRT unterzogen. Sie zeigten ihnen Bilder und Videos ihrer Smartphones. Während die Probanden die Produkte betrachteten, feuerten die Neuronen in ihrer Inselrinde, einem Teil des Großhirns, der mit Liebes- und Lustempfindungen in Verbindung gebracht wird. Letztendlich bleibt die Beziehung zwischen Mensch und Technik aber einseitig. „Ein Smartphone ist eine Maschine, die kein Mitgefühl haben kann“, sagte die Techniksoziologin Sherry Turkle vor Kurzem.
Oder etwa doch? Für Fabian Hemmert sind empathische Gadgets keine Utopie. Der Doktorand ist so etwas wie der Shootingstar des Design Research Lab, er reist durch die Welt und spricht auf Symposien oder einflussreichen Konferenzreihen wie der TEDx oder der Lift. Vielleicht liegt das an den Geräten, an denen Hemmert arbeitet: Mobiltelefone. In seinen Prototypen besitzen sie einen Puls und verändern ihre Form. Wie wäre es etwa, wenn man schon am Vibrationsfeedback des Telefons erkennen könnte, ob die Angebetete eine Mail geschrieben hat? Dann bekäme das Smartphone Herzklopfen. Oder wenn der Leser eines Textdokuments erkennen könnte, wie viele Seiten noch vor ihm liegen, indem das Telefon auf einer Seite dicker ist als auf der anderen. So, wie es eben auch bei einem analogen Buch der Fall ist. Fabian Hemmert möchte die Relevanz von digitalen Informationen in die analoge Realität übersetzen.
Nicht die Frage nach dem technisch Machbaren steht für Gesche Joost und ihr Forschungsteam im Vordergrund. Sondern die nach der Nützlichkeit. Denn welche Bedürfnisse die User eigentlich haben, wird von den Ingenieuren immer wieder vergessen. „Der Mensch sollte im Mittelpunkt stehen“, sagt die Leiterin des Labors. „Vieles, was technisch machbar ist, ist soziologisch überhaupt nicht wünschenswert.“ Inspiration bekommen ihre Studenten immer wieder von Menschen, die abseits des Mainstreams stehen. Weil sie nicht die entsprechende Kaufkraft aufbringen können oder weil ihre Bedürfnisse zu schwierig zu befriedigen sind. Kinder aus einkommensschwachen Familien etwa, Ältere oder Menschen mit Behinderungen. So arbeitet eine Gruppe von Studenten gerade am sogenannten Lorm Glove. Ein mit Mikromotoren bestückter Handschuh, der taubblinden Menschen dabei helfen soll, mit ihrer Umgebung zu kommunizieren. Das Lorm-Alphabet ist eine Kommunikationsform für Taubblinde zur Verständigung mit anderen Menschen. Der „Sprechende“ drückt dabei auf die Handinnenfläche des „Lesenden“ – einzelnen Fingern und Handpartien sind bestimmte Buchstaben zugeordnet. Die Handschuhmotoren sorgen nun für die Übersetzung. So können SMS-Nachrichten gelesen werden. Im nächsten Schritt ist eine Spracheingabe geplant.
Ein kurzer Rundgang macht schnell klar, was das Design Research Lab wirklich ist: ein Hackerspace. Das einzige Denkverbot betrifft Denkverbote. Webstühle und analoges Handwerkszeug stehen neben ausgeschlachteten Handys, Chips werden in Strickwesten genäht, überall Arduino-Module, Lötkolben und Kabelverhau, weit vorangeschrittene Prototypen liegen neben vagen Konzepten. Ob die Projekte auch massenmarktkompatibel sind, ist im Lab von nachrangiger Bedeutung. Ein Luxus, ohne Frage. Und das, obwohl Joosts Lehrstuhl eine Stiftungsprofessur ist. Ihr Institut ist Teil der Telekom Innovation Laboratories. An mehreren Standorten lässt der Konzern Ideen zu, die sich nicht sofort in der Bilanz auswirken. Die Grenzen zwischen Technikeuphorie und Technikkritik sind fließend.
Die Arbeit von Alexander Müller wird ziemlich sicher nie im Sortiment der Elektronikmärkte landen. An einen Lügendetektor schließt er präparierte Lollis an. Steckt man die Elektro-Zuckerware in den Mund, erzeugt die Maschine Ton-Rückkopplungen. Es ist eine Mischung aus Klangkörper und kritischer Installation. „Wie nah wollen wir die Geräte eigentlich noch an uns heranlassen?“, fragt Müller. Oder haben wir die Grenzen der Verkabelung längst überschritten? Und wer den Cyber-Lolli im Mund hat, denkt plötzlich darüber nach, ob es nicht vollkommen verrückt ist, sich noch vor dem Aufstehen mit dem Smartphone zu beschäftigen. Statt mit dem Partner.
Dieser Artikel stammt aus Ausgabe 2/2012 der deutschen WIRED.
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